Peter Altmaier war erst am falschen Ort. Der frühere Kanzleramtschef von Angela Merkel war in der Berliner Abendhitze auf seinem E-Scooter zur Alten Nationalgalerie gedüst. „Da war aber niemand“, berichtet der CDU-Mann später, nachdem er es doch noch pünktlich ins Berliner Bode-Museum geschafft hatte.

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Hier enthüllt Angela Merkel am Dienstagabend ihr offizielles Kanzlerinnen-Porträt, gemalt von dem erst 28-jährigen Künstler Jérémy Queyras. Es wird ein offizieller und privater Termin zugleich, denn eingeladen sind neben den Medienleuten viele Freunde, Verwandte und Weggefährten der Altbundeskanzlerin.

Auch interessant

Merkel lädt zur deutsch-französischen Porträt-Enthüllung

Die Einladung hätte er erst vor wenigen Tagen erhalten, berichtet Altmaier: „Davor hatte uns die Chefin nur gebeten, diesen Abend freizuhalten.“ Merkel hatte alle ihre vier Kanzleramtschefs eingeladen, Altmaier und Helge Braun kamen, ihre Vorgänger Ronald Pofalla und Thomas de Maizière nicht.

Dafür ist Merkels politische Freundin und Ex-Ministerin Annette Schavan anwesend, selbstverständlich auch ihre langjährige Büroleiterin Beate Baumann, ihre Beraterin Eva Christiansen und ihr früherer Europa-Experte Uwe Corsepius. Doch politische Prominenz ist die Ausnahme an diesem Abend, man sieht viele junge Gesichter und private Freunde und Freundinnen Merkels.

Sie alle drängen sich im Obergeschoss des Bode-Museums in einem Raum, der französischen Malern gewidmet ist. Denn der Merkel-Maler Queyras ist Deutsch-Franzose. In seiner Rede begrüßt der Künstler dann auch seinen Großvater auf Französisch, der sich mit 93 Jahren noch auf die Reise zu diesem Termin gemacht hat. Er bekommt einen der wenigen Sitzplätze, ebenso wie Frankreichs Botschafter François Delattre.

Auch interessant

„Ein Herrscherporträt in einer demokratischen Gesellschaft“

Die meisten Gäste müssen stehen, dafür bekommen sie vier kurze, unterhaltsame Reden zu hören: Erst begrüßt Marion Ackermann, Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, das Publikum. Sie spricht über Merkels Liebe zur Kunst und erklärt das „ungewöhnliche Format“ des Porträts: „Wir nennen es kunsthistorisch ein Kniestück en face“. Merkel ist darauf im Stehen zu sehen, auf Augenhöhe mit dem Betrachter, „ein Herrscherporträt in einer demokratischen Gesellschaft“, sagt Ackermann.

Präsentation von Porträt von Ex-Kanzlerin Merkel
Wiedersehen alter Kollegen: Helge Braun (links), ehemaliger Chef des Bundeskanzleramts, und Peter Altmaier, der auch als Bundesminister unter Merkel diente. © Kay Nietfeld/dpa | Kay Nietfeld

Merkel sei es wichtig gewesen, zugänglich zu wirken. Das Porträt sollten nicht nur Besuchergruppen im Kanzleramt oder die Gäste beim Tag der offenen Tür sehen. Und die Altkanzlerin wolle während der Ausstellungszeit bis zum 4. Oktober hier auch mit Schülergruppen über ihr Porträt ins Gespräch kommen, berichtet Ackermann. „Das tut dem Bode-Museum sicher gut“, mehr junge Besucher, habe die Ex-Kanzlerin gesagt.

Als Nächstes beschreibt Antje Scherner, Direktorin des Bode-Museums, wie sie „aus heiterem Himmel“ im April gefragt worden sei, ob sie Merkels Gemälde ausstellen wolle. Ihr Museum, ein „Ort des Porträts“, biete dafür den perfekten Rahmen, so Scherner. Schließlich würden hier die allerersten Porträts der Weltgeschichte ausgestellt, im vierten Jahrhundert vor Christus auf Münzen geprägt.

247677_1833_247677_cover.jpg
Wie sehr hassen Sie Männer, Jette Nietzard?
Amann Unframed
 

Helmut Kohl als Inspiration: Merkel behält die Kontrolle über das eigene Bild

Merkel betont dann, dass Helmut Kohl sie dazu inspiriert habe, ihr Bild erst im Museum auszustellen, bevor es in die „Ahnengalerie“ ins Kanzleramt wandert. Ihr Entdecker Kohl, von dem sie sich später in der CDU-Spendenaffäre mit großer Härte und Kaltblütigkeit emanzipierte, diente Merkel noch in einer anderen Hinsicht als Vorbild: Wie ihr Vor-Vorgänger bestellte und bezahlte auch sie ihr Porträt selbst, sodass es zwar ein „Staatsporträt“ (Merkel), aber kein Staatseigentum ist. Im Kanzleramt wird die gemalte Merkel also nur als Leihgabe auftauchen, jederzeit kann die echte Merkel ihr Bild zurückfordern, wenn ihr die Art der Hängung oder der Amtsinhaber nicht mehr passen sollten.

Presentation of the painting “Portrait of former Federal Chancellor Angela Merkel” by French-Canadian artist Jérémie Queyras
Viel Andrang zur Enthüllung: Für ihr Porträt zahlte Merkel selbst – genau wie ihr Vor-Vorgänger Helmut Kohl. © AFP | Tobias Schwarz

„Und jetzt hat der Künstler das Wort“, sagt Merkel. Als Jérémy Queyras dann spricht, fällt auf, wie hell und jung seine Stimme klingt, und ziemlich nervös. Er betont Merkels Einsatz für die deutsch-französische Freundschaft und das vereinte Europa, dankt ihr „als Staatsbürger“ dafür.

Auch interessant

Jérémy Queyras: Wie der Underdog zu Merkels Favoriten wurde

Wie jüngst in der „Zeit“ beschrieben, hat sich Merkel lange Zeit genommen für die Wahl ihres Malers. Das Vorhaben sollte kein Punkt auf einer abzuarbeitenden To-do-Liste werden, sagt sie an diesem Abend, „sondern ich wollte Freude an einem solchen Vorgang haben“. 

Es heißt, vertraute Kunstexperten hätten für Merkel aus dem Berg der Bewerbungen eine Vorauswahl von neun Namen getroffen, aber ihr Büro fischte den handschriftlichen Bewerbungsbrief von Queyras aus dem Posteingang und steckte ihn in diese engere Auswahl.

Präsentation von Porträt von Ex-Kanzlerin Merkel
Altkanzlerin Merkel und Künstler Jérémie Queyras lassen im Bode-Museum die Hüllen fallen. © Kay Nietfeld/dpa | Kay Nietfeld

Der bei seiner Bewerbung erst 22 Jahre alte Künstler war dann ihr erster Kandidat, und blieb der einzige. Er sei ein „Wanderer zwischen den Welten“, sagt Merkel, und beherrsche abstrakte Malerei ebenso wie ihr Gegenstück, die – sie zögert – realistische Malerei? „Ich weiß nicht, wie man das sachkundig ausdrückt“, sagt Merkel. Sie dankt dem Museums-Team, und betont: „Ein Bild musste abgehängt werden“, um Platz für ihr Porträt zu schaffen – „aber es wird ja wieder aufgehängt.“ Die Gemälde wechseln sich ab, wie die Politiker in der Demokratie.

Exklusive Politik-Hintergründe – für Sie recherchiert

„Spuren der Macht“: Jubel bei Merkels Porträt-Enthüllung

Dann treten Merkel und Queyras neben das noch verhüllte Porträt, jeder greift nach einem blauen Band auf seiner Seite. „Drei, zwei, eins“, zählt der Künstler, und die Verdeckung fällt. Eine Merkel mit königsblauem Blazer auf goldenem Grund schaut ernst ins Publikum. Das Gesicht wirkt verhärmt, der Ausdruck entschlossen, fast hart. Man sieht die „Spuren der Macht“, wie die Fotografin Herlinde Koelbl sie schon an der jüngeren Merkel zeigte. Aber Merkels gemalte Augen blicken sanft. Ihre Gäste klatschen und jubeln.

Sie kehren später, als die letzten Medienleute gegangen sind, vom Empfang nebenan noch einmal in den Raum zurück, um sich die gemalte Merkel in Ruhe anzusehen.