Die Idee ist im Prinzip richtig gut: 100 zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger diskutieren auf einer Bühne live über ein kontroverses Thema, moderiert von Tagesthemen-Anchorman Ingo Zamperoni. Den Debattenstoff liefern die bekannten TV-Gesichter Anna Planken und Till Nassif. Die Bürger auf der Bühne können auf Lichtfeldern hin und her springen, je nachdem wo sie mit ihrer Haltung stehen. Und wer zu Wort kommt, kann vor laufender Kamera so richtig seine Meinung raushauen. Mit dem Format „Die 100 – was Deutschland bewegt“ will der WDR in Kooperation mit dem NDR Bürgernähe zeigen.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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An diesem Montag dürften die Einschaltquoten besonders hoch gewesen sein, schließlich lief die Sendung direkt nach der Bürgerfragerunde „Arena“ mit Bundeskanzler Friedrich Merz. Und der wird gleich als Witzfigur aus Pappe ausgestellt, garniert mit lockiger Deutschland-Perücke. Doch das war nicht die einzige Albernheit, die sich die Macher der Sendung ausgedacht hatten, damit die Zuschauer nicht die Aufmerksamkeit verlieren. Deutschland-Maskottchen Schlandi läuft durch die Sendung, Anna Planken verkauft positive Nachrichten („wir sind die drittgrößte Volkswirtschaft“), und sogar das 500-Milliarden-Schuldenpaket, garniert als „Sondervermögen“, bekommt eine La-Ola-Welle, für die sich die 100 Bürger Deutschland-Girlanden umhängen und das Fähnchen schwenken.  

„Stadtbild“-Debatte dominierte im Herbst den politischen Betrieb

Doch dann kommt das Thema „Stadtbild“. Die Debatte, die den ganzen Herbst den politischen Betrieb dominierte, ausgelöst von Friedrich Merz, der sein Unbehagen über herumlungernde Migranten ohne Aufenthaltsrecht und Arbeit zunächst diffus thematisiert hatte mit dem Halbsatz: „Und dann ist da noch dieses Stadtbild.“

Die 100 - was Deutschland bewegt
Aus Pappe, mit Girlande: Anna Planken präsentiert Friedrich Merz in der Sendung „Die 100 – was Deutschland bewegt“ © Screenshot ARD | Screenshot ARD

An diesen Halbsatz klammert sich Moderator Till Nassif, der die Aufgabe hat, Argumente für schlechtes Regieren populär darzustellen. Schließlich hebt er eine Farbkarte hoch, die sogenannte Skin Color Chart aus der US-Serie „Family Guy“. Bei der betreffenden Szene hält ein Grenzbeamter an einer Schranke eine Karte mit Hautfarbtönen vor das Gesicht eines Passanten. Ist er weiß genug, um zu passieren? Hellere Hauttöne sind mit „OKAY“ beschriftet, dunklere mit „NOT OKAY“. Die Karte wurde zum Social-Media-Meme: Es verbreitet sich seit 2014 im Netz, als satirischer Kommentar, um mit Humor und Satire Rassismus zu kommentieren.  

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Der Moderator läuft mit dem Nachbau dieser Karte durch die Menge auf der Bühne. Er hält sich selbst die Karte ans eigene Gesicht, sagt, hoffentlich sei er nicht zu stark geschminkt worden. Dann macht er den Test bei einer weißen Frau aus der Babyboomer-Generation. „Ich würde wohl bestehen“, sagt sie und windet sich sichtlich. Offenbar ist ihr die Frage peinlich.

Schließlich fischt Nassif den einzigen Schwarzen unter den 100 Bürgerinnen und Bürgern heraus. „Sie haben sich so ein wenig weggedreht“, sagt er. Aus dem Bürgerforum kommt Gelächter. Till Nassif leuchtet ihm mit der Taschenlampe direkt ins Gesicht, hält die Farbkarte daneben. „Ich denke, ich würde nicht bestehen“, sagt der junge Mann. „Wie fühlt sich das an?,“ fragt Nassif. Er habe sich schon damit abgefunden, „es ist Normalität geworden, sag ich mal. Aber es wird in letzter Zeit irgendwie schlimmer.“

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Satire im TV: Macher verfehlen mit zugespitzter Rhetorik ihr Ziel

Unangenehmer kann ein Auftritt im TV zur besten Sendezeit kaum sein. Nassif gibt dann auch zu: „Zweifelsohne ist das wahnsinnig zugespitzt, was wir hier gemacht haben“. Aber genau das habe Merz bei vielen Menschen ausgelöst. Zum Beweis spielt er einen Lungenfacharzt mit türkischen Wurzeln ein, der sich von der Stadtbild-Debatte angesprochen fühlt.

Mit dem Ziel, mit simpler Rhetorik maximal zu unterhalten, sind die Macher der Sendung in die Satire-Falle getappt. Denn wie Ironie funktioniert auch Satire selten außerhalb einer klaren Kennzeichnung. Die Karte hätte vielleicht bei Jan Böhmermann funktioniert, bei dem es völlig okay ist, wenn das Lachen im Halse stecken bleibt. Oder in der „heute show“.

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In einer politischen Debattensendung geht Satire, vor allem in dieser plumpen Form, nach hinten los. Es verstärkt Rassismus und die damit verbundenen Stereotypen. Opfer ist der einzige Schwarze im Bürgerforum, der – reduziert auf seine Hautfarbe – vorgeführt wird.

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Man mag ja von Merz‘ Stadtbild-Äußerung halten, was man will. Bestimmt war es auch nicht geschickt. Aber hier stellt sich die Frage, was den Machern der Sendung durch den Kopf ging. Vielleicht sollten sie sich mal außerhalb des Internets bewegen, denn die Mehrheit der ARD-Zuschauer kennt derartige Memes wohl kaum.

Ingo Zamperoni übrigens fragt im Abspann noch mal, wie die Farbkarte ankam. Offenbar war auch ihm die Aktion nicht geheuer. Aber da hört ihm schon keiner mehr zu.