- Politiker inszenieren sich auf Social Media persönlich, witzig oder provokativ.
- Likes, Shitstorms und Memes verstärken die Wirkung, doch ein Risiko von Peinlichkeit bleibt.
- Die Partei tritt hinter personalisierte Auftritte zurück.
Es brauchte für Politikerinnen und Politiker nicht die sozialen Medien, um sich mit skurrilen Ideen ins Gespräch zu bringen. Vor mehr als zwei Jahrzehnten ging der damalige FDP-Chef Guido Westerwelle in den „Big Brother“-Container und klebte sich die Zahl 18 unter die Schuhsohle. Diese Prozentzahl war sein Ziel bei der Bundestagswahl. Westerwelle scheiterte, hatte aber für Gesprächsstoff gesorgt.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Ein anderes Beispiel aus dem Archiv: Der Berliner SPD-Politiker Thomas Krüger wollte 1994 in den Bundestag und hatte eine besondere Idee für sein Wahlplakat. Darauf zu sehen war Krüger, bekleidet nur mit seinem Vollbart. Die Hände hatte der ansonsten komplett nackte Mann über sein Gemächt gelegt. Seine Slogan dazu: „Eine ehrliche Haut“.

Kaum auszudenken, was Westerwelle und auch Krüger heute mit solchen Aktionen im Netz auslösen würden. Krüger brächte das Internet zum Explodieren: Er bekäme tausende Kommentare – von Beifall über Spott bis Häme und Hass wäre alles dabei. Die politische Konkurrenz und die unzähligen Witzbolde da draußen im Internet würden in Windeseile Parodien produzieren, von denen die frechsten, witzigsten und derbsten ihren eigenen Ruhm erführen.
Seit Westerwelles Schuhsohlen und Krügers FKK-Plakat hat sich die öffentliche Kommunikation für Politiker grundlegend geändert. „Wofür bekommt man Likes?“, räsonierte der auf Instagram recht aktive nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) einmal über die sozialen Medien. „Ja, für relativ edgy Sachen, für radikale Geschichten gibt es Likes.“ Die anderen Parteien beobachten mit Sorge, dass die AfD ihnen in den sozialen Medien oft weit voraus ist – auch, weil die Algorithmen besonders aggressive und kontroverse Beiträge belohnen.
Politiker in den sozialen Medien: Zwischen Internetdepp und gelungener Kommunikation
Spitzenpolitikern sind diese Mechanismen klar, sie wissen um den schmalen Grat zwischen Internetdepp der Stunde und gelungener Kommunikation, zwischen Shitstorm und Daumen hoch. Und doch halten der Kanzler, Ministerpräsidenten, Bundesminister oder Parteichefs es für unverzichtbar, sich auf Instagram, Tiktok oder dem in X unbenannten Twitter persönlich, lässig oder witzig zu zeigen.
Man sieht SPD-Chef Lars Klingbeil beim Radfahren, Außenminister Johann Wadephul (CDU) legt Tarot-Karten, um für den Tag der offenen Tür der Regierung zu werben. Hier und da schleichen sich sogar politische Inhalte in die Timelines. Als im Netz das Gerücht aufkam, sie besitze eine Villa in Kalifornien, nahm Grünen-Chefin Franziska Brantner dies ironisch auf die Schippe und erklärte in einem Social-Media-Video russische Desinformation.
Der bekannteste Politik-Food-Bayern-Influencer ist Markus Söder. Der CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident unterhält auf Instagram erfolgreich knapp 770.000 Follower, die auf seinem Account eine bunte Mischung finden: Fotos aus Söders Kindheit, Bilder von Terminen, Redeschnipsel, Attacken auf Grüne und Linke, Lobeshymnen auf Bayern.
Besonders gerne inszeniert sich Söder als jemand, der mit Leidenschaft deftiges Essen vertilgt. Der Grünen-Politiker Robert Habeck warf ihm deswegen angeekelt „fetischhaftes Wurstgefresse“ vor. Damit tat er Söder jedoch bitter unrecht: Vor dem CSU-Chef sind auch bayerische „Küchle“, Karpfen, Schweinshaxe, Döner oder Fischbrötchen nicht sicher. Kürzlich tadelte Ex-Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) wiederum auf X das Foto von einem grinsenden Söder vor einer Salsiccia-Oliven-Pizza mit den Worten: „Grammweise Salz und gesättigtes Fett. Hoffentlich nur ein Gelegenheitsgenuss…“
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Was ist sowas – Unterhaltung, Internetquatsch oder politische Auseinandersetzung? Die Antwort ist: von allem etwas. Die Mischung entspricht dem Zeitgeist und Politiker gehen dorthin, wo sie ihre Wähler vermuten. Die Menschen in Deutschland verbringen jeden Tag Stunden im Netz, davon einer Studie zufolge im Schnitt rund anderthalb Stunden auf verschiedenen Social-Media-Plattformen. Entsprechend groß ist der Aufwand, den manche Politiker betreiben. Sie selbst werden zur Marke, ihre Parteizugehörigkeit verblasst hinter dem personalisierten Auftritt.
Annalena Baerbock in New York: Melnyk lobt „Sex and the City“-Videos
Ein prominentes Beispiel ist Ex-Außenministerin Annalena Baerbock, die gerade mit zwei professionell produzierten Videos aus New York auffiel: Bevor die Grüne ihren neuen Job als Präsidentin der UN-Vollversammlung antrat, zeigte sie sich ihren 720.000 Instagram-Follower Bilder in ihrer neuen Wahlheimat. Baerbock im gelben Taxi, Baerbock im Bagel-Shop. Der Inhalt: schnelle Schnitte, Selbstironie, Anspielungen auf den „Sex and the City“-Charakter Carrie Bradshaw.
Baerbock erhielt dafür viel Aufmerksamkeit – insgesamt mehr als fünf Millionen Mal wurden die beiden Videos auf Instagram bisher angesehen, es gab aber auch viel Kritik und derbe Beschimpfungen. „Der Auftritt in New York war so erfrischend, dass Carrie Bradshaw glatt neidisch wäre“, lobte hingegen der ukrainische UN-Botschafter Andrij Melnyk. Baerbock verwies in der „Bild am Sonntag“ auf die Rolle, die Social Media für junge Menschen spielt: „Wenn man die erreichen will, dann braucht man auch Formate, um dort hinzukommen.“
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Und so ist jedes Mal ein Social-Media-Team dabei, wenn der Bundeskanzler ins Ausland fliegt. Friedrich Merz beantwortet aber wie schon sein Vorgänger Olaf Scholz (SPD) auch unpolitische Fragen interessierter Bürger. So erfuhr die Internetgemeinde kürzlich, dass Merz kein Lieblingsbuch hat. Wäre das auch geklärt. Daumen hoch.







