Liebe Leserin, lieber Leser,

als ich in dieser Woche mit dem Fahrrad in die Redaktion fuhr, blies mir ein eiskalter Wind entgegen. Ich hatte mich täuschen lassen von dem strahlend blauen Himmel und der klaren Sonne, die warm auf meine Balkonpflanzen schien. Und so trampelte nur im T-Shirt und Jackett gegen den Wind, bis sich die Finger aufwärmten und ich durchaus erhitzt und zehn Minuten früher als geplant meinen Laptop hochfuhr. Es ist eben diese seltsame Zeit der jahreszeitlichen Unentschlossenheit. Die Kraft der Sonne führt in die Irre, es ist noch zu früh, um den Mantel wegzuhängen, aber wenn man ihn trägt, schwitzt man.

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Diese Unentschlossenheit passt zur allgemeinen Lage. Die Waffenruhe im Iran und in Libanon funktioniert wie ein schlechtsitzender Deckel, der das Überkochen nicht verhindern kann. Und Deutschland braucht dringend Reformen, doch das politische Gerangel darum lässt uns alle verharren in einer gewissen Verdrossenheit.

So viel Gerangel um Reformen. Was dabei heraus kommt: 17 Cent Tankrabatt

Die Aufgabe ist ja auch kaum lösbar: Wir alle, die Bürgerinnen und Bürger, sollen entlastet werden. Gleichzeitig frisst der Staat immer mehr von unserem Geld. Natürlich geht es dabei um unsere Sicherheit, ob sie nun von außen bedroht wird und wir die Bundeswehr aufrüsten müssen oder von innen, etwa weil unsere Sozialversicherungssysteme nicht stabil genug sind, um dem demografischen Wandel standhalten zu können.

Birgitta Stauber-Klein Newsletter Bild
Birgitta Stauber, Textchefin© Montage | FMG/Reto Klar/FFS

Die Gesellschaft wird älter, das zwingt die Krankenkassen in die Knie und vor allem unser Rentensystem. Es gibt eben immer weniger Beitragszahler und immer mehr Rentner. Ich höre diese Binse seit Jahrzehnten. Insofern überrascht mich der Bundeskanzler nicht mit seiner Aussage, die gesetzliche Rentenversicherung werde allenfalls eine „Basisabsicherung“ sein. Mit Sicherung des Lebensstandards hat diese Rente nichts zu tun, das sollte jedem bewusst sein, der seine Rentenbescheide studiert. Denn da steht drin, wie wenig Geld am Ende rauskommt.

Klar ist: Die Politik hat es in den vergangenen Jahrzehnten versäumt, die Sozialversicherungssysteme dem demografischen Wandel anzupassen. Es gab allenfalls schlecht funktionierende Kosmetik, etwa die Riester-Rente. „Der gesamte Prozess der Rentenreform befindet sich in einem frühen Stadium“, analysiert mein Kollege Günter Marks, der unter die Lupe genommen hat, was Friedrich Merz mit Basisabsicherung meint.

Was ich mir wünsche? Endlich eine Politik, die mehr ist als ein Kompromiss auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Die ideologiefrei ist, pragmatisch, einer gewissen Logik folgt statt sich mit Symbolen wie den Tankrabatt zufrieden zu geben.

Mit 17 Cent die Volksseele beruhigen: Kann das klappen?
Mit 17 Cent die Volksseele beruhigen: Kann das klappen?© dpa-Zentralbild/dpa | Jens Büttner

Denn die 17 Cent, die der Staat bei der Mineralölsteuer pro Liter erlässt, wirkt für mich wie ein Strahl aus der Gießkanne, der nur ein paar Blätter nass macht. Was ist, wenn auch noch im Herbst die Straße von Hormus blockiert ist? Wenn globale Lieferketten ausfallen? Wenn die Inflation massiv zuschlägt und nicht nur eine Halbierung, sondern ein Zusammenbruch der Konjunktur droht, Menschen massenhaft ihre Jobs verlieren? Zynisch gesagt, dann brauchen sie wenigstens kein Benzin mehr, um zur Arbeit zu fahren.

Kühl, stählern, resilient: So tickt Katherina Reiche, die Streitbare

Also lautet mein Appell an die Protagonisten unserer Regierung: Rauft euch zusammen, statt euch gegenseitig zu blockieren. Dass dieser Appell nötig ist, zeigt die lautstarke Auseinandersetzung zwischen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und seinem Finanzminister von der SPD, Lars Klingbeil, die es neulich bei der Tagung in der Villa Borsig am Tegeler See in Berlin gab. Friedrich Merz platzte offenbar nach stundenlangem Stillstand beim Ringen um Reformen der Kragen. Was zeigt: Die Nerven lieben blank.

Katherina Reiche
Hält an fossiler Energie fest: Katherina Reiche.© Michael Kappeler/dpa | Michael Kappeler

Resilient wirkt allerdings Katherina Reiche (CDU), unsere Wirtschaftsministerin. Stählern im Auftritt, kühl in der Wirkung, lässt sie die Kritik an ihrer Energiepolitik abprallen – eine Politik, die Gas- und Ölheizungen sowie Verbrenner-Autos eine Zukunft bietet, obwohl die derzeitige Weltlage zeigt, wie fatal sich die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen auswirkt. Meine Kollegin Theresa Martus hat sie porträtiert und kommt zu dem Schluss: Katherina Reiche ist nicht angetreten, um gemocht zu werden.

Neuer Irrsinn aus den USA: War das Attentat auf Trump nur inszeniert?

In den USA geht es wie gewohnt mit einem gewissen politischen Irrsinn weiter. Erinnern wir uns an den Wahlkampfsommer 2024: Damals tourte Donald Trump durch das Land. Bei einem Auftritt in Butler, Pennsylvania, schoss der 20-jährige Matthew Crooks auf Trump, traf ihn am Ohr. Scharfschützen erschossen den Attentäter, Trump inszenierte sich als Held. Doch was das Motiv des Attentäters war, ist bis heute unklar.

Senat: Schwere Fehler des Secret Service vor Trump-Attentat
Kämpferisch, trotz Blut am Ohr: Trump nach dem Attentat auf einer Wahlkampfveranstaltung im Sommer 2024. © DPA Images | Gene J. Puskar

Und das führte in amerikanischen Verschwörungskreisen zu der Mutmaßung, das Attentat von Butler sei inszeniert worden. Inzwischen kommen die Zweifel nicht nur von den Trump-Gegnern, sondern auch aus eigenen Reihen, schreibt unser Korrespondent Dirk Hautkapp. Er nennt Namen wie Tucker Carlson, den prominenten Verfechter des Trumpismus. Oder auch Candace Owens. Lesen Sie hier, welche Milliardärin die bislang Trump-treue Influencerin hinter dem versuchten Attentat vermutet.

Verschwunden oder erschossen: Was steckt hinter dem Schicksal der Ufo-Forscher?

Bleiben wir beim US-Irrsinn. Diesmal geht es um Phänomene, die wir uns mit unseren Möglichkeiten nicht erklären können. Die Rede ist von außerirdischem Leben und Ufos – im offiziellen Sprachgebrauch sind das „Unidentifizierte Anomale Phänomene (UAP)“. Dass die USA daran kräftig forschen, haben wir in der Vergangenheit bereits berichtet.

Nun aber das: Wissenschaftler und Mitarbeiter verschiedener Forschungseinrichtungen, die mit diesen UAPs zu tun hatten, sind verschwunden oder tot. Das lässt nicht nur die Spekulationen in den sozialen Medien hochkochen, inzwischen ist auch das Weiße Haus alarmiert. Lesen Sie hier, um welche Wissenschaftler es geht und welche Ideen und Vermutungen rund um ihre Schicksale kursieren

„Nicht alle Männer, aber immer ein Mann“: Warum dieser Satz so triggert

Zurück zu dem, was die Gesellschaft in Deutschland umtreibt. Nein, ich meine nicht den Wal Timmy. Den habe ich aus meinem Bewusstsein gestrichen, weil mir das Theater um das arme Tier furchtbar auf die Nerven geht. Es geht um die Debatte rund um den Fall Ulmen/Fernandes. Eben weil so viele Frauen von Deepfakes, unerwünschter Anmache bis hin zu heftiger Belästigung im Netz betroffen sind. „Nicht alle Männer, aber immer ein Mann“ – viele Diskussionen laufen unter dieser Parole. Und die stößt bei vielen Männern, aber auch Frauen heftig auf.

Christian Ulmen und Collien Ulmen-Fernandes
Collien Fernandes wirft ihrem Ex-Mann Christian Ulmen vor, sie virtuell vergewaltigt zu haben. Das hat in Deutschland zu einer Debatte über die Verantwortung der Männer geführt. © Carsten Koall/dpa | Carsten Koall

Ich muss zugeben, auch bei mir, denn ich mag grundsätzlich keine Verallgemeinerungen. Dennoch steckt darin ein Kern, der in dieser Gesellschaft diskutiert werden muss. Und das müssen Männer mindestens aushalten. Noch besser ist es, sich zu solidarisieren.

Warum dieser Satz so triggert, das hat meine Kollegin Alina Juravel eine Geschlechtersoziologin gefragt. Lesen Sie hier, warum es nicht um die persönliche Schuld geht, sondern um Muster, Normen und Strukturen.

Tschernobyl 1986: Der Vater der Klitschko-Brüder war einer der Liquidatoren

Und nun noch ein Blick in die Geschichte, zurück ins Jahr 1986. Es war Frühling, ich kam von einer Abiturprüfung nach Hause und fand meine Mutter im Garten vor. Sie zog heftig an dem großen und ertragreichen Brombeerstrauch. „Der muss weg“, entgegnete sie auf mein fragendes Gesicht. „Völlig verseucht“. Tatsächlich waren wir alle maximal verunsichert, nachdem im fast 1600 km entfernten Tschernobyl ein Atom-Reaktorblock explodiert war. In der Folge zog eine nukleare Wolke über weite Teile Europas – auch über Deutschland. Plötzlich war alles ein Risiko: Die Milch von Kühen aus Bayern. Pilze, Schweinefleisch, und eben auch Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten.

Umfrage: Mehrheit sieht Atomausstieg kritisch
Am 26. April 2026 im vierten Block des ukrainischen Atomkraftwerkes in Tschernobyl kam es zu einer starken Explosion. In den Folgemonaten wurde in Tag- und Nachtarbeit der Block mit einem Betonmantel umhüllt. Im Bild eine Bergungsmannschaft bei Aufräumarbeiten während der Nachtschicht. © DPA Images

Was rund um Tschernobyl los war, ist kaum vorstellbar. Sogenannte Liquidatoren wurden in die Strahlenhölle geschickt, um das Feuer zu löschen. Feuerwehrleute, Piloten, Militärs. Einer von ihnen war Wolodymyr Klitschko, der Vater von Vitali und Wladimir Klitschko. Unser Krisenreporter Jan Jessen hat sein Schicksal nachgezeichnet. Ich kann nur sagen: Es ist keine leichte Lektüre.

Renaissance der Atomkraft: Ist diese Debatte zielführend?

Mag sein, dass wir in Deutschland mit dem Ausstieg aus der Kernenergie vorschnell unser technologisches Know-how und eine CO2-freie Alternative aufgegeben haben. Und damit der Zug in Deutschland abgefahren ist. Aber ich trauere der Atomenergie nicht nach, wenn ich mich an Tschernobyl erinnere.  

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Und auch wenn Markus Söder oder andere davon träumen, unsere stillgelegten Meiler wieder ans Netz zu nehmen oder die Entwicklung modernerer, kleinerer und auch risikoärmerer AKW zu fördern: Es wäre wohl viel zu teuer. Die Energiekonzerne haben bereits abgewunken. Bezahlt werden müsste es aus öffentlichen Kassen, also durch Einnahmen der Steuerzahler. Aber klar ist auch: Wenn wir unseren Wohlstand halten wollen, muss Energie verfügbar sein. Der bewusste Umgang damit ist jedenfalls nie falsch.

Ich bin jedenfalls froh, dass ich auch an einem Apriltag noch die Heizung einschalten kann, damit ich nicht mit klammen Fingern zum Beispiel diesen Newsletter schreibe.

Und das stimmt mich versöhnlich. Ich hoffe, Ihnen geht es auch so und Sie haben die Gelegenheit, die Sonne bei frischer Luft zu genießen.

Wie immer wünsche ich Ihnen einen erholsamen Sonntag,

Ihre Birgitta Stauber