Eisenregal reiht sich an Eisenregal, jedes Gestell ist gefüllt mit blauen Plastikboxen. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein ganz gewöhnlicher Vorratsraum, doch hier, rund 20 Kilometer entfernt von Tel Aviv, wird eines der kostbarsten Güter Israels gelagert: Menschenblut.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Wir stehen mehr als 15 Meter unter der Erdoberfläche, in grellem Neonlicht, mit dem ständigen Surren der Kühlung als Begleitmusik. Mehrere Tausend Blutspenden werden hier, in der nationalen Blutreservenbank Israels, aufbewahrt. Jeden Tag kommt neues Blut hinzu, jeden Tag werden Vorräte aufgebraucht – und sie retten Menschenleben.

Aktuelle Nachrichten zum Krieg in Nahost

Israel: Mauern der Blutbank sollen selbst ballistischen Angriffen standhalten

Es gibt wenige Plätze in Israel, die im Kriegsfall sicherer sind als das nationale Blutlager der Rettungsorganisation Roter Davidstern (MDA) in Ramla – jedenfalls, was zivile Einrichtungen betrifft.

Die Menschen, die hier arbeiten, bewegen sich in einem riesigen Tresor mit massiven Betonwänden, die durch kilometerlange Bewehrungsstahlstangen verstärkt sind. Wie groß und schwer diese Stangen sein müssen, hat kein Architekturbüro bestimmt, sondern das Heimatfrontkommando der israelischen Armee. Das Ziel war klar: Keine ballistische Rakete, die hier einschlägt, darf die Blutreserven zerstören. Auch vor chemischen und biologischen Angriffen sollte das Lager geschützt sein. All diese Vorgaben wurden erfüllt. Bis zu eine halbe Million Blutreserven kann das Lager fassen. Zum Vergleich: Israel hat zehn Millionen Einwohner.

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Im Krisenmodus
 

„Das Gold unter den Blutreserven“

Mehrere separate Notstromaggregate sorgen dafür, dass das Kühlsystem bis zu 72 Stunden lang autark betrieben werden kann – etwa für den Fall, dass Cyberangriffe das Stromnetz lahmlegen. Das ist dringend nötig: Die Blutreserven für den täglichen Bedarf werden bei vier Grad Celsius gelagert, Plasma hingegen bei minus 30 Grad Celsius.

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„Das ist das Gold unter den Blutreserven“, sagt Nadav Metzner von MDA, der durch die Blutbank führt. Er zeigt auf ein Eisenregal mit einer weißen Plastikbox, voll mit in Plastik eingeschweißten Blutportionen. „Ganzes Blut“ steht auf einem laminierten A4-Blatt.

Diese Reserven enthalten Blut, das nicht zentrifugiert und in seine Bestandteile getrennt worden ist. Da es sich um Reserven der Blutgruppe 0 negativ handelt, ist es für alle Bluttypen sofort einsetzbar.

Israel: Vollständiges Blut inzwischen auch an der Front verfügbar

Gebraucht wird es vor allem an den Frontlinien. „Jeder Armeesanitäter und jeder Arzt in der Armee hat drei dieser Reserven in seiner Weste“, sagt Metzner. Das war nicht immer so. Im Zweiten Libanonkrieg vor 20 Jahren wurde verwundeten Soldaten Plasma oder zentrifugiertes Blut verabreicht. Ganzes Blut war damals noch nicht an der Front verfügbar.

Was für einen Unterschied das macht, sieht man anhand der Zahlen: Während im Zweiten Libanonkrieg noch 14 Prozent aller schwer verwundeten Soldaten starben, sind es jetzt nur noch sieben Prozent.

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Wobei auch die schnelle Evakuierung einen Beitrag leistet: Schwer verletzte Frontsoldaten werden per Helikopter direkt in die Krankenhäuser gebracht und bei Bedarf schon während des Transports mit Bluttransfusionen versorgt.

Außergewöhnliche Blutspende-Disziplin

Wie voll die Blutbank ist, hängt davon ab, wann man sie betritt. In Notzeiten strömen die Menschen in Israel zu den Blutspendezentren. So beispielsweise am 7. Oktober 2023, als die Hamas und andere Terrorgruppen aus Gaza in den Morgenstunden im Süden Israels eindrangen und ein Massaker anrichteten und das ganze Land mit Tausenden Raketen angegriffen wurde. Allein am 7. Oktober kamen laut dem Roten Davidstern (MDA) 3400 Menschen, um Blut zu spenden, am Tag danach 4000 Personen. Sie standen bis zu sechs Stunden lang Schlange, um ihren Beitrag zu leisten – manche mussten nach Hause geschickt werden, weil ihr Bluttyp nicht mehr gebraucht wurde. Allein von Juni 2023 bis Juni 2024 wurden mehr als 271.036 Blutkonserven gespendet.

Israel zählt zu den Ländern mit einer außergewöhnlich großen Blutspende-Disziplin. Der überwiegende Anteil der Blutreserven stammt von Personen, die in ihrem Leben bereits mehrmals gespendet haben. Mehr als zwei Drittel der Spenden kommen von Männern: Blutspende-Einheiten in Armeebasen sind eine wichtige Quelle für Blut.

Israels Blutreserven: Manchmal ist die Blutbank erschreckend leer

Wenn gerade kein Krieg herrscht, ist die Blutbank jedoch manchmal erschreckend leer. Die Nachfrage nach Blutreserven ist auch in Friedenszeiten oft höher als die Menge, die täglich an Spenden hereinkommt.

Geburten in Krankenhäusern sind in Israel ein wichtiges Einsatzfeld – nicht, weil Geburten hier häufiger mit hohem Blutverlust einhergehen, sondern weil es viele Geburten gibt. Israel liegt im jährlichen Ranking der OECD-Staaten unbestritten an der Spitze, was die Zahl der Geburten pro Frau betrifft.

Wie im Running-Sushi-Restaurant

Um die Transfusion so sicher wie möglich zu gestalten, kommen kleine Mengen der einzelnen Blutspenden erst einmal in eines der Labore in der unterirdischen Blutbank in Ramla. Wie in einem Running-Sushi-Restaurant wandern die Ampullen hier durch verschiedene Teststationen, um den Bluttypus zu identifizieren. Selten geschieht es, dass eine Lampe rot aufleuchtet: Dann wurde in der Blutprobe HIV oder Hepatitis festgestellt. Die Reserve wird dann ausgeschieden, der oder die Spenderin informiert.

Israel Palestinians Blood Bank
Blutbank in Ramla. © picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Bernat Armangue

Wenn der aktuelle Krieg gegen den Iran zu Ende ist, wird die Blutbank übersiedeln: In Routinezeiten warten die Blutreserven nicht 15 Meter, sondern nur fünf Meter unter der Erde auf ihren Weitertransport in die Krankenhäuser.