Wenn es um amerikanische Soldaten in Europa geht, kann der Nato-Oberbefehlshaber Christopher Cavoli sehr deutlich werden. Der Vier-Sterne-General mit Hauptquartier in Mons bei Brüssel malt dann ein düsteres Szenario aus: Russische Atom-U-Boote brechen im Nordatlantik durch, tauchen mit Marschflugkörpern bewaffnet vor der Küste der USA auf und bedrohen das amerikanische „homeland“.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Die US-Truppen in Europa seien notwendig, um zusammen mit den Verbündeten im Ernstfall den Durchbruch russischer Kriegsschiffe im Atlantik zu verhindern, sagt Cavoli. Seine Botschaft: Amerikanische Soldaten sind keineswegs nur zum Schutz der europäischen Nato-Partner auf dem Kontinent notwendig, sie seien die „Vorne-Verteidigung der USA, sie markieren Amerikas globale Kampfkraft und schrecken Russland ab“.

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Cavolis Mahnungen haben einen guten Grund. Die US-Regierung bereitet einen Rückzug, mindestens eine Reduzierung der amerikanischen Truppenpräsenz in Europa vor. In Berlin, Warschau und anderswo sind die Verbündeten beunruhigt, besorgt sind aber auch führende US-Militärs in den Nato-Stäben. Entsprechend nervös blicken die europäischen Regierungschefs dem Nato-Gipfel in Den Haag in zwei Wochen entgegen.

US-Soldaten in Europa: Deutschland spielt große Rolle

Nato-Generalsekretär Mark Rutte hat ja alles versucht, um Streitigkeiten schon vor dem Gipfeltreffen aus dem Weg zu räumen: Trumps Forderung, die Nato-Staaten müssten ihre Verteidigungsausgaben massiv auf fünf Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung erhöhen, hat Rutte mit einem Kompromiss-Plan erfüllt. Doch die Frage bleibt: Wie viele Soldaten zieht Trump aus Europa ab? Beim Gipfel dürfte der Präsident eine erste Ansage machen und, wenn es schlecht läuft, den offenen Konflikt suchen.

80.000 US-Soldaten sind derzeit in Europa stationiert, allein 35.000 in Deutschland. Hierzulande liegen besonders wichtige Stützpunkte: Die Luftwaffenbasis Ramstein in Rheinland-Pfalz ist das größte Drehkreuz der US-Armee für Lufttransport und medizinische Evakuierung außerhalb der Vereinigten Staaten. In Ramstein haben US-Soldaten Drohneneinsätze in Nahost, Afghanistan und Pakistan gesteuert, im US-Oberkommando für Afrika in Stuttgart passiert ähnliches für Afrika. In Stuttgart befindet sich auch das US-Oberkommando für Europa.

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US-Soldaten einer Einheit der Luftwaffe zur medizinischen Evakuierung auf dem Luftwaffenstützpunkt Ramstein. © IMAGO/piemags | IMAGO stock

Bei Einsätzen des US-Militärs wie in jüngster Zeit zur Unterstützung Israels im Kampf gegen die Hamas habe die US-Präsenz in Europa einen entscheidenden Beitrag mit Schiffen für die Raketenabwehr und Aufklärungsdaten geleistet, sagt Oberbefehlshaber Cavoli. Natürlich spielen die Soldaten eine entscheidende Rolle für die Nato-Abschreckung gegenüber Russland: Die militärische Präsenz ist Voraussetzung, dass im Ernstfall schnell hunderttausend US-Soldaten mit schwerem Gerät an die Nato-Ostfront verlegt werden können und die übrigen Nato-Truppen mit speziellen Fähigkeiten unterstützt werden.

Doch erklärtes Ziel von Trump und seiner Regierung ist es, dass sich die USA militärisch stärker auf den Indo-Pazifik konzentrieren. „Uns steht China als gleichwertiger Konkurrent gegenüber mit der Fähigkeit und der Absicht, unser Land und unsere nationalen Kerninteressen im Indo-Pazifik zu bedrohen“, hat US-Verteidigungsminister Peter Hegseth seinen Nato-Kollegen in Brüssel erläutert. Angesichts der knappen Ressourcen würden die USA der Abschreckung Chinas im Pazifik Vorrang geben.

Die Nato setzt auf schrittweisen Abzug

Im Pentagon läuft die Überprüfung der globalen Streitkräfteverteilung, Ergebnisse sollen in der zweiten Jahreshälfte vorliegen. Die Konsequenz ist schon klar: Europa muss selbst mehr leisten. Eine Option der US-Regierung ist es, in einem ersten Schritt bis zu 20.000 Soldaten abzuziehen – das wären so viele, wie Trumps Vorgänger Joe Biden 2022 unter dem Eindruck des Ukraine-Krieges vor allem in Polen und Rumänien zusätzlich in einem Rotationsverfahren stationierte. Würden sie verlegt, müssten andere Nato-Staaten, auch Deutschland, in den Einheiten an der Ostflanke ein größeres Risiko tragen.

President Trump Visits Fort Bragg To Honor U.S. Forces
US-Präsident Donald Trump bei einem Truppenbesuch anlässlich der 250-Jahr-Feier der US-Armee am 10. Juni 2025. © Getty Images via AFP | MELISSA SUE GERRITS

Die frühere US-Botschafterin bei der Nato, Julie Smith, hat aber auch schon gewarnt, der Rückzug könne besonders die Truppen in Deutschland treffen. Auf längere Sicht steht wohl ohnehin noch mehr zur Disposition: Konservative Vordenker in Washington vertreten das Konzept einer „ruhenden Nato“, in der die USA nur noch als stiller Teilhaber agieren, der im Ernstfall noch seinen nuklearen Schutzschirm bereithält und begrenzte Luftverteidigungskapazitäten garantiert, aber nicht mehr als Rückgrat der Vorneverteidigung an der Nato-Ostgrenze agieren würde. Die konventionelle Abschreckung, die Verteidigung in Osteuropa, wäre allein Sache der Europäer.

Immerhin, bislang scheint Präsident Trump keinen schnellen Abzug aller amerikanischen Soldaten aus Europa zu planen. Das kommt den europäischen Nato-Staaten entgegen, deren vorrangiges Ziel es inzwischen ist, den Prozess der Verantwortungsübernahme geordnet innerhalb von fünf bis zehn Jahren zu organisieren – damit keine Sicherheitslücken entstehen. Nato-Generalsekretär Rutte kleidet das in die Erwartung, dass es keinen „plötzlichen Rückzug“ der US-Truppen werde; die Schwerpunktverlagerung nach Asien in einem „Schritt-für-Schritt-Ansatz“ sei aber „nur logisch“. Die Zusage zur massiven Steigerung der Verteidigungsausgaben soll diesem Plan dienen.

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Europäer bräuchten 300.000 Soldaten mehr

Militärexperten schätzen, dass die Europäer bei einem völligen Rückzug der USA 300.000 Soldaten zusätzlich bereithalten – einschließlich der Reserven bei einem längeren Krieg – und jährlich 250 Milliarden Euro mehr aufwenden müssten, um die Lücken zu schließen. Dazu wären auch mindestens 1.400 neue Kampfpanzer und 2.000 Schützenpanzer erforderlich, schätzt etwa das Kieler Institut für Weltwirtschaft in einer Studie. Darüber hinaus müsse Europa jährlich etwa 2.000 Langstreckendrohnen produzieren. Eine Erhöhung der europäischen Verteidigungsausgaben von 2 Prozent auf 3,5 bis 4 Prozent der Wirtschaftskraft wäre notwendig.

Käme es tatsächlich zu einem völligen Rückzug, wäre das aber nicht nur eine enorme Herausforderung für Europa, sondern auch für die USA. Der frühere Oberkommandierende für die US-Streitkräfte in Europa, Ben Hodges, sagt: „Wir sind davon abhängig, dass die europäischen Staaten uns Zugang zu Luftwaffenstützpunkten und Seehäfen in ganz Europa gewähren.“

Der frühere Sicherheitsberater von Trump, Herbert McMaster, warnt schon: „Ein Rückzug könnte verheerende Folgen haben, sowohl für unsere Fähigkeit, Konflikte zu verhindern, als auch für unsere Fähigkeit, auf Krisen zu reagieren.“ Es gehe nicht um Standorte, sondern auch um die Ausrüstung und Überflugrechte, „die eine schnelle Machtdemonstration ermöglichen“. McMaster nennt es „albern“, den Wettbewerb der USA mit China jetzt ausschließlich auf den Indopazifik zu beschränken. Der Sicherheitsexperte sagt: „Wenn jetzt alle quasi zur Taiwanstraße rennen, dann ist es, als würden sie Kinderfußball spielen.“