Keine „Bild“, „Welt“ und keine „B.Z.“ pünktlich am Kiosk – das war das Ziel der Protestgruppe „Neue Generation“. Videos, die der Berliner Morgenpost vorliegen, zeugen von dem Versuch. Es zeigt Klimaaktivisten am späten Sonntagabend wie sie die Zufahrt einer Druckerei in Berlin-Spandau blockieren wollen, in der der Axel-Springer-Verlag seine Zeitungen druckt. Doch Einsatzkräfte der Polizei sind ebenfalls vor Ort. „Polizei, macht die Arme auf den Rücken“, ist auf den Aufnahmen zu hören, im Hintergrund kreischen Personen. Ein Polizist schnappt sich etwa einen Mann mit oranger Weste, der sich auf direkt am Eingang setzen wollte.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Schnell aber auch mit Mühe schleift er ihn davon. „Auf den Bauch“, schreit er in Richtung des Aktivisten. Doch als er sich für einen Moment wegdreht und eine Frau an der Blockade hindern will, rollte der Mann mit der orangen Weste wieder zurück. Im Hintergrund ist immer wieder die Stimme von Raphael Thelen, früher Sprecher der „Letzten Generation“. „Kommt Leute, wir sind viel mehr“, ruft er und scheint die Aktivisten anzutreiben, die Blockade durchzuziehen.

Am Ende sollen sie es aber nicht schaffen. Trotz einem Lieferwagen und Hilfsmitteln für Blockaden, etwa Klebstoffbehälter. Nach Angaben der Polizei sollen sich die Personen versucht haben, an den Eingängen festzukleben. Doch die Polizei hindert die Aktivisten an dem Vorhaben. Noch am Abend spricht Polizeisprecher Florian Nath davon, dass die Polizei gegen 22.30 Uhr an den Brunsbütteler Damm in Spandau alarmiert wurde. „Unsere Kollegen haben hier über 30 Personen festgestellt, die mit Zuhilfenahme eines Lieferfahrzeugs und Utensilien, die üblicherweise für Blockaden benutzt werden, diese Tore zu verschließen“, so Nath. Am Ende sind es insgesamt 37 Personen, sie alle werden in Gewahrsam genommen. Am Montag werden zwei Aktivisten dem Haftrichter vorgeführt. Allerdings, so eine Polizeisprecherin am Montagnachmittag, sind alle Personen wieder auf freiem Fuß. Dennoch könnte das ganze ein juristisches Nachspiel haben. Es kam zu 39 Strafanzeigen wegen Nötigung, fünf Strafanzeigen wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und eine wegen Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes gefertigt. 

Die Blockade sollte eigentlich bis in den Morgen hinein andauern, wie es in einer Pressemitteilung der „Neuen Generation“ hieß. Die Begründung: „Wie kein anderes Medium steht Bild für politische Einflussnahme, die unter dem Deckmantel des Journalismus betrieben wird.“ Das Boulevard-Blatt sei der „Brandbeschleuniger des Faschismus in Deutschland“.

„Neue Generation“: Attacken gegen Springer bereits vorher angekündigt

Bereits Mitte Mai hatten die Aktivsten einen Brief veröffentlicht, der sich an Mathias Döpfner richtete, CEO bei Springer. Darin war die Rede von einer „Widerstandswelle“ gegen den Springer-Verlag ab dem 2. Juni. Die „Neue Generation“ kritisiert in ihrem Brief die journalistische Arbeit der Springer-Redaktionen und warnt, dass das „Verhalten unsere Gesellschaft spaltet.“ Aber wer steckt eigentlich hinter der „Neuen Generation“ und welche Ziele verfolgen die Aktivisten?

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Dass der Name stark an die Protestbewegung „Letzte Generation“ erinnert, ist kein Zufall. Die „Neue Generation“ ist aus der „Letzten Generation“ entstanden. Die Klimabewegung machte seit 2022 immer wieder Schlagzeilen mit zahlreichen Straßenblockaden oder Farbanschlägen auf Gemälde und Gebäude.

Ende 2024 dann die Wende: Das Bündnis kündigte an, sich neu ausrichten zu wollen. Daraus entstanden im Februar zwei Splittergruppen: die sogenannte „Neue Generation“ und das „Widerstands-Kollektiv“. Das „Wiederstands-Kollektiv“ setzt nach eigenen Angaben vor allem auf direkte Aktionen. Man wolle Konzernzentralen, Flughäfen und Baustellen besetzen, heißt es auf der eigenen Webseite.

Aktivsten der „Neuen Generation“ veranstalteten eigenes „Parlament“

Während die Mitglieder der „Letzten Generation“ schnell als „Klimaterroristen“ beschimpft wurden, wollen sich neuen Gruppen offenbar breiter aufstellen: Die „Neuen Generation“ solle sich nicht nur für Klimaschutz – wie ihre Vorgängergruppe – einsetzen, sondern auch für Demokratie. Das sagte Mitglied Raphael Thelen im Gespräch dem „Spiegel“ im Februar.

Aktion der Klimaschutzgruppe Neue Generation
Das „Parlament der Menschen“ der Klimaschutzgruppe „Neue Generation“ fand vom 30. Mai bis 1. Juni vor dem Reichstagsgebäude in Berlin statt.© Soeren Stache/dpa | Soeren Stache

Wie sie sich Demokratie vorstellen, demonstrierte die „Neue Generation“ kürzlich in Berlin: Vom 30. Mai bis 1. Juni veranstaltete die Bewegung vor dem Reichstagsgebäude ein „Parlament der Menschen“ – der Name kommt von den Aktivisten selbst. Dafür hätte die Gruppe laut eigenen Angaben 60 Personen ausgelost, die über die Frage diskutieren sollten: „Wie drängen wir den Einfluss von Geld auf unsere Demokratie und Gesellschaft zurück?“

Geeinigt hätten sich die Teilnehmenden mitunter auf die Punkte: Klimakatastrophe bekämpfen, die freiheitlich, demokratische Grundordnung gegen Angriffe verteidigen und allen Menschen mit Respekt begegnen. Was die Gruppe mit den Ergebnissen konkret machen will, ist nicht klar. Im Oktober soll eine weitere Sitzung stattfinden.

Bereits kurz nach Gründung fiel die „Neue Generation“ im März mit einer Protestaktion auf, die sich gegen die Molkerei Müller richtete. Ein Aktivist der Gruppe beschmierte den Eingangsbereich der Firma in Aretsried in Bayern mit blauer Farbe. Dabei hatte er ein Schild, auf dem Stand: „AfD, unterstützt durch Müller.“ Der Molkerei-Inhaber Theo Müller hatte AfD-Chefin Alice Weidel zuvor in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung „eine Freundin“ genannt. Die Farbangriffe bleiben also trotz neuem Namen – auch wenn die bei der „Letzten Generation“ orange waren.