• Will die SPD Katarina Barley für das Bundesverfassungsgericht nominieren?
  • In Berlin brodelt die Gerüchteküche – und auf Wikipedia tauchen neue Fakten auf
  • Es geht um Schwangerschaftsabbrüche – und die Frage nach der Bedeutung von Informationen

Nach dem krachenden Scheitern der schwarz-roten Koalition bei der (nicht durchgeführten) Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur Bundesverfassungsrichterin hütet die SPD derzeit ein großes Geheimnis: Eine neue Kandidatin – oder ein neuer Kandidat – soll bereits feststehen. Das gab SPD-Fraktionschef Matthias Miersch offiziell bekannt. Wer der oder die Auserwählte ist, bleibt jedoch noch unter Verschluss. Doch längst brodelt die Gerüchteküche.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Vergangenen Freitag befeuerte die „Tagesschau“ dann die Spekulationen und nannte Namen wie Katarina Barley und Nancy Faeser – ausdrücklich mit dem Vermerk, dass diese wohl eher nicht die tatsächliche Wahl der Sozialdemokraten sein dürften. Spekuliert wurde dennoch reichlich, diverse Medien griffen die Namen auf. „Bild“ bezeichnete Barley gar als „Top-Favoritin“ für den Job.

Die Politikerin, derzeit Vize-Präsidentin des EU-Parlaments, gab sich betont reserviert, wollte sich nicht zu Personalien äußern. Gleichzeitig machte sie klar, in Europa noch viel vorzuhaben.

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Wikipedia-Eintrag von Katarina Barley geändert: Gibt es einen Zusammenhang?

Im Hintergrund hat sich derweil ein bemerkenswerter Vorgang abgespielt: Ebenfalls am Freitag, also an dem Tag, an dem erstmals über die Personalie Barley berichtet wurde, wurde auch die Wikipedia-Seite der SPD-Frau bearbeitet. Ergänzt wurde aber nicht die Information, dass über Barley als mögliche Verfassungsrichterin diskutiert werde – neu im Steckbrief der Politikerin sind seitdem vielmehr Informationen über ihre Haltung zu Schwangerschaftsabbrüchen. Öffentlich machte den Vorgang als erster der Journalist Dennis Horn auf Threads.

Dass Wikipedia-Einträge verändert werden, ist zunächst nicht aufsehenerregend. Die Plattform basiert auf Schwarmintelligenz, quasi jeder kann beim Bearbeiten der Informationen helfen – solange einige Standards eingehalten und Quellen hinterlegt werden. Das betont auch Wikimedia Deutschland, der Förderverein der deutschen Wikipedia-Community, auf Anfrage unserer Redaktion. Inhalte müssten demnach „in sachlicher Sprache dargestellt werden und mit seriösen Quellen belegt werden“.

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Beide Kriterien sind im Fall Barley erfüllt. Dennoch scheint es zumindest ein ungewöhnlicher Zufall zu sein, dass der Eintrag ausgerechnet am vergangenen Freitag bearbeitet wurde. Und dann auch noch zum Thema Schwangerschaftsabbruch – also exakt das Thema, das vor allem von rechten Medien missbraucht wurde, um Brosius-Gersdorf eine vermeintlich „linksextreme“ Haltung zu unterstellen und ihre Wahl zu torpedieren.

Wikipedia-Autoren diskutieren: „Propaganda“ oder eine „politische Kampagne“?

Diese seltsame Koinzidenz scheint auch den Wikipedia-Autorinnen und -Autoren aufgefallen zu sein. Seit ein User mit dem kryptischen Namen „~2025-4388-4“ – solche Namen vergibt Wikipedia automatisch an anonyme Nutzer – die Information ergänzt hat, wurde sie mehrfach gelöscht und wieder eingefügt. Im zugehörigen Forum wird heftig diskutiert, ob es sich dabei um „Propaganda“ oder eine „politische Kampagne“ handle.

Auf diese Diskussion verweist auch Wikimedia: „Es gibt den Ansatz, dass diese Information relevant ist, sollte Barley für einen Posten beim Bundesverfassungsgericht im Gespräch sein und daher künftig über Rechtsmeinungen zum Thema Schwangerschaftsabbruch mit beraten könnte. Andere sind der Meinung, dass dies eine Position wie jede andere sei – daher dürfe sie neben anderen Positionen auch im Artikel stehen.“ Zudem habe ein Administrator den Artikel am 23. August geschützt. Er kann aktuell also nicht mehr beliebig bearbeitet werden.

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Informationskampf auf Wikipedia: Kein neues Phänomen

Wer die Information genau auf Wikipedia eingefügt hat, ist derweil unklar. Tatsächlich wäre es nicht das erste Mal, dass Einträge auf der Plattform gezielt bearbeitet werden, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Kein Wunder, schließlich ist Wikipedia für viele Menschen eine wichtige Informationsquelle – und auch viele Audio-Assistenten wie Siri oder Anbieter künstlicher Intelligenz nutzen das Angebot.

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Um dabei möglichst positiv dargestellt zu werden, legen Dienstleister oft hunderte Accounts an, die zunächst harmlose Änderungen vornehmen und sich so das Vertrauen der Wikipedia-Community erschleichen. Später agieren sie gezielt für ihre Auftraggeber und verbreiten in deren Sinne Informationen. Firmen verbessern so ihr Image, politische Akteure lassen bewusst Details einfügen oder verschwinden. Unter anderem China soll in diesem Bereich sehr aktiv sein – und das, obwohl Wikipedia im eigenen Land gesperrt ist.

Wikipedia in der Politik: Änderungen vom CSU-Rechner

Aber auch in Deutschland gibt es diverse Beispiele. Schon im Jahr 2006 wurde etwa der Abschnitt „Misserfolge und Kritik“ im Wikipedia-Eintrag des früheren Bundespräsidenten Johannes Rau (SPD) geändert – laut IP-Adresse ausgerechnet von einem CSU-Rechner aus. 2012 berichtete die Wirtschaftswoche, Christian Lindner lasse seinen Wikipedia-Eintrag durch sein Umfeld „aufhübschen“. Die FDP wies damals alle Vorwürfe zurück.

Ob das Wikipedia-Profil von Katarina Barley nun bewusst verändert wurde, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen, lässt sich nicht nachweisen. Spannend ist jedoch: Auch bei Frauke Brosius-Gersdorf wurden im Zuge ihrer Nominierung für das Bundesverfassungsgericht Informationen auf Wikipedia ergänzt. Worum es dabei unter anderem ging? Schwangerschaftsabbruch.