Miranda steht im kahlen Beton-Flur des New Yorker Staatsgerichts und schminkt sich sorgfältig. Eine andere Gelegenheit hatte die junge Frau aus New Jersey an diesem regnerischen Dezembertag nicht. Sie übernachtet seit Tagen mit einigen Dutzenden von Genossinnen im Park gegenüber. In ihr grünes Kleid ist sie gerade schnell in der Toilette auf dem 13. Stock des Gerichtsgebäudes geschlüpft. In der Zwischenzeit hielt eine Freundin ihr den Platz in der langen Schlange vor dem Saal Nummer 1302 frei.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Es ist der zweite Tag der Vor-Anhörungen zum Prozess gegen Luigi Mangione, die Anfang Dezember begonnen haben. Der 27 Jahre alte ehemalige Dateningenieur aus Maryland soll am 4. Dezember 2024 Brian Thompson auf offener Straße erschossen haben. Thompson war der CEO von UnitedHealthcare, eines der größten und sehr umstrittenen Krankenversicherers der USA. Miranda kann es kaum erwarten, mit Mangione in einem Raum zu sein. Von zahlreichen Amerikanern wird er wie ein Volksheld gefeiert.

Dabei hat er nichts getan, wofür man ihn verehren müsste. Für den mutmaßlichen Mord an Brian Thompson droht ihm die Todesstrafe. Mangione plädiert auf nicht schuldig. In diesen Tagen vor Gericht geht es zunächst einmal darum, welche Beweise zu den Hauptprozessen zugelassen werden. Die Verteidigung versucht zu beweisen, dass zentrale Beweisstücke verfassungswidrig gesichert wurden und deshalb den Geschworenen nicht vorgelegt werden dürfen.

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Mangione sorgt im Gerichtssaal und vor dem Gebäude für Aufsehen

An diesem Tag sind es noch beinahe zwei Stunden, bis Miranda den Angeklagten von der letzten Bank des großen Gerichtssaals aus zu sehen bekommt. So lange dauert es, bis alle Reporter und Zuschauer sitzen, die Verteidiger und Ankläger ihre Materialien organisiert haben und Mangione vorgeführt wird. Der 27-Jährige ist frisch frisiert und trägt einen dunkelblauen Anzug mit kariertem Hemd. Die Gefängnismonate haben ihn nicht gezeichnet. Sein Gesichtsausdruck ist selbstbewusst und keck wie eh und je. Mangione sieht aus, als wäre er auf einer Gartenparty in den Hamptons.

Am Tag zuvor, als es noch nicht regnete, hatten die selbsternannten „Mangione Girls“ den Platz vor dem neoklassizistischen Gerichtsgebäude in einen Zirkus verwandelt. Sie trugen Khaki-Grün, die bevorzugte Modefarbe Mangiones, und hielten Transparente mit der Aufschrift „Free Mangione“ in die New Yorker Winterluft. Ein Lastwagen mit einer LED-Anzeige, die glitzernd proklamierte, Todesstrafe sei „keine Gerechtigkeit“, fuhr vor dem Gericht auf und ab. Nicht einmal die Trump-Anhänger hatten bei dessen Prozess am selben Gericht einen derartigen Rummel auf die Beine gestellt.

Luigi Mangione Attends State Court Hearing In New York
Zuschauerinnen betreten den Gerichtssaal in New York: Der Angeklagte genießt nahezu Kultstatus unter vielen jungen Amerikanern.© Getty Images via AFP | Michael M. Santiago

Mangione sorgt mit Outlaw-Image und Kritik für gespaltene Reaktionen

Mangione ist jetzt schon jetzt zu einer modernen Version von Billy the Kid geworden, dem Outlaw und Frauenschwarm, der für den kleinen Mann sein Leben aufs Spiel setzt. Der Kultstatus Mangiones scheint seit seiner Verhaftung vor knapp einem Jahr stetig zu wachsen. Dabei blenden manche seiner Anhänger offenbar aus, dass er eines abscheulichen Verbrechens beschuldigt wird. In drei verschiedenen Verfahren muss er sich in den kommenden Monaten verantworten.

Donald Trump persönlich hat seiner Abscheu angesichts der Verehrung Mangiones und der Verherrlichung seines Verbrechens Ausdruck verliehen. In linken Kreisen ist man Mangione zwar dankbar, dass er der Debatte um das amerikanische Krankenversicherungssystem eine neue Brisanz verliehen hat. Auf den Hülsen seiner Patronen stand: „Delay, Deny, Defend“ – Abkürzungen für die Taktik der Versicherungen, Ansprüche von Versicherten zu verschleppen, abzuweisen oder dagegen zu klagen. Einen Entscheider dafür zu töten, was die Ermittler Mangione vorwerfen, gilt allerdings in diesen Kreisen ebenso wenig als angemessen wie die aktuelle Romantisierung von Mangione.

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Beweisstücke im Fokus: Rucksack und Manifest belasten Mangione

In den kommenden Wochen wird der Fall Mangione erneut ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit rücken. Auf die Anhörungen dieser Woche folgt die zeitliche Festlegung, wann der Hauptprozess des Staates New York stattfinden soll. Der Terrorismus-Vorwurf des New Yorker Staatsanwaltes Alvin Bragg wurde bereits abgewiesen. Am 9. Januar beginnt das Verfahren auf Bundesebene gegen Mangione, bei dem die Anklage die Todesstrafe anstrebt – unterstützt von Justizministerin Pam Bondi.

Bei den nun zu ermittelnden Beweisstücken, die in den Hauptprozessen im neuen Jahr zugelassen werden sollen, geht es vor allem um einen Rucksack, der bei der Verhaftung Mangiones in einem McDonald’s im Bundesstaat Pennsylvania sichergestellt wurde. Darin befand sich die mutmaßliche Tatwaffe sowie ein Tagebuch mit einer Art Manifest, in dem Mangione das Motiv seiner Tat darlegte. Laut Mangiones Anwälten wurde der Rucksack jedoch vor der Verhaftung durchsucht – ein Vorgehen, das die Rechte des Angeklagten verletzt. Zudem sei er angeblich von den Beamten befragt worden, bevor man ihm seine Rechte verlesen hatte.

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Gerichtsprozess in New York: Bodycam-Videos rekonstruieren Mangiones Verhaftung

So wurden die Presse und die selbsternannten Mangione-Girls im New Yorker Gerichtssaal einer mühsamen Sekunde-für-Sekunde Betrachtung der Body Cam- und Überwachungs-Videos aus der McDonald’s-Filiale unterzogen, um den Hergang der Verhaftung zu rekonstruieren. Zu jeder Szene wurden die beteiligten Beamten ausführlich befragt.

Mangione machte sich dabei Notizen und tuschelte mit seinen Rechtsanwälten. Dass er lebenslänglich hinter Gitter kommen oder zur Todesstrafe verurteilt werden könnte, schien ihn nicht zu bedrücken.