Liebe Leserin, lieber Leser,

die Älteren unter Ihnen können sich bestimmt noch an Christiane F. erinnern. Das Mädchen aus dem Westberliner Plattenbau Ende der 1970er-Jahre, das sein Leben dem Heroinrausch widmete und schließlich am Bahnhof Zoo versackte zwischen Prostitution, Kriminalität und der Suche nach dem nächsten Schuss. Mich hat damals ihr Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und später auch der Film nachhaltig beeindruckt. Drogen, lernte ich, ist Teufelszeug. Hasch der Einstieg, Kokain schon süchtig machend, Heroin tödlich. Mit Drogen schmeißt du dein Leben weg: Mit dieser Einstellung konnte ich den Kifferrunden in Kinderzimmern, die auch damals schon üblich waren, widerstehen.

Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
Christiane F., gespielt von Darsteller: Natja Brunckhorst. Film von 1981.© picture alliance/United Archives | IFTN

Wie ich an das Buch kam, kann ich mich nicht mehr erinnern. In der Schule jedenfalls war Christiane F. kein Thema. Als ich es der Deutschlehrerin als Lektüre vorschlug, war sie so empört, dass ich bei ihr über eine Drei nicht hinauskam – obwohl ich unter meinen Freundinnen die Einzige war, die Effi Briest ebenso wie die Judenbuche zu Ende gelesen hatte.

Sartre im Französisch-Unterricht ist wichtig. Lebenspraxis aber auch

Lebenspraxis war auf den westdeutschen Gymnasien der 1980er-Jahre nicht vorgesehen. Also lernte ich in Mathematik Vektorrechnung, las im Französisch-Leistungskurs Sartre und Camus und kannte nach dem Abi den Pawlowschen Hund und Hitlers Ermächtigungsgesetz.

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Birgitta Stauber, Textchefin.© Montage | FMG/Reto Klar/FFS

Was ich nicht wusste: Wie eine Herzmassage funktioniert, was ich bei einem Unfall tun muss, wie eine vernünftige Haushaltsplanung geht und dass auch Alkohol und Zigaretten ziemlich schädlich sind.

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Heutzutage sind Schulen zu Krisenprävention verpflichtet. Was Drogen anrichten, wo sexueller Missbrauch beginnt, was bei einer Naturkatastrophe wie der Ahrtal-Flut beachtet werden muss, wie mit der wachsenden Kriegsgefahr umzugehen ist: All das müssen sie den Heranwachsenden näherbringen.

Haftbefehl-Doku zeigt, was Kokain anrichten kann

Und nun läuft so etwas wie eine Neuauflage von Christiane F. auf Netflix, in den Charts seit Wochen auf Platz eins: Es ist der Aufstieg und Niedergang des Rappers Haftbefehl, ein Junge mit Migrationshintergrund aus den Hochhaussiedlungen in Offenbach. Seine Texte kennen die meisten Kids auf den Schulhöfen. Inzwischen ist er allerdings ein physisches und psychisches Wrack. Kaputt von unzähligen Kokain-Lines tritt er das mit Füßen, was ein schönes Leben sein könnte: seinen Ruhm und seine Familie.

Die Doku, fordern nun immer mehr Schülerinnen und Schüler, gehört in den Unterricht, so krass sie auch ist. Oder genau deswegen.

Mich erinnert das an Christiane F. und meine Frage von damals: Sind Deutsch-, Musik- oder Sowi-Lehrkräfte bereit, ihr Curriculum zu verlassen? Und mehr noch: Wie zeitgemäß ist der Unterricht eigentlich angesichts der wachsenden Herausforderungen durch Krisen, Klimawandel, Kriegsgefahr und massivem Drogenkonsum?

Schulen müssen aufklären über Drogen und Krisen. Nur wie?

Was ich herausfand: Die Schulen müssen Prävention in all den genannten Facetten unterbringen. Doch ob sie das auf sinnvolle Weise tun, ist Glückssache, so das Fazit meiner Recherche, für die ich mit Lehrer-, Eltern- und Schülervertretern gesprochen habe. Es gibt unzählige Konzepte, die im Chaos des Bildungsföderalismus entstehen, äußerst vage Leitlinien, es wird viel ausprobiert. Nur den roten Faden, den gibt es im deutschen Schulwesen nicht. Schauen Sie gerne in die Recherche rein.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Vielleicht sollten Schulen auch den zehnten Jahrestag der islamistischen Terroranschläge in Frankreich in den Unterricht integrieren. 130 Tote, 400 Verletzte gab es, als am 13. November 2015 islamistische Terroristen fünf verschiedene Orte in Paris angriffen, darunter das Stade de France im Vorort Saint-Denis und den Musikclub Bataclan.

Eine Bataclan-Überlebende sagt im Interview, was sie über die Täter denkt

Dort spielte damals die Band Eagles of Death Metal. Ein großer Fan der Band ist Stéphanie Zarev. Sie war mittendrin, als die Terroristen während des Konzerts 89 Menschen töteten. Im Interview, das Stefan Brändle mit ihr geführt hat, erzählt sie, wie sie den Anschlag überlebte und sich danach nicht nur mit ihrem Trauma, sondern auch mit den Tätern auseinandersetzte. Eine bemerkenswerte Annäherung, mit der Zarev auch den Wahnsinn von Tätern offenlegt, die mitunter gar nicht wissen, was sie da eigentlich tun und für welches Ziel. Bester Diskussionsstoff für den Politik- und Geschichtsunterricht, so meine Empfehlung.

Stéphanie Zarev
Überlebte den Terroranschlag im Musikclub Bataclan: Stéphanie Zarev.© privat | Stefan Brändle

Von Mileis Kettensäge lernen – echt jetzt?

Ebenso lesenswert ist das Interview, das Jochen Gaugele mit Veronika Grimm führte. Die Ökonomin gehört zum Expertenrat der Wirtschaftsweisen, der gerade ein ernüchterndes Herbstgutachten herausgebracht hat: Nach zwei Jahren Rezession folgt die Stagnation. Das heißt: Die Lage bleibt angespannt. Was Grimm nun fordert, ist mindestens irritierend: Nach dem Vorbild Argentiniens – das Land wird vom libertären Präsidenten Javier Milei geführt, der symbolhaft im Wahlkampf die Kettensäge rausholte – empfiehlt sie die Aufweichung des Kündigungsschutzes, um mehr Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt zu erreichen.

Ich verstehe ja die Logik dahinter: Wer schneller kündigen kann, stellt auch unbefangener Leute ein. Ich will das nicht bewerten, ich bin keine Ökonomin, und sicher gibt es aus dem Lager etwas linkerer Wirtschaftsexperten andere Schlussfolgerungen. Aber klar ist auch: Wir müssen uns vorbereiten auf eine immer unsicherer werdenden Zukunft.  Auch das gehört in den Schulunterricht.

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Das Beste aus dem ersten Jahr
Meine schwerste Entscheidung
 

Christian Lindner arbeitet jetzt für den „Auto-Aldi“

Wie Flexibilität bei der Berufswahl geht, macht uns gerade Ex-Finanzminister Christian Linder vor. Er hat nach seiner Karenzzeit nicht nur einen Beraterjob angenommen und zeigt sein Gesicht als Aufsichtsrat bei der Personalvermittlung Stepstone, an der auch Private Equity beteiligt ist. Er ist jetzt auch Autohändler, genauer: Vizechef des Auto-Discounters „Autoland“. Zugespitzte Schlagzeilen sprachen in dieser Woche vom Gebrauchtwagenhändler Lindner. Wer schon mal ein Auto vom Parkplatz weggekauft hat, spult da womöglich gerade einen Film ab. Man kann ja von Christian Lindner halten was man will: Konsequent für einen ausgesprochen wirtschaftsliberalen Politiker ist das schon. Tatsächlich bin ich gespannt, wie lange er das macht.

Christian Lindner wird stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Autoland AG - Größter markenunabhängiger Automobilhandelskonzern setzt starkes Wachstum fort - Umsatzmilliarde in 2025 erwartet
Christian Lindner mit dem Autoland-Chef Wilfried Wilhelm Anclam.© Autoland AG | Luca Geselle

Und nun noch eine Mutmach-Empfehlung für alle, die sich vor einer Demenzerkrankung fürchten. Es gibt inzwischen nicht nur vielversprechende Medikamente, die zum Beispiel die Alzheimer-Folgen verlangsamen und so die Lebensqualität spürbar verbessern können. Jeder kann selbst etwas tun, und zwar nicht nur zur Vorbeugung, sondern auch, wenn die Demenz bereits spürbar ist.

Worauf es dabei ankommt, hat der Neurologe Peter Berlit meinem Kollegen Maik Henschke erklärt. Berlit ist Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und gehört dem Expertenteam der Deutschen Hirnstiftung an. Diesen Tipp kann ich Ihnen schon einmal geben: Isolieren Sie sich nicht, bleiben Sie aktiv, erst recht in diesen grauen Spätherbsttagen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein aktives wie erholsames Wochenende.

Es grüßt Sie herzlich

Ihre Birgitta Stauber