Raketen und herabstürzende Trümmerteile von abgewehrten Kampfdrohnen sind der Gegenentwurf zu dem, was Dubai sein will: im Idealfall makellos. Dazu gehören exklusive Shoppingmalls, futuristische Architektur und Hotels, die bei Urlaubern keine Wünsche offenlassen. Doch dieses Bild gerät in diesen Tagen ins Wanken. Zahlreiche Dubai-Influencer teilten bei Instagram nach Explosionen in der Luxus-Stadt nun Beiträge, die von Ängsten und Unsicherheit zeugen – menschlich normale Reaktionen, wenn in unmittelbarer Nähe Raketen einschlagen. Doch dann wurden die Reels und Storys entweder revidiert oder gänzlich gelöscht.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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„Wir dürfen nichts posten! Ich musste alles löschen!“, schrieb die Influencerin Zara Secret an ihre mehr als 340.000 Follower kurz nach den ersten Explosionen in Dubai. Nathalie Bleicher-Woth teilte ihre Ängste mit ihren Followern, sagte dann aber: „Bei uns ist alles den Umständen entsprechend in Ordnung. Ich weiß nicht, was ich sagen darf und was ich nicht sagen darf.“ Nur ein paar Stunden später war sich die ehemalige „Berlin – Tag & Nacht“-Darstellerin, der bei Instagram fast eine Million Menschen folgen, dann scheinbar sicherer und schrieb: „Ich möchte hier noch einmal betonen, dass hier alles Mögliche getan wird, um Raketen und Drohnen abzufangen.“
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Eine Kehrtwende vollzog auch Tanja Makarić, die zunächst aufgelöst war und von einem Nervenzusammenbruch sprach. „Ich kann offiziell nichts sagen“, fügte sie an. Kurze Zeit später schrieb sie dann: „Sie wehren die Bomben ab. Es ist schrecklich, aber auszuhalten. Mehr kann man auch nicht machen. Fühle mich jetzt etwas besser.“ All diese Beispiele lassen zumindest den Verdacht aufkommen, dass Beiträge, die Dubai als unsicheren Ort darstellen, von staatlicher Seite nicht erlaubt sind.
Abwegig ist dieser Gedanke nicht. Wenige Stunden nachdem der Iran die ersten ballistischen Raketen und Kampfdrohnen auf Dubai abgefeuert hatte, warnte die Generalstaatsanwaltschaft der Vereinigten Arabischen Emirate beim Kurznachrichtendienst X davor, „Gerüchte sowie Informationen aus unbekannten Quellen über soziale Medien oder andere technologische Mittel zu veröffentlichen oder weiterzuverbreiten, da dies Folgen haben kann“.
Warning ⚠️
— النيابة العامة (@UAE_PP) 28. Februar 2026
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The Public Prosecution warns against publishing or circulating rumors and information from unknown sources through social media platforms or any other technological means, due to the consequences thereof, including the spread of confusion and harm to the security… pic.twitter.com/eQLozbqOmo
Mindestens ein Jahr Gefängnis und rund 25.000 Euro Geldstrafe drohen nach Angaben der regierungsnahen Zeitung „Khaleej Times“ allein für das Verbreiten und Teilen von Falschmeldungen. Wie willkürlich und streng die Strafen sein können, zeigt der Fall von Ahmed Mansoor, der wegen seiner Kritik am Regime 2018 zu zehn Jahren Gefängnisstrafe verurteilt wurde – und dort seitdem unter unmenschlichen Bedingungen inhaftiert ist.
Vorgeblich wurde Mansoor wegen der „Verbreitung falscher Nachrichten“ und „Schädigung des Ansehens des Staates“ verurteilt. Der Menschenrechtsverteidiger gilt als die wichtigste Stimme für Menschenrechte in den Emiraten. „Das Vorgehen der VAE-Behörden gegen Ahmed Mansoor zeigt ihre völlige Verachtung für die Rechtsstaatlichkeit und ihre Entschlossenheit, ihre Kritiker mit allen Mitteln zum Schweigen zu bringen“, hatte Michael Page, stellvertretender Nahost-Direktor bei Human Rights Watch, bereits 2021 erklärt.
Medienwissenschaftler: „Es herrschen sehr weitreichende Einschränkungen der Redefreiheit“
Sobald sie auch nur die leiseste Kritik äußern, würden Journalistinnen und Journalisten sowie Bloggerinnen und Blogger ins Visier der Behörden geraten, beschreibt die Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen die Lage für Medienschaffende. Und die zuständigen staatlichen Stellen würden „über extrem mächtige Werkzeuge zur digitalen Überwachung verfügen“. In der Rangliste zur Pressefreiheit landeten die VAE unter 180 aufgeführten Staaten zuletzt auf Rang 164.
Zwar fallen Influencer nicht unbedingt ins Mandat der NGO. „Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, dass es da Beeinflussungen und gegebenenfalls Maulkörbe gibt“, sagte ein Sprecher gegenüber dieser Redaktion. Auch Drohungen in Form von Warnhinweisen können dazu führen, dass der ein oder andere zweimal darüber nachdenkt, den „Share“-Button zu drücken. Dass Influencer also aktiv gebeten werden, Beiträge zu löschen, „ist gar nicht nötig, da reichen Anspielungen“, sagt Martin Andree, Professor für digitale Medien an der Universität zu Köln. Es gebe in den VAE keine Meinungsfreiheit. „Es herrschen sehr weitreichende Einschränkungen der Redefreiheit vor. Das weiß jeder, der dort lebt. Die Influencer wissen es sicherlich am besten“, so Andree.
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Die National Media Authority (NMA), ein nationaler Medienrat, überwacht und reguliert alle Presseinstitutionen in den VAE. Das gilt mutmaßlich auch für Dubai-Influencer, die von Luxus, guter Laune und schickem Lifestyle, aber nicht unbedingt über Explosionen und Angst berichten sollen. In anderen Worten lässt das zumindest die 20 Punkte umfassende Liste des Medienrates mit dem Namen „Standards für Medieninhalte“ erahnen. Darin heißt es unter anderem: „Alles vermeiden, was den auswärtigen Beziehungen des Staates schaden könnte.“ Zudem sei es „untersagt, Inhalte zu veröffentlichen, auszustrahlen oder zu verbreiten, die der nationalen Währung oder der wirtschaftlichen Lage des Landes schaden könnten“.
Regulierung von Dubai-Influencern: Emirate definieren „Standards für Medieninhalte“
Und auch die Werbeanzeigen, mit denen Influencer mitunter das meiste Geld verdienen, werden reguliert. Unter Punkt 18 heißt es dazu: „Der Inhalt der Werbung muss die Kultur, Identität und Werte des Landes respektieren.“ Der Medienrat weist ebenso darauf hin, die „richtigen Personen“ für Interviews oder andere Medienbeiträge auszuwählen. Was mit „richtig“ gemeint ist, bleibt offen, wird aber mutmaßlich von den reichen Herrscherfamilien, den Tonangebern in der föderalen Monarchie, vorgegeben.
Das Fehlen von fairen rechtsstaatlichen Prozessen sowie einer funktionierenden Gewaltenteilung bedeuteten für Betroffene vor allem eine „weitgehende Rechtsunsicherheit“, so Medienwissenschaftler Andree. Umgekehrt würde dies staatlichen Akteuren ermöglichen, nach Belieben drakonische Strafen zu verhängen. „Aus diesem Grund praktiziert man vor Ort in der Regel Selbstzensur – das gilt für die dortigen redaktionellen Medien wie auch für die Influencer“, sagt Andree.
Auch unsere Redaktion hat nach den Angriffen des Irans versucht, mit zahlreichen deutschen Dubai-Influencern Kontakt aufzunehmen. Lediglich Unternehmer Dennis Uitz war bereit, über die aktuelle Situation in dem Emirat zu reden. Er zeigte sich erstaunlich gelassen ob der vielen Explosionen in unmittelbarer Nähe seines Hauses, verneinte auf Nachfrage aber einen von der Regierung verpassten Maulkorb. „Wir dürfen alles posten, was wir wollen“, sagte Uitz. Niemand hätte ihm demnach verboten, etwas in den sozialen Medien zu teilen. Eine andere Influencerin, die bei Instagram Dubai-Insidertipps teilt, wies eine Kontaktvermittlung zu etwaigen deutschen Auswanderern, die über die Lage vor Ort berichten könnten, mit folgenden Worten ab: „Ich denke, das wird schwierig, da dies offiziell in Dubai nicht gestattet ist.“








