Die Grönlandkrise ist vorerst entschärft – doch die zentrale Frage bleibt: Wie können sich die Europäer gegen Angriffe auf ihre Sicherheit und ihre Eigenständigkeit wappnen? An diesem Montag will Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in Hamburg mit den Nordsee-Anrainern Dänemark, Belgien, Frankreich, Großbritannien, Irland, Luxemburg, den Niederlanden, Island und Norwegen über die Sicherheit vor der europäischen Westküste sprechen – auch Vertreter von EU und Nato sind dabei.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Schwerpunkt des Nordseegipfels ist die Energiesicherheit. Hamburg gilt als europäisches Zentrum der Offshore-Windenergie-Branche, auch ohne Küste. Zwei Drittel aller deutschen Offshore-Windprojekte werden von Hamburg aus gesteuert. Die großen Player der Industrie, etwa Ørsted, RWE, Siemens Gamesa und Vestas haben hier Unternehmenssitze.

„Uns alle verbindet das Ziel, die Nordsee zum größten Reservoir für saubere Energie weltweit auszubauen. Das ist für ein wirtschaftsstarkes, sicheres und unabhängiges Europa von zentraler Bedeutung“, erklärte Merz vor Beginn des Treffens. Stichwort Energieunabhängigkeit: Um absehbar auf Putins Gas und Trumps Öl zu verzichten, sind leistungsstarke Windturbinen auf See ein potentes Mittel. Schon heute ist Windenergie mit 17 Prozent Anteil an der Stromerzeugung die zweitgrößte Energiequelle in der EU, noch vor Gas.
Das Problem: Noch kocht auf hoher See jeder Staat sein eigenes Süppchen. Die Vergabeverfahren für bebaubare Flächen in der Nordsee unterscheiden sich von Land zu Land stark, ebenso die Finanzierungslogiken und Gewinnmargen. Und: Die einzelnen Windparks werden nebeneinander, nicht gemeinsam betrieben. Auch ein Energieexport ist mangels notwendiger Leitungen in vielen Fällen nicht möglich – auf Kosten von Netzstabilität und Resilienz.
Nordsee: Europa will bei Energieerzeugung stärker zusammenarbeiten
Merz kündigt nun in Vorbereitung auf den Gipfel an: „Wir wollen Weichen stellen, um die grenzüberschreitende Energieerzeugung und den -transport zu ermöglichen.“ Dabei geht es in erster Linie um Offshore-Windenergie, aber auch um Wasserstoff.
Beim Nordseegipfel sollen verschiedene Erklärungen unterzeichnet werden, darunter die „Hamburg Declaration“ der Staats- und Regierungschefs, wie es aus Regierungskreisen heißt. Sie soll die regionale Zusammenarbeit im Nordseeraum stärken, auch im Lichte der aktuellen geopolitischen Herausforderungen. Knackpunkte sind der Schutz der kritischen Infrastruktur sowie Planungs- und Investitionssicherheit.
Außerdem soll ein Offshore-Wind-Investitionspakt für den Nordseeraum auf den Weg gebracht werden, als gemeinsame Erklärung von Staaten, Offshore-Windindustrie und Strom- sowie Wasserstoffnetzbetreibern. Die Idee: Regierungen schaffen die Rahmenbedingungen, die Industrie investiert. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche plant zudem die Unterzeichnung mehrerer zwischenstaatlicher Abkommen.
Offshore-Branche beklagt „Turbulenzen“ – auch wegen der politischen Linie des Bundes
Die zunehmend gebeutelte Offshore-Windenergie-Branche blicke erwartungsvoll auf den Gipfel, sagt Daniel Friedrich, Bezirksleiter Küste bei der IG Metall. Er fordert Ergebnisse: „Wir müssen rauskommen aus diesen Ankündigungen und endlich handfeste Zusagen bekommen. Das führt zu viel Unruhe im Markt. Wir reden hier über Milliardeninvestitionen, die getätigt werden müssen.“ Nicht nur der Bau der Windparks, auch die Netzanbindung sind enorme Kostenfaktoren – und die Zinsen steigen.
Diese Großinvestments von Privatunternehmen seien zunehmend risikobehaftet. Brancheninsider berichten von regelrechten „Turbulenzen“ in dem Sektor, etwa weil industrielle Strombezieher abwandern. Wie stark die Attraktivität des Markts gesunken ist, macht ein Rückblick in den August deutlich. Damals scheiterte eine Auktion des Bundes für eine Windparkbaufläche in der Nordsee – kein einziges Gebot war eingegangen. Die aktuelle Linie der Regierung schaffe zusätzliche Unsicherheiten, bemängelt Friedrich von der IG Metall: „Die neue Bundesregierung hat im Bereich erneuerbarer Energien bisher eher destabilisiert.“ Investieren wolle in erneuerbare Energien derzeit kaum jemand.
Sabotage, Cyberangriffe: Energieunabhängigkeit in Gefahr?
Auch wachsende Sabotage- und Cyberbedrohungen, etwa Drohnensichtungen in Windparks, beschäftigen die Branche. „Die Anfälligkeit der Stromversorgung im Konfliktfall und militärische Fragen spielen eine größere Rolle, als wir das vor den ganzen geopolitischen Zuspitzungen auf dem Zettel hatten“, sagt Friedrich.
Zugleich betont er die Wirksamkeit von Offshore-Windenergie als „Freiheitsenergie“. Denn noch sei die Wertschöpfungskette der Industrie fast ausschließlich in europäischer Hand. Auch das gelte es zu verteidigen: „Wir brauchen endlich Aufträge. Ansonsten kommen wir irgendwann in die Situation, dass wir zwar noch über Offshore in Nord- und Ostsee reden, aber die Anlagen kommen dann aus Asien.“





