Für Robin ist die Welt schon mit zwölf Jahren grau und erdrückend, an vielen Tagen fühlt sie sich leer und hilflos. Denn ihre Mitschülerinnen und Mitschüler schließen sie in der Schule aus. Die Jugendliche hat das Gefühl, nicht dazuzugehören. Und dann stirbt ihre Oma, ihre Bezugsperson. Dieses Ereignis wirft Robin aus der Bahn, sie entwickelt zu den depressiven Symptomen eine Essstörung. Ihre Eltern wissen nicht, wie sie ihrem Kind helfen können, und wünschen sich, dass es Robin endlich besser geht. Doch schnelle Hilfe ist nicht in Sicht.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Die Suche nach einem Therapieplatz in Hamburg und Umgebung ist schwierig. Erst nach über einem Jahr bekommt Robin einen Termin für ein Kennenlerngespräch. Mit der Therapeutin kommt das Mädchen nicht gut klar. Es fühlt sich von möglichen Erwartungen unter Druck gesetzt und entscheidet sich daher gegen eine Therapie.

Eine wichtige Stütze in der gesamten Zeit ist für Robin der Schulpsychologe, der immer wieder mit ihr über ihre Probleme spricht: „Ich verdanke ihm viel“, erzählt sie heute. Jedoch reicht seine Hilfe irgendwann nicht mehr aus. Kurz vor den Abiturprüfungen quälen Robin immer mehr negative Gedanken, die ihr den Schlaf rauben. Sie ist erschöpft und verfällt erneut in ein essgestörtes Verhalten. Das bleibt nicht ohne körperliche Folgen: Robin nimmt in der Zeit schnell ab und verliert mehrmals ihr Bewusstsein. Schließlich weist sie sich mit diesen Symptomen in eine Tagesklinik ein.

Mentale Gesundheit: Kinder und Jugendliche warten durchschnittlich 28 Wochen auf einen Therapieplatz

Robins Geschichte ist kein Einzelfall, das zeigt eine Studie der Universität Leipzig. 2022 warteten demnach Kinder und Jugendliche durchschnittlich länger als ein halbes Jahr (28 Wochen) auf einen Therapieplatz. Die Autorinnen und Autoren der Untersuchung begründeten diesen Zustand mit einer „nicht ausreichenden Zahl von Kassensitzen für Psychotherapeuten“.

Auch Cornelia Metge, Vorstandsmitglied der Bundespsychotherapeutenkammer, kennt das Problem. Aus ihrer eigenen Erfahrung weiß sie, wie lange Minderjährige zum Teil auf dringend benötigte Unterstützung warten. Metge behandelt seit 17 Jahren Minderjährige mit psychischen Erkrankungen in ihrer Praxis im Erzgebirge. In ländlichen und strukturschwachen Regionen sei die Lage besonders angespannt.

Das ist eine beunruhigende Entwicklung.

Cornelia Metge, Vorstandsmitglied der Bundespsychotherapeutenkammer

Erkrankten Kindern und Jugendlichen keine Behandlung anbieten zu können, belastet die Psychotherapeutin. Besonders, weil immer mehr junge Menschen Hilfe benötigen. So entwickelt fast jeder fünfte Minderjährige in einem Jahr eine psychische Störung wie eine Depression, Ess- oder Angststörungen. Die Anzahl der Betroffenen ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten weltweit gestiegen. „Das ist eine beunruhigende Entwicklung“, betont Metge.

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Die Psychotherapeutin begründet dies mit zunehmenden Belastungen. So erlebten Schüler in der Corona-Pandemie Einschränkungen in der Schule, in der Freizeit und in ihren sozialen Beziehungen. Kurze Zeit später folgte der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und schließlich eskalierte die Gewalt im Nahen Osten. Gleichzeitig schreitet die Klimakrise fort und die sozialen Medien gewinnen immer stärkeren Einfluss auf das Befinden von Minderjährigen.

Experten warnen: Die Hälfte aller psychischen Erkrankungen entstehen im Kindes- und Jugendalter

Dass Betroffene unter diesen Umständen lange auf Therapieplätze warten, sei „ein unhaltbarer Zustand“, betont Metge. Nicht nur, weil die Hälfte aller psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter entstehen. Sondern auch, weil die Erkrankungen die psychosoziale Entwicklung der Kinder beeinträchtigen.

„Ohne Behandlung verschärft sich das Leiden, mit langfristigen Folgen für ihre schulische und berufliche Entwicklung und die psychische Gesundheit im Erwachsenenalter.“ Zudem steige das Risiko, dass die Erkrankungen chronisch werden und weitere Begleiterkrankungen hinzutreten. Metge: „Das können wir den Kindern nicht zumuten und uns als Gesellschaft nicht leisten.“

Die Bundespsychotherapeutenkammer kritisiert daher, das Thema „mentale Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen“ werde zu wenig beachtet. Die Bundesregierung müsse den Weg für eine eigene Bedarfsplanung ebnen, wie im Koalitionsvertrag vereinbart, so die Forderung der Interessenvertretung. Denn aktuell sei die Kinder- und Jugendpsychotherapie ein „Anhängsel an der Erwachsenenplanung“. Konkret heißt das: 20 Prozent der geplanten Kassensitze werden für Kinder- und Jugendpsychotherapeuten ausgewiesen.

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Die Bedarfsplanung regelt, wie viele und welche Ärzte und Psychotherapeuten sich mit einer Kassenzulassung in einer Region niederlassen dürfen. Grundlage dafür sind Verhältniszahlen (Arzt-zu-Einwohner), die sich zwischen Stadt und Land erheblich unterscheiden. Sie wurden 1999 auf Basis des damaligen Ist-Zustands bestimmt. Seitdem sind die Zahlen mehrfach angepasst worden.

Bundesweit gab es 2025 mehr als 34.000 psychologische Psychotherapeuten

Von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) heißt es auf Anfrage, dass es zuletzt 2019 eine große Reform bei den Kassensitzen für alle Psychotherapeuten gegeben habe. Damals entstanden rund 800 neue Zulassungen.

Laut einem KBV-Sprecher gab es im vergangenen Jahr „deutschlandweit keine einzige Region mit Unterversorgung an psychologischen Psychotherapeuten“. Stand 31.12.2024 waren 34.921 psychologische Psychotherapeuten mit einem Kassensitz zugelassen, darunter 8.044 Kinder- und Jugendpsychotherapeuten. Das sei nach Hausärzten „die zweitgrößte Gruppe in der Versorgung“.

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Bundesweit waren im vergangenen Jahr 8044 Kinder- und Jugendpsychotherapeuten zugelassen. © iStock | Valeriy_G

Dennoch unterstützt auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung eine separate Planung, doch für eine solche Anpassung müsste das fünfte Sozialgesetzbuch verändert werden. Aus dem zuständigen Ressort heißt es: „Die weitere Verbesserung der psychotherapeutischen und psychiatrischen Versorgung insbesondere von Kindern und Jugendlichen ist dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG) ein wichtiges Anliegen.“ An einem entsprechenden Gesetzentwurf werde bereits gearbeitet.

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Wenn es so kommt, können Patientinnen und Patienten aufatmen. Auch Robin freut sich über die Nachricht. Mittlerweile ist sie 21 Jahre alt und hat ihr Abitur in der Tasche. Und: Es geht ihr besser, denn sie hat dank vieler Gespräche mit Freunden und einer kurzen Therapie während eines Aufenthalts in Kanada gelernt, mit ihren Gedanken und Gefühlen umzugehen. An ihrem neuen Wohnort in Kiel hat sie außerdem endlich einen Therapieplatz in Aussicht.

Um die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu verbessern, wünscht Robin sich mehr offene Sprechstunden und mehr Aufklärung in der Schule. Auch Cornelia Metge von der Bundespsychotherapeutenkammer fordert weitere Angebote wie einen Ausbau der ambulanten Komplexbehandlung und von Gruppentherapien. Mit den geplanten Verbesserungen in der Bedarfsplanung könne jedoch ein erster Schritt getan werden. Denn Kinder und Jugendliche brauchten ein wohnortnahes Angebot und könnten für ihre Psychotherapie nicht 20 Kilometer und mehr in die nächste Großstadt pendeln.