Liebe Leserin, lieber Leser,

in China lernen die Kinder bis zum Umfallen und die Erwachsenen arbeiten bis zum Umfallen. So unser Klischee über die leistungsorientierte Bevölkerung. Burnout? Ist nicht vorgesehen. Chinesen, so unser westliches Bild von einem atemlosen Land, rasten niemals.

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Diese Vorstellung hat sich überholt, schreibt unser Korrespondent Fabian Kretschmer. Bisweilen ist genau das Gegenteil der Fall: Sie rasten nicht nur, sie rosten auch. Zumindest verbreitet sich das Phänomen immer mehr. Mal sind sie alt und krank, mal jung und perspektivlos, wenn sie ihr Dasein in einer der üblichen Kapselwohnungen fristen. Der Kontakt zu anderen nimmt immer mehr ab, der Drang, etwas zu unternehmen, auch. Mitten in dieses gesellschaftliche Phänomen hinein wurde nun eine App entwickelt, die sich vor allem bei der Gen Z, den jungen Erwachsenen, verbreitet: „Sile ma“, fragt sie ihre Nutzer jeden Tag, was übersetzt heißt: „Bis du tot?“ Wenn ein User zwei Mal hintereinander nicht antwortet, schickt die App eine Nachricht an einen Notfallkontakt.

„Sile ma“ ist die beliebteste Bezahl-App – und das zeigt, wie drastisch die Vereinsamung in dieser alternden Gesellschaft voranschreitet.

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Birgitta Stauber, Textchefin der Zentralredaktion, liefert jeden Sonntag in ihrem Newsletter die besten Geschichten der Woche. © Montage | FMG/Reto Klar/FFS

Wo doppelt so viele Männer wie Frauen leben

Nun ist es leicht zu sagen: China ist weit weg. Was gehen uns die gesellschaftlichen Probleme in diesem autokratisch regierten Land an. Doch eine Entwicklung zu einer gewissen Trostlosigkeit lässt sich auch in Deutschland beobachten. Und zwar nicht, weil alle abgeschottet und allein in Kapselwohnungen leben, sondern abgeschottet und allein auf dem Land. In Oberharz am Brocken trifft es vor allem Männer. Denn die jungen, engagierten Frauen ziehen seit Jahren weg, für das Studium, für den Job, für mehr Perspektiven.

Elbingerode im Harz / Bürgermeister Ronald Fiebelkorn
Bürgermeister Ronald Fiebelkorn in Elbingerode© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Der Männeranteil ist inzwischen doppelt so hoch wie der Frauenanteil. Meine Kollegin Antonia Weber besuchte den Bürgermeister des Ortsteils Elbingerode und sprach mit ihm über Abwanderung und was das mit einer immer stärker werdenden AfD zu tun hat.

Rom bremst die Autos aus. Ist das was für deutsche Städte?

In Metropolen wie Berlin, München oder Hamburg würden sich die Verkehrsteilnehmer sicher ein wenig von dieser Ruhe wünschen. Ob sie nun als Autofahrer im Stau stecken, als Radfahrer versuchen, eben diesen Stau über riskante Ausweichmanöver zu umgehen oder sich als Fußgänger von allem gehetzt fühlen, was Räder hat. Wie gefährlich der Alltag auf den städtischen Straßen ist, daran erinnern die sogenannten Ghostbikes, die weißen Räder, die als Mahnmal an tödliche Unfälle mit Radfahrern erinnern. Viel zu oft ist daran überhöhte Geschwindigkeit schuld. In Rom zwingen jetzt die Verantwortlichen die Autofahrer in der Stadt, auf die Bremse zu treten: mit einer flächendeckenden Zone 30 in der Innenstadt.

Mehrere Autos fahren in Rom vor dem Kolosseum.
Mehrere Autos fahren in Rom vor dem Kolosseum: Im Zentrum der italienischen Hauptstadt gilt ab jetzt Tempo 30.© picture alliance/Sipa USA | Pacific Press

Das ehrenwerte Ziel dieser drastischen Verschärfung: null Tote im Straßenverkehr. Meine Kollegin Theresa Martus hat sich bei Experten und in der Politik umgehört, ob die Verkehrspolitik Roms ein Vorbild für Deutschland sein kann. Und unsere lange Debatte in der Redaktionskonferenz mündete in ein Pro & Contra von Melanie Amann und Pascal Biedenweg. Begeisterte Autofahrer sind übrigens beide.

Nur dank der neuen Bremsen lande ich nicht auf der Motorhaube

Ich fahre auch gerne Auto. Aber weil ich vor allem abends keinen Parkplatz finde, gebe ich dem Fahrrad den Vorrang. Zumindest, wenn kein Schnee liegt und es auch nicht in Strömen regnet. Ich behaupte, ich bin dabei recht defensiv unterwegs, auch wenn ich immer unter Zeitdruck bin. Trotzdem habe ich schon alles erlebt: In letzter Sekunde konnte ich der aufgerissenen Fahrertür ausweichen, dem sogenannten Dooring. Und meinen frisch erneuerten Bremsen verdanke ich, dass ich beim Abbiegefehler einer SUV-Fahrerin nicht auf ihrer Motorhaube landete. Ich werde angeschrien, wenn ich mir auf einer Fahrradstraße mein Recht auf Vorfahrt nehme. Ich habe auf Busspuren die Doppeldecker im Nacken.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Mag sein, dass Sie oft mit dem Auto unterwegs sind und sich über Radfahrer ärgern, die meinen, Verkehrsregeln seien nur für andere da. Und über Fußgänger, die unkonzentriert durch die Gegend laufen, Rot ignorieren und ohne zu schauen über die Straße rennen. Aber: Es sind eben auch die Fußgänger und die Radfahrer, die bei Unfällen im Stadtverkehr ihr Leben verlieren – vor allem, wenn Raserei im Spiel ist.

Eigentlich sollten Autofahrer auf die schwächeren Verkehrsteilnehmer Rücksicht nehmen. Für viele ist es auch selbstverständlich. Aber leider nicht für alle. Insofern neige auch ich zu der Tendenz, dass es ohne schärfere Regeln nicht geht.

Missbrauch per KI-Chatbot: Diese Spitzenpolitikerin wurde Opfer

Leider gilt das auch für den Umgang mit KI. Der Chatbot Grok auf Elon Musks Platform X ermöglicht, Fotos zu verändern. Etwa einem Mann im Anzug ein Freizeit-Outfit zu verpassen. Und das öffnet Missbrauch Tor und Tür: Die Software kann auch aus einer Frau mit Kleid eine Frau im Bikini machen, und zwar täuschend echt. Sie kann sie auch ganz ausziehen. So erging es Ebba Busch, Schwedens Vize-Ministerpräsidentin. Sie wurde Opfer sogenannter sexualisierter Deepfakes. Und sie schlug Alarm. Mit der Folge, dass die EU und auch asiatische Länder drohen, den Dienst zu sperren.

UK Regulator Investigates Elon Musk's Grok AI Over Sexual Deepfakes
Missbrauch durch KI: Die Debatte um gefälschte sexualisierte Fotos bei der Software Grok schlägt hohe Wellen. Nun reagierte Musk.© Getty Images | Leon Neal

Auch die deutsche Politik reagiert. Das nahm mein Kollege Christian Unger zum Anlass, der Sache nachzugehen. Er beschreibt, dass Opfer die bildbasierte sexualisierte Gewalt ähnlich heftig wie körperliche Übergriffe empfinden – vor allem, wenn sie minderjährig sind, erläutert er mit Berufung auf Experten. Lesen Sie hier, welche Ausmaße der Missbrauch von Grok bereits angenommen hat und wie Musk auf den Protest reagiert.

Die Mullahs ermordeten den Vater. „Jetzt geht es um Blut und um Zeit.“

Den Menschen im Iran geht es bei ihren Protesten gegen das Ajatollah-Regime um alles oder nichts. Sie haben ein grausames Wochenende hinter sich. Es scheint klar zu sein, dass tausende, wenn nicht zehntausende Menschen bei den Massenprotesten bereits ums Leben gekommen sind. Es gibt Bilder von Leichensäcken, die sich an den Straßenrändern stapeln. Krankenhäuser berichten von Notständen, weil es in den Kliniken so viele Verletzte gibt.  Doch was genau derzeit passiert, ist unklar, denn seit Tagen ist das Internet tot. Trotzdem ist es meinem Kollegen Ahmad Shihabi gelungen, mit einem Taxifahrer aus Teheran zu sprechen. Auch er ist unter großer Angst auf die Straße gegangen, wie schon in den Jahren zuvor. Diesmal aber sei es viel schlimmer, regelrecht „kriegsähnlich“.   

Scenes Of Destruction In Tehran Following Anti-Government Protests
Zerstörung nach schweren Ausschreitungen in Teheran. © Getty Images | Getty Images

Die Aktivistin Gazelle Sharmahd hat ihren Vater an das Terrorregime, wie sie es nennt, verloren: Der iranische Geheimdienst entführte ihren Vater, den deutschen Jamshid Sharmahd, während einer Geschäftsreise, er wurde im Iran inhaftiert, gefoltert, zum Tode verurteilt und im Oktober 2024 hingerichtet. Seine Leiche bekam die Tochter ohne Zunge, ohne Organe an ihren Wohnort in Los Angeles überstellt. Im Videocall mit mir und meiner Kollegin Gudrun Büscher zeigte sie sich überzeugt, dass das Regime am Ende ist. Ob in sechs Wochen, sechs Monaten oder sechs Jahren. Ob mit 6000 Toten oder 60.000: Es geht um Blut und um Zeit.

Weiße Folter in Irans Horrorknast: „Wie meine Mutter überlebte“

Wie viele Iraner im Heimatland und auch im Exil hofft Gazelle Sharmahd auf Reza Pahlavi, den ältesten Sohn, und somit Kronprinzen, des bei der Revolution von 1979 in die Flucht geschlagenen Schahs Mohammad Reza Pahlavi. Madeleine Janssen hat ihn porträtiert. Und wenn Sie wissen wollen, wie das System mit politischen Gefangenen umgeht: Mariam Claren hat es mir berichtet. Ihre Mutter saß vier Jahre lang im berüchtigten Evin-Gefängnis.

Gazelle Sharmahd
Gazelle Sharmahd kämpft für ein von den Mullahs befreites Iran. Ihr Vater wurde vom Regime hingerichtet. © picture alliance/dpa | Bernd von Jutrczenka

Ich bewundere den Mut der vielen Menschen, die immer wieder ihr Leben riskieren für eine Zukunft in Freiheit. Und ich hoffe, sie bekommen von Deutschland, Europa und vor allem den USA eine Unterstützung, die das Land nicht ins Chaos stürzt. Denn es ist ja auch klar: Eine Regierung, die nur noch durch Straßenmorde, Exekutionen, Korruption und Vetternwirtschaft existiert, hat keine Zukunft.

Auch wenn es noch Januar ist: Die Tage werden länger, der Schnee ist erst mal weg. Mich stimmt das optimistisch. Ich hoffe, es geht Ihnen ebenso und Sie genießen Ihren Sonntag,

Ihre Birgitta Stauber

Einsam in Peking, ausgebremst in Rom, mutig in Teheran