Wenn Donald Trump vom Weißen Haus im Konvoi durch die US-Hauptstadt gefahren wird, in der ihn um die 90 Prozent der Bevölkerung nicht gewählt haben, kommt dem Präsidenten ein gängiges amerikanisches Großstadt-Phänomen zu Gesicht: Menschen ohne Obdach. Schmutz. Und Verwahrlosung.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Gemessen an anderen Metropolen ist die offizielle Zahl der Gestrandeten in Washington DC mit 800 (bei 700.000 Einwohnern) marginal. Aber Trump, der seine Eindrücke am Sonntag auf dem Weg zu seinem Golfplatz mit der Handy-Kamera festhielt, spricht von einer Epidemie und fordert die Habenichtse zum sofortigen Wegzug auf. „Wir werden euch Unterkünfte zur Verfügung stellen, aber weit weg von Washington”. Kriminelle dagegen könnten bleiben, das FBI werde sich um sie kümmern, sagte Trump und schloss mit einer Drohung: „Seien Sie vorbereitet! Es wird keinen Mr. Nice Guy geben.”

President Trump meets with leaders of Armenia and Azerbaijan
Meister Proper? Unsere Hauptstadt soll schöner, sauberer und sicherer werden, sagt Donald Trump.© AFP | BRENDAN SMIALOWSKI

Trump will Obdachlose vertreiben – und Washington „sauber“ machen

Einmal in Fahrt, kündigte der Präsident an, was am Montag die demokratische Stadtverwaltung auf Trab hielt. Bei einer Presse-Konferenz im Weißen Haus sollte es „nicht nur um die Beendigung von Verbrechen, Mord und Tod in der Hauptstadt unseres Landes gehen wird, sondern auch um Sauberkeit“. 

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Trumps Vorstellungen von einer klinisch reinen Vorzeige-Stadt, in der soziales Gefälle einfach optisch abgeschafft wird, waren schon während seiner ersten Präsidentschaft auf der Tagesordnung, wurden dann aber wieder verworfen. Heute will Trump von seinen Durchgriffsrechten im Hauptstadt-Bezirk „District of Columbia” Gebrauch machen. Dazu gehört in Sonderlagen die Übernahme des lokalen Polizei-Departements samt Aufstockung durch Beamte des FBI und weiterer Sicherheitsorgane. Selbst ein Einsatz von 1000 Nationalgardisten ist nicht ausgeschlossen.

Trump zeichnet das Bild von einer überforderten Hauptstadt

Aber dazu braucht es eine Erzählung, mit der Trump die drastischen Maßnahmen rechtfertigen könnte. Die geht bei ihm kurz zusammengefasst so: DC ist auf den Hund gekommen – Überall diese Graffitis – Niemand ist seines Lebens mehr sicher – Kriminalität schlimmer als in Bagdad – Polizei überfordert – der Staat muss ran.

US-Präsident Trump
Bei einer seiner jüngsten Kolonnen-Fahrten durch die Hauptstadt fiel Trump das auf, was jede größere US-Stadt kennt: Menschen, die auf der Straße leben.© Julia Demaree Nikhinson/AP/dpa | Julia Demaree Nikhinson

Wie so oft bei Trump gibt die Wirklichkeit das Horror-Szenario nicht her. Zahlen der Bundesregierung belegen, dass die Gewaltkriminalität in Washington 2024 um 35 Prozent gegenüber 2023 zurückgegangen ist und den niedrigsten Stand seit über 30 Jahren erreicht hat. Für dieses Jahr meldet Bürgermeisterin Muriel Bowser einen weiteren Rückgang um 26 Prozent.

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Spielte „Big Balls“ die entscheidende Rolle für Trumps neue Idee?

Aber woher kommt dann der plötzliche Drang des Weißen Hauses, die Stadt am Potomac unter Kuratel stellen zu wollen? In Regierungskreisen wird nicht abgestritten, dass ein 19-Jähriger mit dem Spitznamen „Big Balls” durchaus eine Rolle gespielt hat. Edward Coristine, einst Schlüsselfigur in der Sparkommissar-Sondereinheit „Doge” von Ex-Trump-Berater Elon Musk, wurde kürzlich im Partyviertel am Dupont Circle von Jugendlichen angegriffen, die es auf offenbar auf sein Auto abgesehen hatten.

Federal Law Enforcement Increases DC Presence After Trump Decries Crime
Seltenes Bild. Agenten des FBI und der Grenzkontrollbehörde patroullierten am Wochenende in Washington gemeisam durch das Party-Viertel an der U Street. Trump wollte es so. Er hält die lokale Polizei für überfordert.© Getty Images via AFP | Andrew Leyden

„Big Balls” bekam es heftig auf selbige, wie ein von Trump veröffentlichtes Foto des jungen Mannes mit blutverschmiertem Gesicht und Oberkörper zeigt. Zwei 15-Jährige gelten als tatverdächtig. Trump will sie nach Erwachsenenstrafrecht abgeurteilt wissen. Washington, sagt der Präsident, müsse endlich durchgreifen.