Es gibt die Tat. Ein mutmaßlich politisch motivierter Mann erschießt den rechten Aktivisten Charlie Kirk auf offener Bühne der Utah Valley University. Panik bricht aus, Menschen ducken sich, rennen auseinander. Der Täter flieht, ein Verdächtiger wird per öffentlicher Fahndung gesucht.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Doch eine solche Gewalt steht nie für sich allein, ist nie nur ein Verstoß gegen ein Gesetz. Diese Tat erzeugt Reaktionen. Stimmungen. „Er wurde von allen geliebt und bewundert, besonders von mir, und jetzt ist er nicht mehr bei uns“, erklärt Präsident Donald Trump. Und er machte die „radikale Linke“ für Kirks Tod verantwortlich, für eine Rhetorik, die diesen „Terrorismus“ hervorbringe. „Das muss sofort aufhören.“
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Die Tötung Kirks hat Trauer ausgelöst, aber auch Wut. In vielen Kommentaren in den sozialen Netzwerken wird deutlich, wie stark der Hass gegen den politischen Gegner in den USA gewachsen ist. Auf linker Seite bejubeln einzelne den Tod Kirks, weil sie seine Positionen verachteten. Die rechte Seite greift die Worte Trumps auf, radikalisiert sie. „Charlie Kirk ist ein Opfer des politischen Krieges, der sich in diesem Land abspielt“, sagt der frühere Trump-Berater Steve Bannon.
Elon Musk schreibt: „Wenn sie uns nicht in Frieden lassen, dann ist unsere Wahl kämpfen oder sterben“. Musk war bis vor Kurzem noch Regierungsmitglied der USA, einer der einflussreichsten Männer des Landes. Er will „kämpfen oder sterben“ – darunter macht er es nicht mehr.
Mit am weitesten geht der extreme Rechte Matt Forney, wenn er den Anschlag mit dem Reichstagsbrand 1933 vergleicht. Danach beginnen die Nationalsozialisten eine Welle der Verhaftung und Verfolgung von Kommunisten und Sozialdemokraten. Forney schreibt nun: „Es ist Zeit für ein knallhartes Durchgreifen gegen die Linke.“
Krieg, Kämpfen, Sterben – der Ermordung von Kirk folgt eine weitere verbale Aufrüstung. Folgt nun auch weitere Gewalt? „Wie schlimm die Situation in den USA wird, hängt stark von den kommenden Tagen ab“, sagt der Terrorismusforscher Peter Neumann vom Londoner Kings College im Gespräch mit unserer Redaktion. Gebe es Racheaktionen der Kirk-Anhänger, könne die Situation schnell eskalieren.

Die Geschichte der USA ist gezeichnet von politisch motivierter Gewalt
Durch die Erschießung der Leitfigur der jungen rechtskonservativen Bewegung um Charlie Kirk gebe es neben der persönlichen Betroffenheit eine „hohe Dynamik“, sagt auch Nicole Renvert vom Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies (CASSIS) an der Universität Bonn. „Sollten Anhänger des Netzwerks den Mord an Kirk dazu nutzen, selber Gewalt auszuüben, oder sich auch legitimiert sehen, eine solche Tat zu vergelten, sind die Folgen für die amerikanische Gesellschaft kaum abschätzbar – und damit höchstgefährlich.“
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Die Geschichte der USA ist gezeichnet von politisch motivierter Gewalt. In den 1960er- und 1970er-Jahren erlebte das Land die Morde an John F. Kennedy, Malcolm X und Martin Luther King Jr. – eine Hochphase der polarisierten Politik. Später überlebten die Präsidenten Gerald Ford und Ronald Reagan Attentatsversuche. Noch weiter zurück in der Historie starb auch Abraham Lincoln, als der Präsident eine Theatervorstellung besuchte. Es war Karfreitag 1865, kurz vor Ende des amerikanischen Bürgerkriegs.
Droht nun ein neuer Bürgerkrieg, wie manche schon prophezeien? Ernsthaft ist derzeit daran laut Fachleuten nicht zu denken. Die Hasskommentare einzelner Radikaler in den sozialen Netzwerken verzerren das Bild Amerikas. Was jedoch auffällt: Die USA bewegen sich in eine neue Phase politischer Gewalt. Der Anschlag auf Kirk ist nur ein Fall von mehreren in den vergangenen Monaten.

Im Sommer erschoss ein offenbar radikaler Christ die Demokratin Melissa Hortman und ihren Ehemann, verletzte einen weiteren Demokraten schwer. Im Mai tötete ein pro-palästinensischer Aktivist zwei Mitarbeiter der israelischen Botschaft in Washington. Im April entkam der Gouverneur von Pennsylvania einem Brandanschlag auf sein Haus.
Die Liste geht weiter: Im vergangenen Dezember tötete ein 50-Jähriger den Manager eines Gesundheitskonzerns in New York. Und vor einem Jahr, im Juli, entging Donald Trump selbst nur um wenige Zentimeter möglicherweise dem Tod. Die Kugel des Attentäters bei einer Wahlkampfveranstaltung im Bundesstaat Pennsylvania streifte sein Ohr.

Es sind Kirk und Trump, die mit scharfen Parolen die amerikanische Gesellschaft polarisieren – und nun selbst zur Zielscheibe wurden. Gewalt und Gegengewalt schaukeln sich hoch. Die Mechanismen sozialer Netzwerke befeuern diese Spirale. Denn dort wird Radikalität mit Klicks belohnt. In der Aufmerksamkeitsökonomie zahlen sich Haltungen mehr aus als Fakten und Inhalte. Das gilt für die radikale Rechte, das gilt aber auch für Mobilisierungen durch linke Bewegungen wie „Black Lives Matter“. Was ist da ins Wanken geraten?
Der Psychologe Steven Pinker hat vor einigen Jahren ein Buch geschrieben, das die Geschichte der Menschheit entlang von Gewalt erklärt. Seine These damals: Die Welt ist über die Jahrhunderte immer friedlicher geworden. Weniger Kriege, mehr Handel, mehr Bildung prägen die moderne Zeit. Friedensbewegungen, Menschenrechte und das Gerüst des Rechtsstaats machen sie zu einer der sichersten in der Menschheitsgeschichte.
Eigentlich. Doch diese Idee bröckelt zunehmend. Kriege wie in der Ukraine, Nahost und Sudan erschüttern die Welt, autoritäre Regierungen greifen alte Ordnungen an. Und die sozialen Netzwerke der Tech-Riesen sind ein Faktor der Enthemmung. Im Netz kursiert bereits eine Webseite, die Personen mit Namen und Adresse identifiziert, die den Tod von Charlie Kirk begrüßt haben. Es sind Steilvorlagen für Täter, die Selbstjustiz verüben wollen.

Soziologen wie Wilhelm Heitmeyer warnen nun – nicht nur für die USA – vor einer „Durchrohung“ der Gesellschaft. Die Kulturwissenschaftlerin Judith Kohlenberger spricht von einer „neuen Härte“. Für die USA kommt laut Experte Neumann noch etwas hinzu: In dem Land kursieren zwischen 350 und 400 Millionen Schusswaffen in privater Hand. „Wenn ein radikalisiertes politisches System auf so eine hohe Waffendichte trifft, schafft das Motiv und Gelegenheit für solche Attentate“, sagt Neumann. „Manchmal bin ich fast überrascht, dass bisher nicht mehr Attentate passiert sind.“
Die USA sind das Land der radikalen Meinungsfreiheit. Sie gilt nahezu unbeschränkt. In Europa ist das anders. „Wir gehen davon aus, dass Hetze auch zu Gewalttaten führt. Die Beschränkung der Meinungsfreiheit fungiert als Schutz vor schweren Straftaten“, sagt Neumann. Studien zeigen durchaus, dass verbale Eskalation Gewalt auslösen kann. Jedenfalls kann sie ein Faktor sein. Zugleich leben Demokratien davon, den Meinungskorridor offenzuhalten – und nicht aus Angst immer weiter zu verengen.
Wie die USA aus dieser Krise treten, hängt nicht nur von den kommenden Tagen ab. Sondern auch von der politischen Elite des Landes. Und da, so soll in den Stunden nach dem Attentat auf Kirk nicht unerwähnt bleiben, gibt es auch besänftigende Stimmen. „Das ist nicht, wer wir sind“, kommentieren Mike Johnson, der Sprecher des US-Repräsentantenhauses, und John Curtis, ein Senator aus Utah.






