Eine Nachricht mit beträchtlichem Skandalpotenzial ging vergangene Woche fast unter in Kolumbien. Die politische Arena wurde da noch dominiert von dem Urteil gegen Ex-Präsident Álvaro Uribe, der wegen Zeugenbestechung und Verfahrensbetrugs zu zwölf Jahren Hausarrest verurteilt worden war. Aber in einem Land wie Kolumbien – traditionell, tief katholisch und gläubig – ist die Nominierung von Juan Carlos Florián als neuem Gleichstellungsminister wahlweise eine Frechheit, ein schlechter Scherz, blasphemisch oder schlicht: ein veritabler Skandal.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Am Wochenende liefen dann die sozialen Netzwerke heiß: Was könne „man von Kommunisten schon erwarten“, hieß es. Außerdem wurde der Verdacht geäußert, der linke Staatschef Gustavo Petro habe ein Verhältnis mit dem 42-jährigen neuen Minister gehabt und ihn deshalb berufen.

Kolumbien: Es ist nicht lange her, da wurden Häuser von Homosexuellen angezündet
Floriáns Nominierung jedenfalls ist eine von unzähligen Neubesetzungen in der Amtszeit Petros, der in seinen drei Jahren an der Macht bereits 60-mal seine Minister und Ministerinnen ausgetauscht hat. Florián, der bisher im Gleichstellungsministerium Vizeminister für Diversität war, löst den Anthropologen Carlos Rosero ab, der erst seit fünf Monaten im Amt war. Davor hatte die afrokolumbianische Vizepräsidentin Francia Márquez das Ressort geführt, auf deren Wunsch hin es überhaupt erst geschaffen worden war.

Aber auch in seriösen konservativen Kreisen ruft die Nominierung Kopfschütteln hervor. Ehemalige Darsteller aus der Erwachsenenindustrie gelten in dem südamerikanischen Land als nicht vorzeigbare Schmuddelkinder. Alles, was von der angeblich traditionellen Norm abweicht, stößt noch immer vor allem außerhalb der Großstädte auf Ablehnung. Es ist noch nicht so lange her, da wurden die Häuser von bekannten Homosexuellen in Kolumbien noch angezündet.
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Aber Gustavo Petro, erster Linkspräsident in der Geschichte Kolumbiens, hat Spaß daran, sein Land und seine Bevölkerung mit Entscheidungen und Berufungen herauszufordern – bisweilen auch zu überfordern. Jedenfalls ist Petro von den politischen Fähigkeiten seines neuen Ressortchefs überzeugt. „Wäre es nach mir gegangen, hätte ich ihn schon eher nominiert.“ Aber seine Vizepräsidentin Márquez hatte sich lange gegen die Nominierung Floriáns gewehrt. Als bekennende Feministin ist sie grundsätzlich gegen die Pornoindustrie.
Florián leitete die LGBTI-Direktion von „Bogotá Humana“, einer Stadtentwicklungsorganisation in der kolumbianischen Hauptstadt, als er Morddrohungen erhielt und daraufhin ins Exil nach Paris ging. Dort hielt er sich mit Sexarbeit und Auftritten vor der Webcam mit sexuellem Inhalt über Wasser.
Während in Kolumbien fast jeder über seine kurze Geschichte als Sexarbeiter und Porno-Schauspieler redet, weiß kaum jemand, dass Florían über eine veritable Karriere als politischer Funktionär und Mitarbeiter namhafter internationaler Organisationen verfügt.
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„Ich bin Politikwissenschaftler, ich war Politiker, Manager, Menschenrechtsverteidiger, stellvertretender Minister und vor allem ein Sohn des Volkes, der nicht vergisst, woher er kommt“, schrieb er in einem Instagram-Post. „Ich komme von der Straße, vom Kampf, vom echten Aktivismus. Ich war Sexarbeiter, ich habe Inhalte für Erwachsene gemacht, ich bin HIV-positiv, und ich war Migrant“, fügte er hinzu.
Florían studierte Politikwissenschaften an der Elite-Universität Javeriana in Bogotá und verfügt über mehrere Jahre Erfahrung in Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit wie „Save the Children“ und „Ärzte ohne Grenzen“. Es hat in Petros Kabinett schon sehr viele Ressortchefs gegeben, die für ihr Amt deutlich weniger geeignet waren als Juan Carlos Florián.







