Am Vortag war Anatoli Kovtun auf einer Beerdigung in Mykolaijw. Sie haben Vitaliy zu Grabe getragen. Er starb mit 34 Jahren an der Front bei Sumy, eine Drohne tötete ihn. Einer von so vielen jungen Menschen, die dieser Krieg viel zu früh aus dem Leben gerissen hat. Kovtun kannte Vitaliy gut, er war einer seiner Schüler. Er seufzt, zieht die Schultern hoch, streicht sich durchs Gesicht, schüttelt langsam den Kopf. Kovtun ist so stolz auf seine Schüler und seine Schule, aber der Krieg hat alles verändert. Die Gänge sind leer, kein Kinderlachen mehr. Kovtun wartet. Auf die Kinder, die er betreut, und auf seinen eigenen Jungen, der in Russland in Kriegsgefangenschaft sitzt.

Von der Spezialschule Nummer 2 kann man auf den südlichen Bug schauen, der in Mykolajiw mit dem Inhut zusammenfließt, um dann ins Schwarze Meer zu strömen. Es ist ein schöner Ort für eine Schule. Hier am Rande der Stadt ist es fast dörflich, kleine Häuser säumen die breiten Straßen. Das Gelände der Schule ist weitläufig. Zweistöckige weiße Gebäude, viel Grün, ein Spielplatz, ein Fußballplatz mit kleinen Tribünen. Vor dem russischen Überfall haben Direktor Kovtun und seine Kollegen hier 160 Schüler unterrichtet, Waisen und Kinder mit Entwicklungsstörungen. Für manche war die Einrichtung ihr Zuhause. Andere kamen nur tagsüber.
Von Sportpokalen zu Bomben-Angriffen: Wie der Krieg die Schule traf
Sport war einer der Schwerpunkte. In den langen Gängen hängen Bilder von einem Fußballturnier in Abu Dhabi, an dem die Mädchenmannschaft der Schule 2019 teilnahm, von einem Hockeyturnier in Österreich, das die Jungs im Jahr 2019 gewannen. Im Erdgeschoss stehen in einer großen Vitrine Pokale, an den Wänden glitzern Medaillen. Kovtun, 64, ein kräftiger Mann mit Glatze, hat Sport studiert, seit fast einem Vierteljahrhundert leitet er die Schule. Als die russischen Streitkräfte im Februar 2022 in die Ukraine einfallen, stoßen sie rasch Richtung Mykolajiw vor.

Der Gouverneur der Region ordnet die Schließung der Schule an. „Wir mussten die Waisen in Sicherheit bringen, mindestens 100 Kilometer entfernt von hier“, erinnert sich Kovtun. Es war eine richtige Entscheidung, Im Juni 2023 landet eine Rakete mit Streumunition auf dem Fußballfeld. Im Dezember desselben Jahres schlagen zwei Raketen in der Nachbarschaft ein. Dutzende Fenster der Schule zersplittern. „Wären die Kinder da gewesen, wären viele von ihnen verletzt worden oder sogar gestorben“, ahnt Kovtun. Mittlerweile haben sie wieder alles saniert. Kleine Spuren zeugen aber noch von den Bombardements. Der Direktor zeigt auf ein Loch im Türrahmen eines der Zehnbett-Schlafräume. „Das stammt von einem Schrapnell.“

Aktuelle News zum Ukraine-Krieg
Suche nach einem neuen Zuhause: Die lange Reise der Waisenkinder
Die Waisenkinder erleben eine Odyssee. Erst reisen sie in die 800 Kilometer entfernte Region Lwiw ganz im Westen der Ukraine, dann weiter in andere Kleinstädte, in denen sie Unterschlupf finden. Natalaya Luhovska war fast immer bei ihnen. Sie ist eine der Lehrerinnen der Spezialschule Nummer 2, eine freundliche, fröhliche Frau. „Anfangs waren es schwierig für die Kinder. Sie haben gefragt, ob sie sterben werden. Aber überall, wo wir waren, haben uns Freiwillige geholfen.“

Jetzt arbeitet Luhovska in Perwomajske, 170 Kilometer nördlich von Mykolajiw, wo die jüngeren Waisen untergebracht sind. Es ist eine ähnliche Einrichtung wie die Schule, aus der sie flüchten mussten, eines der Gebäude ist nun das Zuhause auf Zeit für die Binnenvertriebenen. In einem der Schlafsäle, in dem sechs Betten dicht an dicht stehen, spielen Artem, Mykola, die anderen Jungs mit den raspelkurz geschnittenen Haaren und die Mädchen. Auf dem Boden stehen Kisten mit Bauklötzen und Legosteinen, auf einem Tisch liegt Papier. Artem liebt es, zu malen, sagt er. Er ist acht Jahre, und eigentlich mag er es hier. „Aber ich will sehr gerne wieder nach Mykolajiw zurück.“
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Wiederaufbau mit Hoffnung – und Hilfe aus Deutschland
Alle Kinder wollen wieder nach Hause, sagt ihre Lehrerin Luhovska. „Sie sprechen sehr oft davon.“ Vielleicht ist es bald möglich. Ihre Schule in Mykolajiw ist saniert. Eine deutsche Hilfsorganisation namens „Piece of Peace“ hat einen Brunnen gebohrt, sodass das Wasser aus dem Kran wieder trinkbar ist. Das ist in Mykolajiw etwas Besonderes. Nach dem russischen Überfall wurde die Trinkwasserleitung aus Dnipro zerstört, jetzt kommt das Wasser in der Stadt aus dem Südlichen Bug, es ist salzig und ungenießbar.

Die Russen haben aufgehört, Mykolajiw mit Raketen zu beschießen, von den Drohnen, die die Stadt nahezu jede Nacht attackieren, werden die meisten abgeschossen. Für den Notfall gibt es mittlerweile einen großen Bunker unter der Schule, mit einem Lüftungssystem, Toilettenanlagen, Schulbänken und Stühlen. Den hat Direktor Kovtun mit Freiwilligen und Zementspenden gebaut, damit seine Schule wieder ein sicherer Ort zum Lernen wird: „Ich möchte die Schule gerne am 1. September wiedereröffnen.“ Auch, wenn er nicht an einen raschen Frieden glaubt.
Direktor Kovtun wartet auf die Rückkehr seines Sohnes aus russischer Gefangenschaft
Er sagt, er freue sich auf die Kinder. Er hat es in den vergangenen Jahren vermisst, mit ihnen zu arbeiten. Zugleich vermisst Kovtun ein anderes Kind, sein eigenes. Sein Sohn Maxim ist Offizier bei der 36. Marinebrigade und hat in Mariupol gekämpft, jener Stadt, die nach einem halben Jahr erbitterter Kämpfe im September 2022 an die Russen fiel. Maxim, 38, ist seitdem in russischer Kriegsgefangenschaft, so wie Tausende anderer ukrainischer Soldaten.

Anatoli Kovtun hat nur einmal Kontakt mit seinem Sohn gehabt, das war vor zwei Jahren. Ein kurzes Telefonat, bei dem ein russischer Geheimdienstmitarbeiter mithörte. „Vor drei Wochen haben mir freigelassene Kameraden von Maxim gesagt, wo er in Russland ist.“ Wo genau, will Kovtun nicht sagen. Bei den Friedensverhandlungen in Istanbul am Freitag vergangener Woche haben sich die ukrainischen und russischen Unterhändler auf einen großen Gefangenenaustausch verständigt. Jeweils tausend Soldaten beider Seiten sollen frei kommen. „Ich hoffe sehr, dass mein Sohn dabei ist“, sagt Kovtun. „Sein Sohn, mein Enkel, fragt ständig nach seinem Vater.“





