Flüchtlinge im Sudan
Der Sudan erlebt eine der schlimmsten Vertreibungs- und Hungerkrisen. Dieses vom Norwegischen Flüchtlingsrat (NRC) veröffentlichte Foto zeigt vertriebene Kinder aus El Fascher in einem Lager in der Region Darfur, in dem sie Zuflucht vor den Kämpfen zwischen den Regierungstruppen und der RSF gesucht haben. © Marwan Mohammed/NRC via AP/dpa | Marwan Mohammed

Die Vereinten Nationen nennen die Lage im Sudan die weltweit größte humanitäre Katastrophe. Im April 2023 eskalierte ein Machtkampf zwischen der Armee von Militärherrscher Fattah al-Burhan (SAF) und der Miliz seines früheren Stellvertreters Mohamed Hamdan Daglo, den Rapid Support Forces (RSF). Es ist ein Konflikt, der eine der global schlimmsten Vertreibungs- und Hungerkrisen ausgelöst hat.

Vor wenigen Tagen nahm die RSF El Fascher ein, die letzte Großstadt in Darfur, und zog mordend durch die Straßen. Satellitenbilder deuteten auf anhaltende Massentötungen hin. Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) nannte die Lage im Sudan „apokalyptisch“. Rabad Baldo stammt aus Sudan, lebt heute in Kairo, wohin sie nach Kriegsausbruch fliehen müsste. Die Frauen- und Friedensaktivistin, die seit den 90er Jahren für eine Friedenslösung in ihrer Heimat arbeitet, sagt, der globale Norden habe die Macht, Kriege zu beenden, aber die Welt schaue weg. Das Interview fand per Videocall statt.

Erleidet der Sudan wirklich die größte humanitäre Krise unserer Zeit, wie die UN sagen? 

Rabab Baldo: Ja. Die Lage ist katastrophal und das Leid unermesslich. Menschen verhungern oder werden von den Kriegsparteien getötet. In vielen Gebieten ist es kaum mehr möglich, Leichen zu begraben, sodass sie auf den Straßen liegen bleiben und von Hunden gefressen werden. Millionen Menschen mussten fliehen. Zugleich wird die Bewegungsfreiheit durch Kontrollpunkte stark eingeschränkt, wo Menschen durchsucht, ausgeraubt oder angegriffen werden. Unterernährung ist weit verbreitet, das Gesundheitssystem kollabiert und Krankheiten breiten sich aus.

Alarmierend ist auch die wachsende Zahl vermisster Personen, die Versklavung von Frauen und die Zunahme von Kinderehen. Und Jugendliche und Kinder haben seit Jahren keine Bildung genossen – wodurch dem Land seine Zukunft geraubt wird. Der Konflikt hat sich auf Regionen ausgeweitet, die einst als relativ sicher galten. Abgesehen von der Gewalt sind die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Bedingungen so schlecht, dass kein Ort im Sudan wirklich sicher ist. Und die Umweltkrise verschärft die Tragödie weiter. 

Rebab Baldo Sudan
Rabab Baldo, sudanesische Frauen- und Friedensaktivistin. © Screenshot | FMG

Die Situation in El Fascher hat dem Krieg neue Aufmerksamkeit verschafft. Was geschieht dort? 

Baldo: Die SAF und die RSF erlangten wiederholt die Kontrolle über verschiedene Gebiete und haben sie dann wieder verloren. Die RSF, unterstützt von ihren Partnern im Austausch für Sudans Ressourcen, rekrutiert massiv Kämpfer aus anderen Ländern, was es für die SAF schwierig macht, die RSF zu bekämpfen. Die Armee hat mitgeteilt, dass ihr Rückzug aus El Fascher eine strategische Taktik sei, um weitere Verluste zu vermeiden. Doch diese Entscheidung wurde auf Kosten der Bevölkerung vor Ort getroffen, die den Gräueltaten schutzlos ausgesetzt ist. Ich bin weder Militärangehörige noch Strategin, aber mit Blick auf Menschenrechte ist es bestürzend, dass Zivilisten so zurückgelassen wurden.

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Warum hat der Rückzug der Armee aus El Fascher so dramatische Konsequenzen?

Baldo: Die Menschen werden aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit massakriert – nicht nur in El Fascher, sondern auch in anderen Teilen des Sudan. Die RSF geht systematisch gegen nicht-arabische Bevölkerungsgruppen vor. Es ist ein Völkermord. Hunger, Gewalt, Versklavung, Vergewaltigung und Vertreibung werden strategisch eingesetzt, um Gebiete zu besetzen und die Anzahl bestimmter Bevölkerungsgruppen zu reduzieren. Ich bin mir sicher, dass die Soldaten befehligt wurden, Frauen, Männer und Kinder so zu misshandeln, dass ihre Fähigkeit zur Fortpflanzung beeinträchtigt wird.

Zur Person: Rabab Baldo

Wie kann das Töten beendet werden? 

Baldo: Wir erleben einen Stellvertreterkrieg, und die beiden Generäle haben die Macht verloren, ihn zu beenden. Regionale Dynamiken und globale Interessen prägen das Geschehen im Sudan heute mehr als je zuvor. Der einzig nachhaltige Weg, um das Töten zu beenden, besteht darin, die Lieferketten zu unterbrechen, die den Krieg finanzieren. Solange diese netzwerkbasierten Ressourcenströme offenbleiben und ausländische Akteure den Konflikt weiter anheizen, wird es keinen Frieden geben.

Es gab mehrere internationale Vermittlungsversuche, den Krieg zu beenden. Doch diesen Initiativen fehlte eine gemeinsame Vision. Auch die sudanesische Zivilbevölkerung ist so gespalten, dass es schwierig ist, die Menschen zusammenzubringen. Ein effektiver Friedensprozess muss von sudanesischen Stimmen angeführt werden. Beim jüngsten Vermittlungsprozess unter der Führung von Ägypten, Saudi-Arabien, den USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten, werden die gleichen Fehler wiederholt: Die Zivilbevölkerung wird an den Rand gedrängt und Frauen von der Teilnahme ausgeschlossen.

Hat die internationale Gemeinschaft im Sudan versagt? 

Baldo: Lassen Sie mich zunächst bitte meine Dankbarkeit für die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft zum Ausdruck bringen. Zu Ihrer Frage: Zu Beginn des Krieges war die Aufmerksamkeit groß, doch dieses Mitgefühl wurde nicht in sinnvolle politische Maßnahmen übersetzt. Der Sudan ist kein vergessener, sondern ein ignorierter Krieg. Wir haben Briefe und Erklärungen verfasst, an hochrangigen Treffen teilgenommen und Länder besucht, die direkten Einfluss auf die Konfliktparteien haben. Doch das Schweigen dauert an. Wir sind traumatisiert, erschöpft und verlieren immer mehr die Hoffnung. Die Welt schaut weg, während Menschen ihr Leben verlieren. 

Warum erhält der Sudan im Vergleich zu Gaza und zur Ukraine so wenig Aufmerksamkeit? 

Baldo: Afrika hat auf globaler Ebene nie denselben Stellenwert gehabt wie die Ukraine oder Gaza. Die Reaktion der Welt wird nicht von Empathie bestimmt. Jedes Land berechnet, was der eigenen Wirtschaft oder Sicherheit nützt – und der Sudan hat keine Priorität. Diese Vernachlässigung ist eine bewusste Entscheidung. Geopolitische Spannungen im Globalen Norden prägen, wie der Globale Süden behandelt wird, und der Sudan zahlt den Preis für eine durch Machtpolitik gespaltene Welt.

Zudem herrscht in Bezug auf den Sudan eine gewisse Ermüdung. Die Menschen sehen uns als Land, das sich seit jeher im Krieg befindet. Einige Nationen sind der Meinung, dass sie bereits genug investiert haben, und da nur langsame Fortschritte zu verzeichnen sind, haben sie sich abgewendet. Die Wahrheit ist: Wenn der globale Norden beschließt zu handeln, hat er die Macht, Kriege zu beenden – und das könnte er auch für den Sudan tun. Sudanesische Leben sind nicht weniger wert und unser Leid darf nicht normalisiert werden. 

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Sudan: Wer profitiert vom Krieg? Gold, Macht – und Hilfe

Im Krisenmodus

Was sollte Deutschland tun? 

Baldo: Die Welt ist zwischen den im Sudan kämpfenden Parteien gespalten. Nicht nur die Golfstaaten, sondern auch europäische Nationen profitieren vom Krieg. Unsere Ressourcen werden geschmuggelt und billig verkauft, während im Ausland hergestellte Autos und Waffen den Konflikt im Sudan weiter anheizen. Ich fordere Deutschland auf, nicht nur die Kriegsparteien im Sudan zu sanktionieren, sondern auch Staaten und Unternehmen, die beide Seiten unterstützen. Und ich wünsche mir, dass sichergestellt wird, dass Handel und Investitionen unser Leid nicht verschlimmern. Die Partnerschaft Deutschlands mit dem Sudan basierte einst auf Solidarität und Verantwortungsbewusstsein. Das sollte so bleiben, indem man sich auf echte Entwicklung und fairen Handel konzentriert, nicht auf Hilfe oder Ausbeutung.  

Zerbricht der Sudan nun in zwei Teile?  

Baldo: Wenn dieser Krieg weitergeht, zerbricht unser Land in mehr als nur zwei Teile. Die Saat für die Zersplitterung wurde bereits gesät. Dieser Krieg hat unser soziales Gefüge zerrüttet und Wunden aufgerissen, die einst bereits zu Völkermord geführt haben. Beide Parteien instrumentalisieren regionale Loyalitäten, was dazu führt, dass sich Menschen mehr mit ihrem Stamm als mit ihrer Nation identifizieren. Das ist eine tickende Zeitbombe. Ich habe mich stets für Frieden eingesetzt und kann nicht tatenlos zusehen, wie mein Land zerfällt. Deshalb nutze ich jede Gelegenheit, um den sozialen Zusammenhalt wiederherzustellen und die sudanesische Bevölkerung daran zu erinnern, dass wir zusammengehören.