Arbeiten die Deutschen zu wenig? Nachdem Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bei einer Wahlkampfveranstaltung den hohen Krankenstand der Deutschen beklagt hatte, befeuert nun ein neuer CDU-Vorstoß die Debatte um die Arbeitsmoral im Land. Der Wirtschaftsflügel der Partei fordert ein Ende des grundsätzlichen Rechtsanspruchs auf Teilzeit.

Beim CDU-Parteitag Ende Februar in Stuttgart soll ein entsprechender Antrag nach dem Willen der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) beschlossen werden, der bislang den Titel „Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit“ trägt. Den gesetzlichen Anspruch auf Teilzeitarbeit soll es demnach künftig nur noch bei besonderen Gründen geben. Kritik kam umgehend vom Koalitionspartner SPD – aber auch aus der CDU selbst.

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Wie viele Menschen arbeiten in Deutschland in Teilzeit?

Teilzeitarbeit ist längst kein Randphänomen mehr. 2024 arbeiteten nach Angaben des Statistischen Bundesamts rund 29 Prozent aller Beschäftigten in Teilzeit, wobei der Unterschied zwischen den Geschlechtern besonders deutlich war: Fast jede zweite Frau (49 Prozent), aber nur zwölf Prozent der Männer reduzierten ihre Arbeitszeit. 2025 überschritt die Teilzeitquote laut einer Auswertung des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) erstmals die Marke von 40 Prozent. Knapp 16,7 Millionen Menschen arbeiteten damit reduziert.

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Was sind die Gründe für Teilzeit?

Oft stecken hinter der Entscheidung zur Teilzeit strukturelle Gründe. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts arbeiteten 2024 etwa 23 Prozent der Teilzeitbeschäftigten reduziert, um Kinder oder pflegebedürftige Angehörige zu betreuen, weitere vier Prozent wegen anderer familiärer Verpflichtungen. Besonders hoch ist die Quote bei Müttern: 68 Prozent der erwerbstätigen Mütter mit Kindern unter 18 Jahren und 73 Prozent der Mütter mit Kindern unter drei Jahren arbeiteten in Teilzeit. Väter reduzierten ihre Arbeitszeit deutlich seltener: Acht Prozent der Väter mit Kindern unter 18 Jahren und neun Prozent der Väter mit Kindern unter drei Jahren taten dies.

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Knapp zwölf Prozent der Teilzeitbeschäftigten nannten 2024 Aus- oder Weiterbildungen als Grund, und knapp fünf Prozent gaben an, Teilzeit sei eine Notlösung, weil keine passende Vollzeitstelle zu finden war. Gleichzeitig gab die Hälfte der Teilzeitbeschäftigten (51,6 Prozent) an, Teilzeit arbeiten zu wollen, oder hatte andere persönliche Gründe.

Wer darf in Teilzeit arbeiten?

Grundsätzlich gilt: Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer können ihre Arbeitszeit reduzieren, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Dazu gehört, dass der Betrieb in der Regel mehr als 15 Beschäftigte hat und das Arbeitsverhältnis seit mindestens sechs Monaten besteht. Der Arbeitgeber darf den Antrag nur ablehnen, wenn betriebliche Gründe dagegensprechen. Darüber hinaus enthält das Gesetz mit der sogenannten Brückenteilzeit eine Rückkehroption: Wer seine Arbeitszeit befristet reduziert (zwischen einem und fünf Jahren), hat grundsätzlich das Recht, danach wieder auf eine Vollzeitstelle zurückzukehren.

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Was soll sich jetzt ändern?

Der CDU-Wirtschaftsflügel hält den bestehenden Rechtsanspruch für falsch. „Wer mehr arbeiten kann, sollte mehr arbeiten“, sagte die MIT-Vorsitzende Gitta Connemann dem „Stern“. Angesichts des dramatischen Fachkräftemangels dürfe freiwillige Teilzeit nicht dauerhaft durch den Sozialstaat abgesichert werden.

Gitta Connemann bei einer Veranstaltung
Gitta Connemann ist Bundesvorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT).© picture alliance/dpa | Michael Kappeler

Konkret fordert der Antrag für den Parteitag, den gesetzlichen Anspruch auf Teilzeitarbeit künftig nur noch zu gewähren, wenn eine „besondere Begründung“ vorliegt. Legitime Gründe seien die Betreuung von Kindern, die Pflege von Angehörigen oder Weiterbildungen. Freiwillige Teilzeit „aus Gründen der individuellen Lebensgestaltung“ soll hingegen nicht länger möglich sein.

Welche Reaktionen gibt es?

Der Vorstoß stößt in der Union selbst auf Widerstand. Der Vorsitzende der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA), Dennis Radtke, warnt: „Mit einer solchen Einschränkung zäumen wir das Pferd von der falschen Seite auf“, sagte Radtke dieser Redaktion. „Ich würde mir auch wünschen, dass mehr Menschen in Teilzeit, die sie oft als Teilzeitfalle empfinden, wieder auf Vollzeit wechseln.“ Dafür müssten aber die Rahmenbedingungen verbessert werden, die dies bislang an manchen Stellen unmöglich machten – insbesondere bei Kinderbetreuung und Pflege.

Zugleich verweist Radtke auf die praktischen und politischen Probleme einer Begrenzung: Teilzeit auf Kindererziehung und Pflege zu beschränken, hieße auch festzulegen, bis zu welchem Alter eines Kindes oder welchem Pflegegrad Teilzeit als gerechtfertigt gilt. „Das kann und soll jede Familie für sich selbst entscheiden“, so Radtke. „Aus guten Gründen haben wir uns als CDU immer für maximale Wahlfreiheit ausgesprochen.“

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Scharfe Kritik kommt auch von der stellvertretenden SPD-Fraktionsvorsitzenden, Dagmar Schmidt. Statt Rechte der Arbeitnehmer infrage zu stellen, müsse die Politik in Bildung, Qualifizierung, Forschung und Produktivität investieren. „Das unterstützt Wirtschaft und Wachstum“, so Schmidt. „Nicht das Schleifen hart erkämpfter Arbeitnehmerrechte.“

Grundsätzliche setze die Fleiß-Debatte die falschen Impulse: „Es ist außerordentlich widersprüchlich, einerseits den Arbeitnehmern in unserem Land ständig gegen die Fakten Faulheit zu unterstellen und sie zur Mehrarbeit zwingen zu wollen“, so Schmidt. „Und andererseits Menschen abzuschieben, die integriert und in Ausbildung und Arbeit sind. Das ergibt keinen Sinn und dient nicht dem Zusammenhalt in unserem Land.“