Ratlos steht Sabina Mambetowa vor den Trümmern ihrer Wohnung in Kiew. „Das Dach ist weg“, sagt die Reportern der Nachrichtenagentur AFP. Ohne Wohnung steht sie jetzt alleine mit ihrem Kind da. „Ich weiß nicht, was ich tun soll.“ Die 32-Jährige hat gerade den schwersten Luftangriff auf die Hauptstadt der Ukraine seit Kriegsbeginn überlebt.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Mindestens 20 Tote und Dutzende Verletzte sind die Bilanz der Nacht. Russland hat nach Angaben der Ukraine mit 496 Drohnen und 74 Raketen angegriffen, am Mittwochabend waren die ersten Einschläge zu vernehmen. Selbst tief unter der Erde seien die Explosionen noch zu hören gewesen, schreibt der „Kyiv Independent“. Erst am Donnerstagmorgen endete das Inferno, das viele Menschen wiedereinmal in ihre Luftschutzkeller und U-Bahnhöfe zwang.

Ukraine-Krieg - Kiew
Ein Wohnhaus brennt nach einem russischen Raketenangriff. (zu dpa: «Russischer Raketenhagel auf Kiew - viele Tote und Verletzte»)© Danylo Antoniuk/AP/dpa | Danylo Antoniuk

Russland spürt den Druck

Moskau sagt, die Angriffe hätten Rüstungsbetrieben und der Energieinfrastruktur gegolten. Man werde den Druck auf Kiew verstärken, verlautete aus dem Kreml, „um seine gesetzten Ziele zu erreichen“. Von denen ist Russland weit entfernt. 1,4 Millionen Gefallene, Vermisste oder Verletzte in den eigenen Reihen, keine nennenswerten Geländegewinne mehr, stattdessen: erfolgreiche Gegenangriffe der Ukrainer und ein Drohnenkrieg, der das Land in eine Energiekrise stürzt.

Ukraine-Krieg - Kiew
Anwohner betrachten ein Wohngebäude, das bei dem russischen Raketenangriff in Kiew stark beschädigt wurde. © Danylo Antoniuk/AP/dpa | Danylo Antoniuk

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj drängt am Donnerstag auf mehr Unterstützung bei der Flugabwehr. Sein Land zähle „sehr stark“ darauf, künftig Patriot-Raketen in Lizenz selbst produzieren zu dürfen. So könnten Angriffe wie der aus der Nacht verhindert werden.

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„Jede Nacht fühlt sich wie eine Lotterie an“

Im Westen lösen die Angriffe Entsetzen und Bestürzung aus. Das Auswärtige Amt in Berlin verurteilte das Bombardement „auf das Schärfste“ und sprach von „erschütternden Bildern der Zerstörung“. Der Kreml-Chef Wladimir Putin zeige „keinerlei Verhandlungsbereitschaft“, erklärt ein Sprecher. „Er setzt weiter auf Raketen- und Drohnenterror gegen die Bevölkerung, während Russland an der Front enorme Verluste bei seiner Aggression gegen die Ukraine erleidet.“ Deutschland werde gemeinsam mit seinen Partnern den Druck auf Russland erhöhen.

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Kiew im fünften Kriegsjahr – das Lied der Hochschwangeren
Im Krisenmodus
 

Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas forderte derweil neue Sanktionen gegen Moskau. „Je mehr Moskau Zivilisten angreift, desto mehr Sanktionen müssen verhängt werden.“ Sie werde vorschlagen, „weitere Einrichtungen zu sanktionieren, die Russlands militärisch-industriellen Komplex unterstützen“. „Worte der Verurteilung allein werden die Angriffe auf Kiew nicht stoppen“, argumentierte die Außenbeauftragte. Dies könnten „nur anhaltende militärische Unterstützung für die Ukraine und wachsender Druck auf Moskau“ erreichen.

Ukraine-Krieg - Kiew
Kiew: Ein Mann reagiert am Ort eines russischen Raketenangriffs. © Efrem Lukatsky/AP/dpa | Efrem Lukatsky

In Kiew geht das Leben derweil weiter. Brände werden gelöscht, Schutt beiseitegeräumt. Die Angst aber bleibt. „Jede Nacht fühlt sich wie eine Lotterie an“, sagt Zherska Anastasiia dem „Kyiv Independent“. „Man wacht am Morgen auf und denkt: Wieder eine Nacht überlebt. Dann verstehst du, dass du weiterleben musst.“ Sie sei heute auf der Arbeit. „Und ich bin mir sicher, dass ich morgen auch wieder hier sein werde.“