Vor zehn Jahren kochte in Heidenau die Wut hoch. Mehrere Hundert Menschen, angestachelt von der rechtsextremen NPD, demonstrierten in dem sächsischen Ort. In einen alten Baumarkt sollen Geflüchtete einziehen. Es ist eine der ersten Eskalationen im Sommer 2015, die für Schlagzeilen sorgt – und Risse im Bild der „Willkommenskultur“ in Deutschland aufflackern lässt.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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In zehn Jahren gab es immer wieder Proteste gegen Schutzsuchende, vor allem in Orten, in denen Asylunterkünfte errichtet wurden. Terroranschläge von Geflüchteten, hohe Kosten für Sozialleistungen und Belastungen der Kommunen prägen die Debatte. Die AfD fliegt im Umfrage-Hoch. Genauso demonstrierten Tausende gegen das Erstarken der radikalen Partei. Dieser Kampf auf der Straße dominiert das Stimmungsbild in Deutschland. Der Sozialwissenschaftler Steffen Mau nennt Asylpolitik einen „Triggerpunkt“, einen „besonders aufgeladenen Konflikt“ mit „großem Erregungspotenzial“, verbunden mit Ängsten und Wut. So wie die Klimapolitik oder Debatten um das Bürgergeld.
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Dabei lohnt sich ein Blick hinter die laute Polarisierung. In den vergangenen Wochen und Monaten sind mehrere Analysen erschienen. Sie geben einen interessanten Einblick darin, wie Deutschland zehn Jahre nach Merkels „Wir schaffen das“ über Migration und Flucht denkt.
Deutlich wird zunächst eines: Die Sorgen und die Skepsis gegenüber der Migrationspolitik sind gewachsen. Die R+V Versicherungen erheben seit vielen Jahren die „Ängste der Deutschen“. Es ist eine wertvolle Umfrage, denn sie erforscht Veränderungen über Jahrzehnte. 2024 war „die Überforderung des Staates durch Geflüchtete“ auf Platz 2. Hinter der Sorge vor steigenden Lebenshaltungskosten, die seit mehreren Jahren ganz vorne auf der Liste stehen.

44 Prozent der Deutschen: Größte Sorgen um „Migration und unkontrollierte Zuwanderung“
Ängste unterliegen Konjunkturen. Nach 2011 stand die EU-Schuldenkrise ganz oben, nach 2015 die Angst vor Terrorismus, dann Trump und die Corona-Pandemie. Doch es zeigt sich, dass Migration immer einen der Spitzenplätze bei den Sorgen der Deutschen belegt. Das ist klar: In den vergangenen Jahren hat das Land mehrere Millionen Menschen aufgenommen.
Laut dem Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen gelten den Befragten Integration und Migration als „das wichtigste Problem“, das die Regierung lösen muss. Auch eine Umfrage des Ipsos-Instituts zeigt, dass 44 Prozent der Deutschen sich „die größten Sorgen um Migration und unkontrollierte Zuwanderung“ machen. Eine Mehrheit von 70 Prozent der Befragten findet laut „DeutschlandTrend“ schärfere Regelungen in der Asylpolitik richtig.
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Die Ipsos-Analyse verdeutlicht noch etwas: Insgesamt ist die Stimmung der Menschen nicht gut. Die Konjunktur ist schwach, das Vertrauen in die Politik geschrumpft, die Debatten hitzig. Wenig überraschend, dass in diesem Klima Flucht und Migration kritisch bewertet werden. Zehn Jahre nach „Wir schaffen das“ ist die Aufbruchstimmung verflogen.
Wer weitere Umfragen und Analysen hinzuzieht, erkennt hinter der wachsenden Sorge interessante Verästelungen der Stimmungslage. Es gibt ein bunteres Bild hinter den Schwarz-Weiß-Gemälden. Die Organisation „More in Common“ hat im Auftrag der Robert-Bosch-Stiftung 2000 Menschen online befragt. „Viele Menschen denken differenziert über Migration nach – oft tastend, bemüht, verschiedene Werte und Bedürfnisse miteinander in Einklang zu bringen“, schreibt der Autor. Klar wird: Zehn Jahre nach 2015 kritisieren viele den Staat, nehmen ihn bei Migration als „übermäßig bürokratisch, unübersichtlich und dysfunktional“ wahr. Die Befragten wünschen sich in erster Linie „Ordnung, Übersicht und Regelhaftigkeit“.

2015 haben Menschen als Kontrollverlust in Erinnerung. Und genau das wünschen sie sich jetzt: kontrollierte Migrationssteuerung. Dabei geht es laut der Umfrage nicht nur um schärfere Kontrollen an Grenzen und Begrenzung. Gefordert sind auch stärkere legale Fluchtwege wie etwa humanitäre Kontingente.
Geschätzt wird vor allem Zuwanderung in den Arbeitsmarkt, positiv bewerten die Befragten „Alltagshelden“ wie Pflegekräfte. Dass Migranten Deutsch lernen und sich an die Gesetze halten, ist demnach vielen wichtiger als eine Anpassung ihrer Religion oder die Übernahme deutscher Kultur wie etwa Feiertage. Ein Fazit: „Zustimmung zu oder Ablehnung von Migration ist häufig nicht absolut, sondern abhängig von den richtigen Bedingungen.“ Es gibt nicht nur die Wütenden und Enttäuschten. Es gibt auch zehn Jahre nach dem Flüchtlingssommer die Engagierten.

Was aktuell wieder wächst, ist eine Skepsis. Die Bertelsmann-Stiftung erhob in einer Studie zur „Willkommenskultur in Krisenzeiten“ eine wachsende Sorge vor Mehrkosten für den Sozialstaat durch Zuwanderung, aber auch eine steigende Wohnungsnot und Probleme in den Schulen. Zugleich sieht die Untersuchung eine „robuste Willkommenskultur“ in Deutschland. Eine stabile Mehrheit setze sich weiterhin für den Schutz von Verfolgten ein.
Ein wichtiges Indiz zur Stimmungslage gibt auch das „Integrationsbarometer“ des Expertenrats zu Migration. Das „Integrationsklima“ habe sich nach einem „Hoch“ im Jahr 2022 „wieder geringfügig eingetrübt“. 2022 leisteten Deutschland und andere EU-Staaten wie Polen die Aufnahme von Millionen geflüchteter Ukrainer. Die Hilfsbereitschaft war stark.
„Triggerpunkte“: Willkommenskultur muss man sich leisten können
Auf zwei Aspekte blicken die Deutschen heute skeptischer: zum einen das Zusammenleben mit Zugewanderten im direkten Umfeld, in der Nachbarschaft. Zum anderen sehen sie eine Überlastung des Bildungssystems, das auch andere Analysen hervorheben.
Zugleich erwarten etwa zwei Drittel der Befragten mit und ohne Migrationsgeschichte, dass sich „Flüchtlinge langfristig positiv auf die Wirtschaft und Kultur in Deutschland auswirken“. Die Untersuchungen geben nicht immer ein klares Bild. Vor allem Menschen ohne Fluchthintergrund nehmen Schutzsuchende als „Bedrohung des Wohlstands“ wahr.
Der Soziologe Mau befragte zu den „Triggerpunkten“ mehr als 2500 Menschen, aus allen Milieus, Zahnärztin, Sozialarbeiter, Maurer, Architektin. Wut sammelt sich vor allem in den weniger wohlhabenden Gruppen. Sprich: Willkommenskultur muss man sich leisten können. Zugleich sieht der Forscher weniger polarisierte politische Lager. Wachsende Risse gebe es, ja. Aber auch eine stabile Mitte.








