In Berlin verteilen Drogendealer ihre Visitenkarten schon an 14-Jährige und locken mit Rabatten. In Mönchengladbach tragen Schulhausmeister stichfeste Westen. Im bayerischen Günzburg wird ein Schüler heftig gemobbt und schließlich mitten im Kunstunterricht krankenhausreif geschlagen. Und wieder Berlin: Dort sticht ein 13-Jähriger auf einen 12-Jährigen ein.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Die Liste der Schlagzeilen rund um Drogenkriminalität, Gewalt und Mobbing an Schulen ließe sich endlos fortsetzen, das bestätigt auch die amtliche Polizeistatistik: Gewalt und Kriminalität an Schulen haben in den vergangenen zwei Jahren deutlich zugenommen, in einigen Bundesländern sogar um mehr als 60 Prozent.
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Von den Schulen wird erwartet, dass sie aufklären, üben, beraten. Nur: Tun sie das tatsächlich? Und wenn ja, wie und wann? Welche Konzepte gibt es bereits und wie funktionieren sie? Schließlich geht es nicht nur um Drogen und Gewalt, sondern auch um Krisenprävention in immer unsicherer werdenden Zeiten. Ist es mit einer Doppelstunde pro Jahr getan, wie sie Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) fordert? Eine Spurensuche bei Schülern, Eltern und Lehrern.

Vor welchen Herausforderungen Schulen heute stehen, skizziert Stefan Düll, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Und dabei geht es nicht nur um Drogendealer und Mobbing. „Es können Naturkatastrophen passieren, das hat das Ahrtal gezeigt. Und Gewalt gehört leider zum Alltag“, sagt der Leiter eines Gymnasiums im bayerischen Neusäß. Der eigentlich geschützte Raum Schule sei in Gefahr. „So brutal das klingen mag: Die Katastrophen sind schon da“. Vom Krieg in der Ukraine bis zu Gewalt, Amok und Terror. Kinder, deren Väter und Brüder an der Front sind, Kinder mit Kriegs- und Fluchtgefahr säßen schließlich längst in den Klassenzimmern.
Schulen sollen veraltet sein? „Diese These kommt alle paar Jahre hoch“
Sind die Strukturen an Schulen geeignet, mit dieser wachsenden Herausforderung umzugehen? Ist die Schule in der heutigen Form überhaupt noch zeitgemäß? Stefan Düll winkt bei dieser Frage ab. Die These, dass die Strukturen veraltet seien, „kommt alle paar Jahre hoch“, sagt er. Tatsächlich gebe es viele Programme, die über normale Wissensvermittlung hinausgingen. In vielen Schulen gehöre es längst zum Standard, dass Polizeibeamte Schülerinnen und Schülern die Rechtslage zum Drogenkonsum erklären – „und die Konsequenzen erläutern, wenn einer beim Dealen erwischt wird“. Auch Suchtberater kämen regelmäßig in den Unterricht. Meist hätten sie selbst mit Abhängigen zu tun – oder sie seien Aussteiger aus dem Drogenmilieu.
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„Je größer die Schule ist, desto einfacher ist es, das durchzusetzen“, gibt Düll allerdings auch zu. Es gebe sicher auch Schulen, an denen die Prävention „noch ausbaufähig“ sei.
An einer von diesen „ausbaufähigen Schulen“ war Quentin Gärtner. Er hat in diesem Jahr an einem Gymnasium in Waiblingen bei Stuttgart Abitur gemacht. „Dass Polizeibeamte in den Unterricht kommen oder Sozialarbeiter, habe ich im Laufe meiner Schulzeit nicht erlebt“, sagt der 18-jährige Generalsekretär der Bundeschülerkonferenz. Stattdessen erinnert er sich an theoretische Erklärungen, etwa was schlecht sei an Drogen „und warum wir die Finger davonlassen sollen.“
Schülersprecher Quentin Gärtner: Prävention an Schule ist Glücksache
Gärtner bezweifelt gar nicht, dass es großartige Lehrkräfte gebe und Schulleitungen, bei denen Krisenvorsorge und Drogenprävention gut laufe. „Ob ein Schüler, eine Schülerin davon profitieren kann, ist allerdings Glückssache.“

Der 18-Jährige vermisst eine flächendeckende Systematik für alle Schulen in Deutschland. Eine Systematik, in denen Sozialarbeiter und Psychologen Lehrkräfte entlasten. Ob Bund, Länder oder Kommunen: „Alle müssen bei der Frage mehr an einem Strang ziehen. Daran mangelt es im Bildungsföderalismus.“ Die beste Prävention sei ohnehin, jungen Menschen gute Perspektiven zu geben und eine psychische Gesundheit, sagt Gärtner.
Aykut Anhan alias Haftbefehl: Sollte die Doku über seinen Verfall im Unterricht gezeigt werden?
Einer, der beides nicht hatte, ist Aykut Anhan. Er wuchs in einem Offenbacher Problemviertel auf, sein Vater nahm sich das Leben, seine Kindheitserinnerungen kreisen um häusliche Gewalt und die Angst um den stets depressiven Vater. Aykut Anhan entflieht mit Drogen aus seinem Alltag – und schafft als Rapper Haftbefehl einen kometenhaften Aufstieg, wird ein Star, die Schülerinnen und Schüler in den Klassenzimmern kennen seine Texte auswendig. Doch vor allem Kokain macht aus dem Rapper ein psychisches und physisches Wrack, seine Karriere endet beinahe tödlich. Die Doku „Babo“ über Aufstieg und Fall des Rappers sorgt derzeit auf Schulhöfen und in den Familien für Gesprächsstoff. Warum also nicht die Perspektivlosigkeit seiner Kindheit, seine krassen Texte, seinen Drogenkonsum im Unterricht thematisieren? Etwa im Fach Musik oder Deutsch oder Politik.

„Das wäre eine hervorragende Möglichkeit, zu zeigen, wie zerstörerisch exzessiver Drogenkonsum ist“, sagt Schülersprecher Gärtner. Tatsächlich ist die Doku bereits in den Schulen angekommen. Aber eben (noch) nicht systematisch. „Je nachdem, wie Schulen personell ausgestattet sind, kann es schnell zu Überforderung kommen“, sagt Norman Heise, Sprecher des Bundeselternrates. Auch er spricht von Glückssache beim Thema Prävention an Schulen. Der Film sei eine Möglichkeit. Es brauche aber vor allem externe Partner, die mehrmals pro Schuljahr – regelmäßig – Präventionsarbeit leisteten. Polizisten, Mitarbeiter von Beratungsstellen wie die Berliner Suchtprävention. „Wenn jemand aus der Praxis kommt, womöglich selbst von Sucht und Drogenmissbrauch betroffen ist oder war, ist es natürlich besser, als wenn eine Lehrkraft referiert.“
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Lehrer: Eine Doppelstunde Krisenprävention reicht nicht aus
Neue Unterrichtsfächer seien gar nicht nötig, so Heise. „Die Lehrpläne geben fächerübergreifende Themen her“. Gemeinsame Projekte der Natur- und Geisteswissenschaften seien längst möglich, so der Elternsprecher. „Die guten Schulen machen das.“ Auch Lehrerpräsident Stefan Düll hält viel von Zusammenarbeit: Schon in den Grundschulen könne Katastrophenschutz zum Heimat- und Sachunterricht gehören. In den weiterführenden Schulen sei es der Politik- und Geschichtsunterricht.

„Wir müssen in der Schule offen und ehrlich reden“, sagt Düll. Ob es nun um drohende Naturkatastrophen gehe, der Ersten Hilfe, dem Triage-Urteil des Bundesverfassungsgerichts oder auch die Einrichtung eines nationalen Sicherheitsrates. „Es gibt die Bedrohung von Russland. Wir erleben längst eine hybride Kriegsführung“, sagt Düll. Und darüber müsse doch ehrlich im Unterricht gesprochen werden. Eine Doppelstunde Krisenprävention sei da nicht ausreichend.
Dabei gibt es genug Programme, darauf weist auch die Kultusministerkonferenz (KMK) hin. Etwa für fächerübergreifende Projekte, Aktionstage, Präventionswochen. Obendrein sei in vielen Ländern bereits im jeweiligen Schulgesetz die Pflicht zur Erarbeitung eines Schutzkonzeptes verankert, so KMK-Sprecher Michael Reichmann. Was übersetzt heißt: Drogen, Mobbing, sexueller Missbrauch und Diskriminierung müssen im Unterricht behandelt werden, und zwar fächerübergreifend.
„Mal fühlt sich eine Lehrkraft nicht zuständig. Mal ist sie krank. Und dann passiert nichts“
Die Schulträger haben dabei die Qual der Wahl: Handelsempfehlungen gibt das deutsche Schulportal heraus, Krankenkassen haben ihre Leitfäden, Universitäten ihre Studien, NGOs wie „Keine Macht den Drogen“ bieten Workshops und digitalen Unterricht an.
Zugespitzt zusammengefasst: Der einzige rote Faden, der sich wirklich für alle Schulen ergibt: Sie müssen sich zwar um Prävention kümmern, ob es um Drogen geht, Krisen, Gewalt oder Missbrauch, und zwar neben dem regulären Unterricht. Nur wie und was sie machen und ob es überhaupt was bringt – da fehle eine gewisse Systematik, darüber sind sich die Vertreter der Lehrer, Eltern und Schüler einig. Mal fühle sich eine Lehrkraft nicht zuständig, obwohl sie Unterricht anbieten könnte. „Oder sie ist krank. Und dann passiert gar nichts“, sagt Elternsprecher Heise. Dabei gebe es sie, die gute Praxis. „Jetzt wird es Zeit, sie auch in die Breite zu tragen.“ Damit Aufklärung und Prävention eben keine Glückssache mehr sind. Die Doku „Babo“ über den Sänger Haftbefehl leistet beides. Doch sie einfach im Unterricht zeigen? Der Drogenbeauftragte Hendrik Streeck ist dafür, wenn es altersgerecht geschieht. „Popkultur erreicht Millionen – inklusive mir selbst.“









