Wenn die ranghöchste Soldatin der Bundeswehr ihre Berufswahl erklärt, kommt sie mit wenigen Worten aus: „Es klingt vielleicht ein bisschen pathetisch“, sagt Nicole Schilling dann, „aber es war genau so: Ich wollte meinem Land dienen.“ Als 19-jährige Abiturientin kam Schilling zur Luftwaffe und erlebte ihre Vereidigung als „Gänsehautmoment“, mit 51 Jahren übernimmt die Sanitätsoffizierin mit drei Generals-Sternen jetzt eine Top-Position, auf die es in der Bundeswehr noch nie zuvor eine Frau geschafft hat.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hat Schilling zur Stellvertreterin des Generalinspekteurs der Bundeswehr befördert – sie dient also jetzt als Vize des ranghöchsten Soldaten Carsten Breuer, der als Vier-Sterne-General alle Einsätze und die Gesamtkonzeption der militärischen Verteidigung verantwortet.
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Schilling hat eine steile Karriere hinter sich, sie ist „Soldatenkind“ und wusste, worauf sie sich einlässt: Als Tochter eines Bundeswehroffiziers habe sie viel vom Alltag mitbekommen und vom „Spirit“ bei der Truppe: Wenn der Vater stolz vom Manöver zurückkam, aber auch, wenn die Familie „alle zwei Jahre umgezogen ist“. 1993 beginnt sie als Offizieranwärterin an der Sanitätsschule der Luftwaffe, es folgen ein Studium der Medizin mit Promotion, die Verwendung als Truppenärztin, Staffelchefin, im Personalamt, als Chefärztin eines Bundeswehrkrankenhauses, Vizepräsidentin des Bundesamtes für das Personalmanagement, Vize-Chefin der Personalabteilung im Verteidigungsministerium und dort zuletzt als Leiterin der Abteilung Einsatzbereitschaft und Unterstützung der Streitkräfte.
Schillings Beförderung ist ein Signal
Ihr Dienstrang: Generaloberstabsarzt. Schilling, verheiratet, zwei Kinder, erläutert: Bei der Bundeswehr werden die Dienstgrade nicht gegendert, nur die Gruppen, weshalb es zwar Offizierinnen gebe, aber der Hauptmann nicht zur Hauptfrau wird.

Schilling übernimmt den Job als Stellvertreterin des Generalinspekteurs von Generalleutnant Andreas Hoppe. Er war über Berichte über geheime Liebesaffären gestolpert, hatte bereits vor Wochen selbst um die Versetzung in den einstweiligen Ruhestand gebeten und sein Büro längst geräumt. Der Verteidigungsminister hat gleichzeitig den Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Alfons Mais, der immer wieder mit pointierten Hinweisen auf die Ausrüstungsmängel der Truppe von sich reden machte („die Bundeswehr steht mehr oder weniger blank da“), nach fünf Jahren ebenfalls in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Als Heeres-Inspekteur folgt ihm Generalmajor Christian Freuding, der als Leiter des Planungs- und Führungsstabs im Ministerium als Vertrauter von Pistorius gilt.
Mit der Beförderung von Schilling, die sich intensiv mit Personalangelegenheiten und Nachwuchsgewinnung befasst hat, signalisiert Pistorius, dass er die Aufstockung der Truppe jetzt sehr ernst nimmt. Rund 60.000 aktive Soldaten zusätzlich braucht die Bundeswehr nach seinen Schätzungen, um alle Nato-Verpflichtungen zu erfüllen. Viel Potenzial gäbe es bei Frauen. Aktuell sind nur etwa 13 Prozent der rund 180.000 aktiven Soldaten weiblich. Rechnet man den Sanitätsdienst heraus, sind es nur knapp zehn Prozent. „Das ist zu wenig“, hat Pistorius schon geklagt. Damit werde die Bundeswehr auch „dem Anspruch nicht gerecht, eine Staatsbürgerinnen- und Staatsbürger-Armee zu sein“.

So groß ist das Frauenproblem der Bundeswehr
Offizielles Ziel ist es, den Frauenanteil auf mindestens 20 Prozent zu steigern. Soldatinnen im Generalsrang gibt es erst drei. Der letzte Wehrbeauftragten-Jahresbericht vermerkt das besonders kritisch: „Deutlich unterrepräsentiert sind Frauen immer noch in Führungspositionen, und zwar selbst im Sanitätsdienst, wo der Frauenanteil seit Jahren sehr hoch ist. Darüber können auch die wenigen, gern mit Vorzeigekarrieren präsentierten Soldatinnen – zuletzt etwa die erste Bataillonskommandeurin des Heeres oder die erste U-Boot-Kommandantin der Marine – nicht hinwegtäuschen“. Dabei erhöhten Soldatinnen mit ihren Erfahrungen und Fertigkeiten die Qualität des Dienstes, heißt es in dem Bericht: „Gemischte Teams sind immer die besten und leistungsstärksten.“
Allerdings haben Frauen erst seit 2001 uneingeschränkten Zugang zu allen Laufbahnen der Bundeswehr. Davor war der Dienst auf bestimmte Bereiche wie Sanitäts- und Militärmusikdienst beschränkt. Heute, so hat es Schilling kürzlich erklärt, hätten wahrscheinlich viele Frauen noch keine ausreichende Vorstellung davon, wie vielfältig der Dienst in der Bundeswehr sei. Für sie könnten etwa militärische Bereiche der Unterstützung besonders interessant sein: „Nicht alles bei der Bundeswehr ist kämpfen können und kämpfen müssen“, erläutert Schilling.

Nach ihrer Beobachtung interessierten sich Frauen bei der Bundeswehr sehr spezifisch für bestimmte Bereiche, da müsse das Angebot dann passen – Männer würden sich dagegen oft generell als Soldat bewerben und ließen sich dann Laufbahnen vorschlagen. Ihr eigener Ansatz war vor Jahrzehnten ein anderer: „Für mich war immer klar“, sagt die ranghöchste Soldatin der Bundeswehr, „dass ein Land Soldaten, Soldatinnen braucht, die bereit sind, sich persönlich für Frieden und Freiheit zu engagieren.“








