Sonntagnachmittags im Ruhrgebiet. Shima und Arad sitzen mit ihrer achtjährigen Tochter im Kinderzimmer, Legosteine liegen um sie herum. Sie strahlen die Idylle der Kleinfamilie aus, die es geschafft hat. Sie sind raus aus dem Iran, haben Terror und Unsicherheit hinter sich gelassen. Doch so einfach ist es nicht: „Nach außen gebe ich mich glücklich, aber innerlich bin ich kaputt“, sagt Shima, während Hastiya ihr einen bunten Legostein in die Hand drückt.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Vor zwei Jahren sind die Eltern mit der Tochter nach Deutschland gekommen, leben nun in einer Großstadt im Ruhrgebiet. Ihre Namen haben wir verändert. Die beiden wollten mit dieser Redaktion unter Klarnamen sprechen. Nach reiflicher Überlegung und Rücksprache mit der Familie entschieden sie sich anders. Die Gefahr vor Konsequenzen durch das Mullah-Regime ist zu groß.
Auch interessant
Nicht nur für die beiden. „Wir würden es in Kauf nehmen, nie wieder in den Iran zu können“, sagen sie. „Aber das Regime könnte unsere Familien im Iran unter Druck setzen. Davon gibt es viele Fälle. Und das könnten wir uns nie verzeihen.“ Außerdem wollen sie ihre Tochter schützen. Deswegen lassen wir die Familie anonym zu Wort kommen, um ihre Geschichte zu erzählen, die zeigt, wie sich viele der über 200.000 Iranerinnen und Iraner in Deutschland aktuell fühlen.
Proteste im Iran sind sehr belastend für Shima und Arad
Die beiden sind nicht als Geflüchtete, sondern als Arbeitsmigranten nach Deutschland gekommen. Sie sind Ärzte, arbeiten in einem Krankenhaus. Damit ihre Approbationen in Deutschland anerkannt werden, müssen sie noch eine Prüfung ablegen. Die absolviert Shima in zwei Monaten. Deswegen muss sie sich aktuell eigentlich aufs Lernen konzentrieren. Doch da sind die schlimmen Nachrichten aus ihrer Heimat, die brutale Niederschlagung der Proteste Anfang Januar.
Shima hat noch einen Bruder und eine Schwester im Iran, ihr Bruder hat sich an den Protesten beteiligt. Weil die Regierung sowohl das Internet als auch das Mobilfunknetz gekappt hat, gab es für die 33-Jährige tagelang keine Möglichkeit, ihre Familienmitglieder zu erreichen. Ihre Eltern, die gerade über Weihnachten und Neujahr zu Besuch in Deutschland waren, sind aus Angst um ihre Kinder vorzeitig zurückgereist. Nun machen sich Shima und Arad große Sorgen um ihre Familien. An Lernen ist dabei kaum noch zu denken.
weitere Videos
Arad und Shima glauben nicht, dass das Regime ohne Hilfe gestürzt werden kann
„Ich wusste fünf Tage nicht, ob mein Bruder noch lebt“, sagt Shima. Man kann der jungen Frau die Verzweiflung und den Druck ansehen, den sie aktuell fühlt. Doch mittlerweile kann sie aufatmen: Ihrer Familie geht es gut. Zwar ist das Internet immer noch abgeschaltet, ihre Familie kann aber per Festnetz nach Deutschland telefonieren. Andersherum geht das nicht. Sie und ihre Eltern sprechen einmal täglich, für zwei oder drei Minuten, erklärt Shima.
„Als ich gehört habe, dass es allen gut geht, war ich unglaublich erleichtert. Dieses Gefühl kann man sich überhaupt nicht vorstellen.“ Doch ihr Bruder habe Schreckliches gesehen und erlebt, sagt Shima. Die Bilder der Toten hätten ihn stark belastet. Im Laufe der Proteste habe er sich zurückgezogen, weil ihn die Situation und die Bilder der Toten so sehr belastet haben.
Lieben Sie gut recherchierte Geschichten, spannende Interviews und Reportagen?
Textchefin Birgitta Stauber sucht sie in ihrem Newsletter „Das Beste am Sonntag“ für Sie aus, eingebettet in ein persönliches Editorial. Kostenlos abonnieren können Sie den Newsletter hier.
Ob 5000 oder 30.000 oder sogar noch mehr Menschen starben, lässt sich nicht unabhängig überprüfen. Doch die Kontakte auch dieser Redaktion ins Land zeigen, dass die Niederschlagung der Proteste äußerst blutig war. Nun ist zwar vordergründig Ruhe eingekehrt. Doch die Stimmung sei depressiv, die Straßen wie leergefegt, berichten die Eltern.
„Überall sind schwer bewaffnete Polizisten. Die Menschen haben Angst“, sagt Arad und ergänzt: Auch die Wirtschaftssituation bleibe problematisch: „Die Menschen haben zu wenig Geld für Essen oder Arztbesuche.“
Auch interessant
„Die Regierung schaltet das Internet ab, dann kann sie jede Art von Verbrechen begehen“
Dass sie das Regime stürzen können – viele Iraner hätten die Hoffnung verloren. Zu oft habe es Proteste gegeben, zu oft seien sie blutig niedergeschlagen worden: 2009 wegen des Verdachts der Wahlmanipulation, 2019 gegen die Benzinpreise, 2022 wegen des Todes von Jina Mahsa Amini. Die junge Frau wurde von der Sittenpolizei festgenommen und geschlagen, weil sie ihr Kopftuch nicht vorschriftsmäßig getragen haben soll. Sie starb später an den Verletzungen.
Bei all diesen Protesten gab es viele Tote. „Die Regierung schaltet dann einfach das Internet ab, kappt die Verbindung zu internationalen Nachrichten, und dann kann sie jede Art von Verbrechen begehen, ohne dass die Welt es sofort mitbekommt“, sagt Arad. Er und Shima haben das früher auch miterlebt, sich selbst aus Angst aber nie an den damaligen Protesten beteiligt. Vor allem wegen ihrer kleinen Tochter. Doch Freunde gingen auf die Straße. „Sie haben gesehen, wie die Polizei Menschen bei Protesten auf offener Straße in den Kopf geschossen hat.“

Menschen hoffen auf Israel oder die USA. Doch was kommt danach?
Arad glaubt, es bräuchte Hilfe aus dem Ausland, um das Regime zu stoppen. Viele Menschen setzten ihre Hoffnung auf die USA und Israel. Und was sagt er persönlich? „Auch wenn ich nicht möchte, dass mein Land angegriffen wird, denke ich inzwischen, dass es manchmal besser ist, ein kleineres Übel zu wählen, um ein noch größeres Übel zu verhindern“, erklärt Arad das Dilemma.
„Ich hoffe nur, dass, wenn es passiert, die Infrastruktur unseres Landes nicht zerstört und das Land nicht aufgeteilt wird.“ Trotzdem habe er große Bedenken gegen eine Intervention: „Was kommt danach? Es ist nicht gewährleistet, dass es den Menschen dann besser geht.“ Man hört den Frust in der Stimme des kräftigen Mannes mit kurzen, schwarzen Haaren.

Die Tochter soll „mit Freiheit und Lebensfreude aufwachsen“
Diktatur, religiöse Zwänge, fehlende Frauenrechte: Für den Familienvater war schon nach den Wahlen 2009 klar, dass er das Land verlassen möchte. 2018 dann wurde Shima schwanger. „Ich habe zu meiner Frau gesagt, dass ich mich meiner Tochter gegenüber verantwortlich fühle. Sie soll mit Freiheit und Lebensfreude aufwachsen“, erklärt Arad. Ständig habe er gesehen, wie Frauen auf der Straße von der Polizei kontrolliert wurden, weil sie ihre Kleidung nicht richtig trugen. Auch er habe eine Verwarnung von der Regierung bekommen. Per SMS. Weil Shima ihr Kopftuch in seinem Auto nicht richtig trug. „Es hieß, wenn das nochmal passiert, bekommen wir Strafen.“
Bis sie auswandern konnten, dauerte es allerdings einige Zeit. Erst einmal mussten sie selbst ihr Medizinstudium abschließen und zwei Jahre arbeiten, um anerkannte Ärzte im Iran zu sein. Sie mussten Deutsch lernen, Sprachprüfungen bestehen, Unterlagen übersetzen lassen, postalisch nach Deutschland schicken und Geld zurücklegen. 40.000 Euro haben sie gespart, Freunde und Verwandte aus Deutschland kümmerten sich parallel um eine Wohnung. Vor zwei Jahren sind sie dann ins Ruhrgebiet gekommen, wo sie seitdem wohnen und arbeiten. Dadurch, dass sie sich nie öffentlich gegen die Regierung geäußert haben, war es kein Problem, das Land zu verlassen.
Auch interessant
Shima und Arad sehen ihre Zukunft in Deutschland – doch der Iran bleibt ihre Heimat
Inzwischen haben sie eine Berufserlaubnis für zwei bis drei Jahre, mit der anerkannten Approbation könnten sie dauerhaft hierbleiben und in einigen Jahren auch einen deutschen Pass bekommen. Das ist nicht nur ihr Wunsch, sondern vor allem auch der Wunsch ihrer Tochter Hastiya, die in die zweite Klasse geht. „Sie ist sehr glücklich“, sagt Shima, während sich Hastiya etwas schüchtern hinter ihrer Mama versteckt. „Sie wünscht sich, dass alle unsere Verwandten aus dem Iran nach Deutschland kommen und wir hier in einem großen Haus zusammenleben können.“
Trotzdem ist der Iran ihre Heimat. „Egal wohin wir gehen, egal wo wir leben, Iran bleibt unser Land, und wir lieben es. Wir wollen, dass es ein freies, starkes Land ist, in dem die Menschen in Wohlstand leben. Und ich möchte, dass es geeint bleibt. Vielleicht wird eines Tages alles besser und wir können zurückkehren.“ Aram hält inne, dann wird er emotional. „Das ist meine Hoffnung.“







