Eine Umfrage zehn Tage vor der Wahl hat in Stuttgart ein mittleres politisches Beben ausgelöst. Der Aufwind der CDU in den letzten Umfragen vor der Landtagswahl ist gebremst, die Grünen holen auf. So steht es in der neuen Analyse von Infratest Dimap.

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Demnach würde die CDU unter ihrem Spitzenkandidaten Manuel Hagel (37) ihren ersten Platz als stärkste politische Kraft mit 28 Prozent verteidigen, aber das ist ein Prozent weniger als in einer Umfrage vor einem Monat. Die Grünen unter ihrem Frontmann Cem Özdemir (60) legen zu, sind mit 27 Prozent der CDU dicht auf den Fersen. Dahinter steckt ein Plus von vier Prozent. Eine zweite Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen vom Freitag sieht die CDU bei 27 Prozent, die Grünen bei 25 Prozent.

Auf eine Allianz von CDU und Grünen wird es hinauslaufen, wenn am 8. März entschieden wird, wie es im Ländle nach 15 Jahren unter dem Grünen-Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (76) weitergeht. Schwarz-Grün oder Grün-Schwarz? Wer wird den MP stellen?

Baden-Württemberg: Grüne begeistert von neuer Umfrage

Bei den Grünen setzt schon Frohlocken ein. „Jetzt steht fest: Die Menschen wollen Özdemir als Ministerpräsidenten. Es geht um die Frage, wer führt das Land in schwierigen Zeiten“, sagten die Landesvorsitzenden Lena Schwelling und Pascal Haggenmüller. „Es läuft“, freute sich auch die Grüne Ricarda Lang, die auf ihrem Instagram-Account die günstigen Umfragewerte veröffentlichte und 10.000 Likes erhielt. Eines der „Like-Herzchen“ stammte zeitweise auch vom CDU-Politiker Armin Laschet. Doch er und sein Büro bestreiten, damit irgendetwas zu tun zu haben.

233991_1325_233991_cover.jpg
#35 Boris Rhein über die AFD, antiautoritäre Erziehung und Techno
Meine schwerste Entscheidung
 

Die hohe Bekanntheit von Özdemir, des „anatolischen Schwaben“, wie er sich nennt, ist sein Vorteil. Zehn Jahre war er Grünen-Parteichef, dreieinhalb Jahre Bundeslandwirtschaftsminister. Özdemir zieht seinen Wahlkampf weitgehend ohne grüne Bundeshilfe durch. Er füllt aber selbst in der tiefen schwäbischen Provinz bei Wahlauftritten die Bürgersäle. Unterstützung erhält er von alten Gefährten wie Joschka Fischer oder Boris Palmer.

Altes Interview bringt Hagel in Bedrängnis

Das größte Problem des CDU-Kandidaten Hagel ist seine Unbekanntheit. Könnten die Wähler einen Ministerpräsidenten direkt wählen, würden laut Infratest 42 Prozent Özdemir ihre Stimme geben, 21 Prozent Hagel und elf Prozent dem AfD-Mann Markus Frohnmaier. Bundesweit in die Schlagzeilen geriet Hagel jetzt nach der Veröffentlichung eines acht Jahre alten TV-Interviews, in dem der damals 29 Jahre alte Abgeordnete von einer Realschülerin schwärmte. Die hatte er bei einem Schulbesuch gesehen. „Ich werd’s nie vergessen, die erste Frage, sie hieß Eva, braune Haare und rehbraune Augen“, lobte Hagel.

Auch interessant

Von Teilen der Öffentlichkeit ist das als „Sexismus“ gebrandmarkt worden. Hagel hat die Sache mittlerweile als „Mist“ bereut. Jedenfalls dürfte das „Eva-Video“ seinen Bekanntheitsgrad gesteigert haben. Vermutlich nicht im positiven Sinne. Die jüngste Infratest-Umfrage unter 1530 Wahlberechtigten war vom 23. bis 25. Februar geführt worden, am 24. Februar veröffentlichte die Grüne Zoe Mayer das Video. Inwieweit es schon einen Niederschlag in der Umfrage fand, ist offen.

„Selbst wenn es nicht als schwerwiegender Makel empfunden wird: Es bleibt immer etwas hängen“, sagte der Politologe Joachim Behnke von der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen der dpa. Auch Behnke empfindet den Aufwind für die Grünen als überraschend. Einen Grund vermutet er: „Die Personalisierung des Wahlkampfes ist unglaublich stark. Es geht immer mehr um Köpfe – und Özdemir ist der populärste Kandidat.“ In ihrem stark auf die Wirtschaft fokussierten Programm sind sich beide Kandidaten ähnlich: Förderung von Spitzentechnologie, Abbau von Bürokratie, das Land soll an die Spitze. Also geht es um Personen.

Kleinere Parteien haben vermutlich wenig Chance

In diesem Duell bleibt für kleinere Parteien wenig zu holen. Vermutet wird, dass potenzielle Wähler von Linken und SPD zum Grünen abwanderten, weil sie ihre Stimme nicht verschenken wollen. Beide Parteien ließen Federn in der Umfrage: Die SPD kommt noch auf sieben Prozent, die Linken sind bei 5,5 Prozent. Die AfD kommt auf 18 Prozent, die FDP auf sechs.

Landtagswahlen 2026 – spannende Hintergründe

Auf Hagel wächst der Druck. Auf dem CDU-Parteitag in Stuttgart war er mit Vorschusslorbeeren bekränzt und vielfach als künftiger Ministerpräsident begrüßt worden. CSU-Chef Markus Söder hatte es als „natürliche Ordnung der Dinge“ bezeichnet, dass der Südwesten schwarz regiert werde. Kanzler Friedrich Merz äußerte sich vorsichtig: „Du hast die Chance, hier Ministerpräsident zu werden. Wir begleiten und unterstützen dich.“

CDU will sich durch Umfrage nicht verunsichern lassen

Hagel dankte dem „Friedrich und seiner Mannschaft für den Rückenwind im Wahlkampf“. Merz hat fünf Auftritte in Baden-Württemberg, auch Markus Söder, Alexander Dobrindt, Hendrik Wüst, Boris Rhein und Daniel Günther waren im Einsatz. Genützt hat es wenig. Im Oktober 2024 lag der Vorsprung vor den Grünen bei 16 Prozent, jetzt ist er auf einen oder zwei geschrumpft.

Auch interessant

Von der Umfrage-Klatsche will sich die CDU nicht kirre machen lassen. CDU-Landesgeneralsekretär Tobias Vogt sagt: „Die Menschen im Land wünschen sich mehrheitlich eine CDU-geführte Landesregierung. Wir werben um jede Stimme.“ Kanzler Merz wird am 6. März noch zwei Auftritte am Bodensee haben. Er wird mit Sorge auch auf Rheinland-Pfalz schauen, das am 22. März wählt: Dort schrumpft die Zustimmung für die CDU auf 28 Prozent laut einer Umfrage, die SPD liegt ihr mit 27 Prozent im Nacken.