Anna zittert, lacht, weint. Sie schluchzt ins Telefon: „Mama, Mama, Ruslan kommt frei.“ 22 Monate hat sie ihren Ehemann nicht mehr gesehen. Jetzt hat sie die erlösende Nachricht bekommen. Eine SMS, in der stand, das Ruslan ausgetauscht worden ist. Er ist einer der 303 ukrainischen Soldaten, die am Sonntag einem Krankenhaus in der Region Tschernihiw ankommen, so wie in den beiden Tagen bereits fast 700 andere ehemalige Kriegsgefangene. Es ist der größte Gefangenenaustausch in diesem Krieg. Anna nimmt ihre Tochter in die Arme. Atmet durch.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Vor dem Krankenhaus stehen an diesem Mittag Hunderte Menschen, die meisten von ihnen sind Frauen. Viele haben Bilder von ihren Söhnen, Ehemännern, Brüdern dabei. Etliche haben sich die ukrainische Fahne um die Schultern geschlungen, häufig stehen die Nummern und Namen der Einheiten darauf, in denen die Soldaten gedient haben. Sie alle eint die Hoffnung auf ein Lebenszeichen ihrer Liebsten. „Wir haben seit 17 Monaten nichts mehr von meinem Sohn gehört. Ich möchte hier wenigstens jemanden treffen, der mir irgendetwas über ihn sagen kann“, sagt eine der Frauen. Sie ist mit ihrem Ehemann hierhergekommen.


Ukraine-Krieg: Natalya Aelvzar will die Hoffnung nicht aufgeben, ihren Sohn wiederzusehen
Auf den Bildern auf den Plakaten, die sich die beiden vor die Brust gehängt haben, ist ein Soldat mit jungenhaftem Gesicht zu sehen. Ihr Sohn ist 29, er heißt Oleh Koretskyj und ist in einem Dorf bei Charkiw im Nordosten der Ukraine in Gefangenschaft geraten. Ihr Mann und sie haben Zigaretten dabei. „Wir wollen sie den Freigelassenen geben. Kämpfer lieben es zu rauchen“, sagt der Mann. Er lächelt müde. Sie sind seit Freitag hier. „Wir waren bei jedem Austausch dabei.“

Auch Natalya Aelvzar will die Hoffnung nicht aufgeben, ihren Jungen wiederzusehen. Sie stammt aus der Region Chmelnyzkyj im Westen des Landes. Korneev ist vor drei Jahren bei den Kämpfen um Sewerodonezk in der Region Luhansk im Osten des Landes in Gefangenschaft geraten, damals war er 20 Jahre alt. „Einer der Freigelassenen hat mir gestern gesagt, er habe meinen Sohn gesehen“, sagt sie.
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Ukraine: Vor dem Gefangenenaustausch greift Russland massiv mit Drohnen an
Es ist der insgesamt 65. Gefangenenaustausch seit dem Beginn des russischen Überfalls im Februar 2022. Bis zu diesem Austausch waren 4757 ukrainische Soldaten und einige Zivilisten nach Hause gekommen, oft nach vielen Monaten in Gefangenschaft. Manche verbrachten zwei Jahre und länger in russischen Gefängnissen. Kürzlich haben sich beide Seiten auf den Austausch von insgesamt jeweils 1000 Kriegsgefangenen verständigt.
Es ist das einzig greifbare Ergebnis der ukrainisch-russischen Verhandlungen in Istanbul am Freitag vorvergangener Woche. Ein Ausweis für russischen Friedenswillen ist die Verständigung nicht. In der Nacht vor dem Austausch startet Moskau einen schweren Luftangriff gegen die Ukraine. Fast 300 Drohnen, Dutzende Marschflugkörper und ballistische Raketen attackieren mehr als 30 Dörfer und Städte. Ziele sind unter anderem Charkiw, Dnipro, Kiew, Mykolajiw, Odessa, Poltavwa, Schytomyr und Tschernihiw. In Schytomyr sterben drei Minderjährige, acht, zwölf und 17 Jahre jung. Landesweit werden mindestens zwölf Menschen getötet und 60 verletzt.

„Mein Bein verwest, sie haben nichts getan, um mir zu helfen“
Es ist kurz vor ein Uhr Mittag, als die ersten Ambulanzwagen auf dem Gelände eintreffen. Sie bringen die Männer, die zu krank oder verletzt sind, um mit den großen Bussen reisen zu können. Es sind graugesichtige, hagere Männer mit kurz geschorenen Haaren. „Mein Bein verwest, sie haben nichts getan, um mir zu helfen“, ruft einer, der im Rollstuhl sitzt. „Niemand hat geholfen!“

Eine Dreiviertelstunde später brandet Beifall auf. Die Menge skandiert „Glückwunsch, Glückwunsch“, als die Reisebusse vorfahren. Hinter den Scheiben winken die Männer, auch um ihre Schultern sind ukrainische Fahnen geschlungen. Als sie die Busse verlassen, werden sie von Polizisten in das Krankenhaus geführt. Hunderte Angehörige drängen an die Fenster, halten Bilder ihrer Liebsten hoch, rufen, versuchen, in Erfahrung zu bringen, ob einer der Freigelassenen einen Sohn, einen Bruder, einen Vater oder einen Ehemann gesehen hat.

Wie er behandelt worden ist? Darüber will Mykola nicht sprechen
Eine kleine Gruppe von Freigelassenen steht vor dem Eingang. Mykola raucht mit zitternden Händen eine Zigarette, sein Gesicht unter der blauen Kappe ist blass, verhärmt. Er ist im März 2022 in der Schlacht um Mariupol in Gefangenschaft geraten. „Dieses Gefühl ist unbeschreiblich“, sagt er. „All diese Menschen hier – und wie wir willkommen geheißen werden.“ Eineinhalb Tage waren sie mit dem Bus unterwegs. „Wir haben bis zum Schluss nicht geglaubt, dass wir nach Hause kommen.“ Immer wieder sei ihnen in den vergangenen drei Jahren gesagt worden, dass sie in die Heimat zurückkehren würden. „Und dann haben sie uns doch nur zu einem anderen Ort gebracht.“

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Wie er behandelt worden ist? Darüber will Mykola nicht sprechen. Auch andere der Freigelassenen reden nicht darüber. „Die anderen Jungs sind ja noch da. Mich überwältigen gerade meine Emotionen“, sagt ein anderer mit Tränen in den Augen. „Diese Männer werden eine lange Zeit der Rehabilitation brauchen. Das gilt für jeden Einzelnen von ihnen“, erklärt Petro Yatsenko, Vertreter der staatlichen Behörde für die Behandlung der Kriegsgefangenen.
„Sie werden häufig gefoltert, nahezu jeden Tag geschlagen“
Die Gesichter der Freigelassenen sprechen Bände. Spitze Wangenknochen, tief in den Höhlen liegende Augen, die meisten wirken abgemagert. Yatsenko sagt: „Sie werden häufig gefoltert, nahezu jeden Tag geschlagen, bekommen nicht ausreichend Essen, haben keine Heizung im Winter, keine frische Luft. Manchmal müssen sie einen ganzen Tag lang stehen.“ Viele der Freigelassenen litten unter schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen, auch psychischen.
An einem anderen Eingang schließt Serhii Ponomarenko seine Mutter in die Arme. Er drückt sie, liebkost sie. Ein Jahr und sieben Monate war der 39-Jährige in Gefangenschaft, inhaftiert in der weitgehend von Russland besetzten Region Luhansk. Gefangen genommen wurde er in Bachmut, berichtet die Mutter. Sie hat ein Bild von ihm dabei, er sieht darauf ganz anders aus als heute. „Ich habe ihn trotzdem sofort erkannt, als er aus dem Fenster des Busses gewunken hat.“

Wenn ihr Sohn nach Hause kommt, will sie ihm sein Lieblingsessen kochen
Erst zehn Minuten bevor die Busse gekommen sind, wurde sie darüber informiert, dass ihr Serhii ausgetauscht worden ist. „Ich habe aber immer daran geglaubt, dass er freikommt. Er ist mir vor zwei Tagen im Traum erschienen.“ Wenn ihr Sohn nach Hause kommt, will sie ihm sein Lieblingsessen kochen, Okroschka, eine kalte Suppe, und Kohlrouladen mit Bratkartoffeln. „Die liebt er.“ Sie lacht überglücklich. Bis es so weit ist, werden aber noch einige Tage vergehen. Die Freigelassenen werden jetzt medizinisch untersucht. „Sie brauchen ein paar Tage der Ruhe. Sie müssen sich selbst finden“, sagt Petro Yatsenko.

Bei Weitem nicht alle sind an diesem Tag so glücklich wie Anna oder Serhiis Mutter. Manche der Frauen weinen bitterlich, andere sitzen verloren auf Mauern, die Bilder ihrer Lieben in den zitternden Händen. Sie haben keinen Anruf, keine SMS erhalten. Sie haben nichts von ihren Angehörigen gehört.






