Die Neuregelung des Wehrdienstes in Deutschland steht: Das Wehrdienstgesetz, das der Bundestag am Freitag beschließen will, ist wegen seiner verpflichtenden Elemente (Fragebogen, Musterung) umstritten: Melden sich nicht genug Freiwillige für einen attraktiveren Wehrdienst, könnte die Wehrpflicht wieder eingeführt werden. Doch Deutschland steht mit seiner Wehrpflicht-Reform nicht allein. In vielen EU-Staaten wird aktuell überlegt, wie die Streitkräfte angesichts der russischen Bedrohung mehr Soldaten rekrutieren können.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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In 10 von 27 EU-Staaten gilt schon wieder oder immer noch die Wehrpflicht, jüngstes Beispiel ist Kroatien. Andere Staaten gehen neue Wege. Die deutsche Politik kopiert jetzt Modelle aus mehreren europäischen Ländern, um die Bundeswehr zur stärksten Streitkraft der Europäischen Union zu machen. Was heißt das für die junge Generation? Geht es ihr in Deutschland beim Wehrdienst anderswo besser oder schlechter?

Polen: Bürger-Training in der Armee und Musterungspflicht

Polen hat eine Berufsarmee, keine Wehrpflicht. Aber es gibt hier schon, was Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) plant: Eine Musterungspflicht für alle volljährigen Männer. Zu dieser „Wehrdienst-Qualifikation“ einmal im Jahr werden auch junge Frauen eingeladen, sofern sie eine relevante Ausbildung haben, etwa als Ärztin oder auch als IT-Fachkraft. Dieses Jahr wurden 230.000 Polen zur Tauglichkeitsuntersuchung bestellt.

Wer besteht, gehört zur passiven Reserve und würde bei einer Mobilisierung einberufen. Ähnlich wie Pistorius in Berlin bereitet auch Ministerpräsident Donald Tusk jetzt den Aufbau einer Reservetruppe vor: Keine Wehrpflicht, aber Anreize für eine freiwillige, vierwöchige Grundausbildung von Männern und Frauen bis 60 Jahren mit der Option einer Verlängerung auf Jahr.  Freiwillige sollen etwa mit der Möglichkeit angeworben werden, den Lkw-Führerschein zu machen. Bis zu 100.000 Menschen sollen von spätestens 2027 an die Grundausbildung absolvieren können.

Polish Territorial Defense Forces Conduct Iron Defender 25 Live-Fire Exercise
Ein polnischer Infanterie-Soldat feuert bei einem Manöver eine Javlin-Panzerabwehrrakete ab. © picture alliance / Sipa USA | Dominika Zarzycka

„Das Interesse der Bürger an einem Dienst bei den Streitkräften ist auch sehr groß“, versichert das Verteidigungsministerium. Soldaten werden mit relativ guter Bezahlung gelockt – und mit unkonventionellen Methoden. Es gibt eintägige Kurztrainings oder das Programm „Ferien mit der Armee“ für 18- bis 35-Jährige: Wer im Sommer vier bis sechs Wochen in einer Einheit dient, bekommt dafür umgerechnet 1400 Euro. Beliebt ist auch das Programm „Trainiere mit der Armee“, das polnische Staatsbürger zwischen 15 und 65 Jahren an einem Samstag absolvieren können.

Die achtstündigen Schulungen an 17 Standorten umfassen Schießtraining mit dem Gewehr, Tarnung, Nahkampf und Handgranatenwurf. An einigen Schulen gibt es offizielle Militärklassen, an denen für die Schüler zeitweise Unterricht in Uniform dazugehört. Zudem bietet die Armee ein Programm für alle weiterführenden Schulen an.

Osteuropa: Rückkehr zur Wehrpflicht

Kroatien ist das jüngste Beispiel für die Renaissance der Wehrpflicht. Das entsprechende Gesetz ist vor kurzem beschlossen worden: Ab 2026 ist in Kroatien eine zweimonatige Grundausbildung für Männer im Alter von 18 bis 30 obligatorisch, begonnen wird mit dem Jahrgang 2007. Zuvor war schon Lettland 2023 diesen Schritt gegangen – „wegen der zunehmenden Bedrohung durch Russland“, wie Verteidigungsminister Andris Sprūds sagt. Männer zwischen 18 und 27 Jahren müssen elf Monate zur Armee, Frauen können sich freiwillig melden.

In Litauen gilt die Wehrpflicht seit 2015 (verbunden mit einem Losverfahren), Estland hatte seine Wehrpflicht erst gar nicht ausgesetzt. In Finnland, das ebenfalls an Russland grenzt, hat schon seit vielen Jahren die Wehrpflicht, dort werden im Durchschnitt immerhin drei Viertel der Männer eines Jahrgangs eingezogen – so sind 900 000 der knapp 5,5 Millionen Einwohner als Reservisten registriert, 280 000 von ihnen wären sehr schnell mobilisierbar. Auch Schweden, Norwegen, Österreich, Dänemark, Zypern und Griechenland haben die Wehrpflicht schon lange oder schon wieder in unterschiedlicher Form – insgesamt gilt sie nun wieder in 10 von 27 EU-Staaten. Das heißt umgekehrt aber auch: Die Mehrzahl unserer EU-Partner setzt weiter auf Berufssoldaten, meist ergänzt um freiwillig Wehrdienstleistende.

Schweden: Musterung und Wehrpflicht light

Schweden war lange das einzige EU-Land, in dem sowohl Männer als auch Frauen der Wehrpflicht unterliegen – ab 2026 gilt das nun auch in Dänemark, außerhalb der EU hat Norwegen die Frauen-Wehrpflicht schon 2015 eingeführt. Die Schweden hatten den Pflichtdienst erst 2008 zunächst ausgesetzt, aber 2017 in veränderter Form wieder eingeführt. Alle Schulabgänger werden gemustert, die Armee spricht dann gezielt Männer und Frauen an, die für die Truppe geeignet sind. Bislang konnte Schweden auf diese Weise genug Freiwillige anwerben – weil das nicht mehr reicht, werden Bürger jetzt zum Teil auch zwangsverpflichtet.

Bundeswehr-Soldaten bei einer Vereidigungs-Zeremonie in Berlin.
Bundeswehr-Soldaten bei einer Vereidigungs-Zeremonie in Berlin. © AFP | Ralf Hirschberger

Pistorius hat große Sympathien für das Schweden-Modell und hat die Fragebogen-Idee in seinen Gesetzentwurf übernommen, ähnlich wie die Niederlande und demnächst Belgien. Nächstes Jahr bekommt in Deutschland der Jahrgang 2008 entsprechend Post. Die weitere Nachahmung ist aber schwierig. Der Bundeswehr fehlt es an Kasernen und Ausbildern. Zudem droht hierzulande ein Problem mit der Wehrgerechtigkeit, auf die das Bundesverfassungsgericht pocht.

Dänemark: Wehrdienst per Los – auch für Frauen

Dänemark löst das Problem der Wehrgerechtigkeit per Losverfahren: Dort gilt die Wehrpflicht für alle, aber nur ein Fünftel wird eingezogen – gibt es nicht genug Freiwillige, wird ausgelost. 99 Prozent der eingezogenen Wehrdienstleistenden kommen bisher zwar freiwillig, das könnte sich aber ändern: Denn ab August 2026 dauert die Grundausbildung nicht mehr vier, sondern elf Monate. Und auch Frauen unterliegen dann der Wehrpflicht. Mit dem Losverfahren ist Dänemark aber gar nicht Vorreiter: Litauen wählt schon länger einen Teil seiner Wehrpflichtigen mit einem automatisierten Computer-Zufallsprogramm aus.

Frankreich: Macron will die Mini-Dienstpflicht

Frankreich hat zwar eine Berufsarmee, die Wehrpflicht wurde schon 1996 abgeschafft, doch verfolgt Präsident Emmanuel Macron nun Pläne, um mehr Soldaten zu rekrutieren: Im kommenden Sommer sollen rund 10 000 Freiwillige für einen militärischen „Nationaldienst“ angeworben werden. Er soll zehn Monate dauern und mit rund tausend Euro im Monat entlohnt werden - deutlich weniger als in Deutschland, wo Wehrdienstleistenden jetzt 2600 Euro brutto in Aussicht gestellt werden. 2035 sollen es bis zu 50.000 Freiwillige sein, die ausschließen auf französischem Gebiet eingesetzt würden. Eigentlich hat Macron sogar eine viel größere Idee: Er würde gern alle Staatsbürger zwischen 16 und 25 Jahren zu einem Allgemeinen Nationaldienst (SNU) zu verpflichten. Bislang ist dieser Dienst freiwillig, begrenzt auf 15- bis 17-Jährige.

Die neue Dienstpflicht würde zunächst einen Monat dauern und könnte sowohl in zivilen als auch in militärischen Einrichtungen geleistet werden. Das Ziel: französische Werte vermitteln, den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft stärken, mehr Nachwuchs für die Armee anzulocken. Allerdings ist der von Macron angekündigte Starttermin 2026 verschoben, es gibt Bedenken wegen des organisatorischen Aufwands und der Kosten von etwa zwei Milliarden Euro im Jahr.

The 6th Company conducts basic special training in infantry combat at the Doeberitzer Heide training area
Bundeswehrsoldaten bei einem Spezialtraining in der Döberitzer Heide bei Berlin. © REUTERS | Liesa Johannssen

Macron sieht den SNU als Teil einer „Wiederstandsfähigkeit“ der französischen Gesellschaft durch Regeln und Rituale. Ein Modell auch für Deutschland? Nur bedingt. Die hierzulande diskutierte Dienstpflicht wäre wesentlich umfassender: Sie soll nach einem Vorschlag von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ein Jahr dauern und würde die Bundeswehr einerseits und soziale Dienste etwa zur Seniorenbetreuung oder in Obdachlosenunterkünften andererseits umfassen.

Wie die Lösung der europäischen Staaten im Detail auch immer aussieht, der Weg zurück ist weit: Zwischen 1990 und 2013 haben weltweit 24 Staaten die Wehrpflicht abgeschafft oder ausgesetzt, mehr als ein Dutzend in Europa. Eine Berufsarmee galt als kostengünstiges Zukunftsmodell: Gut ausgebildete Profis sollten mit anspruchsvoller Waffentechnologie schnell zu Kriseneinsätzen in aller Welt verlegt werden – die USA und Großbritannien machten es vor. Deutschland war 2011 mit der Aussetzung der Wehrpflicht vergleichsweise spät dran. Frankreich schaffte sie schon 1996 ab, Spanien folgte 2000, Italien 2004.

Nun wendet sich das Blatt: Eine Reihe von Staaten in Europa haben die Wehrpflicht in den vergangenen Jahren wieder eingeführt, insgesamt gilt sie nun wieder in 10 von 27 EU-Staaten, in weiteren Ländern wird darüber diskutiert. Geht es Jugendlichen anderswo also besser? Sicher nicht generell. Es kommt auf das Land an, mit dem wir uns vergleichen. Was bei uns für die Bundeswehr als Modell umstritten ist, ist tatsächlich ein „Best of“ aus anderen EU-Staaten.