„Mythen über Russland“ heißt das dreibändige Werk, das er geschrieben hat. Preisgekrönt und nach eigenem Bekunden über 100.000 Mal verkauft. Wladimir Medinskij ist ein Mann der Künste, Autor und Ex-Kulturminister Russlands. Was aber qualifiziert ihn, Verhandlungen mit der Ukraine zu führen, wie etwa vorletzte Woche in Istanbul, wo er die russische Delegation leitete, nachdem er bereits 2022 in Istanbul verhandelt hatte?

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Vielleicht dies: Medinskij ist in der Ukraine geboren. Genauer: am 18. Juli 1970 in Smela, Gebiet Tscherkassy. Damals, als die Ukraine noch zur Sowjetunion gehörte. Und er ist absolut Putin-treu. Im russischen Parlament war er Leiter einer Kommission „zur Bekämpfung der Verfälschung der russischen Geschichte“. Und, im Jahr 2012, „Bevollmächtigter des Präsidentschaftskandidaten der Russischen Föderation W.W. Putin“, nachzulesen auf seiner Homepage.

206419_569_cover.jpg
Leben unter Beschuss: Stimmen aus Cherson
Im Krisenmodus
 

Wladimir Medinskij: Propagandist – und Chefverhandler im Krieg

Als Diplomat allerdings ist er nicht von großem Gewicht. Dass Medinskij die russische Delegation vor drei Jahren und nun wieder anführte, ist eher ein Schachzug von Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Die wirklich wichtigen Dinge besprachen die Chefs unter sich – so etwa, als Putin zwei Stunden mit Donald Trump telefonierte. Einen Bezug zum Militär hat Medinskij, verheiratet, vier Kinder, durchaus. Laut eigenem Bekunden ist sein Vater Oberst im Ruhestand, kämpfte in Afghanistan. Sohn Wladimir kennt sich weniger mit dem aktuellen Krieg aus als mit der Historie. Er veröffentlicht Bücher, hält Vorträge, etwa zu „Geschichten aus der russischen Geschichte“. Und er kümmert sich um die Bildung in Russland in Putins Sinn. 

Russlands Delegationsleiter Wladimir Medinskij spricht vor einem geplanten Treffen zwischen ukrainischen, amerikanischen und russischen Delegierten in Istanbul am 15. Mai 2025 zur Presse.
Russlands Delegationsleiter Wladimir Medinskij spricht vor einem geplanten Treffen zwischen ukrainischen, amerikanischen und russischen Delegierten in Istanbul am 15. Mai 2025 zur Presse. © AFP | Yasin Akgul

Im September 2023, zu Beginn des neuen Schuljahres, wunderten sich Russlands Schülerinnen und Schüler über ein neues Geschichtsbuch für die 10. und 11. Klassen. Die Abschnitte über den Zeitraum von 1970 bis 2000 wurden komplett neu geschrieben und außerdem ein neues Kapitel über die Zeit von 2014 bis zur Gegenwart hinzugefügt. Ein eigener Abschnitt ist der „Sonderoperation“ russischer Truppen in der Ukraine gewidmet. Diese hätte das Ziel „die Feindseligkeiten in der Ukraine zu stoppen.“ Breites Thema ist auch die Beziehungen Russlands zum Westen im 21. Jahrhundert. „Geschichtsfälschung“ und „Wiederbelebung des Nationalsozialismus“ wird behauptet. Die „Destabilisierung der Lage innerhalb Russlands“ sei die „feste Idee“ der westlichen Länder. 

Mehr rund um Russland – für Sie recherchiert

Wladimir Medinskij: Putins Geschichtsschreiber am Verhandlungstisch

„Die Auswahl der Fakten ist sehr einseitig, alles ‚Überflüssige‘ wird ignoriert“, bewertete 2023 ein Geschichtslehrer, befragt vom Portal fontanke.ru, das neue Schulbuch. Fazit: Das Buch sei wie „aus dem sowjetischen Informationsbüro.“ Wladimir Medinskij präsentierte das neue Geschichtsbuch. Und lobte Inhalt und vor allem die Verarbeitung. „Hardcover, der Rücken ist genäht, nicht geklebt. Dadurch können sie es so machen, wie es in der Sowjetzeit war, als das Lehrbuch fünf Jahre lang diente.“ 

206191_1325_206191_cover.jpg
#16 Michael Kretschmer über Hausbesuche von Corona-Leugnern und sein Gespräch mit Putin
Meine schwerste Entscheidung
 

Möglicherweise bleibt Medinskij auch weiterhin der russische Delegationsleiter. Beim Treffen in Istanbul habe die ukrainische Seite ein Treffen zwischen Putin und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj gefordert, so zitieren ihn russische Medien. Medinskijs Reaktion war erwartungsgemäß wenig enthusiastisch: „Wir haben diese Bitte zur Kenntnis genommen.“