Die Aufgabe, vor der Frank-Walter Steinmeier (SPD) an diesem 8. Mai im Bundestag steht, ist keine einfache. 80 Jahre ist es her, dass die Wehrmacht kapitulierte, das Nazi-Regime am Ende war, der Zweite Weltkrieg, der Schätzungen zufolge mindestens 60 Millionen Menschen weltweit das Leben kostete, endete.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Reden zum 8. Mai finden immer besondere Beachtung. Doch bei runden Jubiläen ungleich mehr. Zumal sich auch eine berühmte Rede von einem Vorgänger Steinmeiers jährte, die eine Zäsur in der Erinnerungs- und Gedenkkultur darstellte: Vor 40 Jahren hatte der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker (CDU) gesagt: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung.“ Und weiter: „Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“ Als Befreiung – so war der Tag bis dahin von weiten Teilen der deutschen Bevölkerung nicht verstanden worden.

Immerhin hatten sich auch unmittelbar nach dem 8. Mai 1945 viele Deutsche nicht als Befreite gesehen. Die Bürgerinnen und Bürger in der DDR blieben es faktisch lange nicht. Aber auch Westdeutschland tat sich schwer mit der Aufarbeitung. „Zur Wahrheit gehört auch, dass die junge Bundesrepublik zunächst fast jede Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, vor allem auch die Bestrafung der Täter lange verweigerte; stattdessen kamen viele in neue Ämter, die treue Diener des NS-Regimes gewesen waren“, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Donnerstag.

Steinmeiers Rede zum 8. Mai: „Wie können wir frei bleiben?“

Steinmeier beschränkte sich am Tag der Befreiung nicht auf den Blick zurück. Zu prägend ist die gegenwärtige Weltlage, zu nah sind die Krisen und Kriege. Heute müsse man sich fragen: „Wie können wir frei bleiben?“ Denn mit dem Angriffskrieg auf die Ukraine habe Putin die europäische Sicherheitsordnung „in Trümmer gelegt“, so Steinmeier.

Zerbombte Innenstadt von Dresden nach Kriegsende, 1945
Blick vom Turm des Dresdner Rathauses auf die Innenstadt, die am 13./14. Februar 1945 von englischen und amerikanischen Bomberverbänden in Schutt und Asche gelegt wurde. (Aufnahmedatum: 13.02.1945-31.12.1945)© picture alliance / SZ Photo | SZ Photo

Zwar dankte Steinmeier in seiner Rede unter anderem den alliierten Soldaten aus den USA, Großbritannien und Frankreich sowie anderen Widerstandsbewegungen im Kampf gegen das NS-Regime. Auch die Rolle der Roten Armee, in der unter anderem Russen, Ukrainer und Weißrussen gekämpft hatten, ließ Steinmeier nicht unter den Tisch fallen.

80. Jahrestag Ende Zweiter Weltkrieg -Bundestag
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach am 8. Mai zum Tag der Befreiung – dem Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs – im Bundestag.© Kay Nietfeld/dpa | Kay Nietfeld

Bundespräsident: Am 8. Mai müsse er den „Geschichtslügen des Kreml“ entgegentreten

„Die Rote Armee hat Auschwitz befreit“, sagte er. Mindestens 13 Millionen Soldaten der Roten Armee und noch einmal so viele Zivilisten seien gestorben. „All das vergessen wir nicht.“ An einem Tag wie dem 8. Mai müsse er den „Geschichtslügen des Kreml“ allerdings entschieden entgegentreten, sagte Steinmeier.

Wegen der Zeitverschiebung wird in Russland am 9. Mai des Kriegsendes gedacht. Wie in einigen anderen Ländern auch wird er dort als Tag des Sieges gefeiert. In Russland wird er seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine instrumentalisiert: Putin stellt den Überfall auf die Ukraine als Befreiungsschlag dar. Denn, so behauptet er, dort sei ein faschistisches Regime am Werk. „Auch wenn das morgen bei den Siegesfeiern in Moskau wieder behauptet wird“, sagte Steinmeier deshalb in seiner Rede am Donnerstag, „der Krieg gegen die Ukraine ist eben keine Fortsetzung des Kampfes gegen den Faschismus.“

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8. Mai 1945: Am Tag der Befreiung kapitulierte die Wehrmacht

Rückblick: Am 8. Mai 1945 unterschrieb Generalgeldmarschall Wilhelm Keitel die Kapitulation der Wehrmacht. Deutschland lag zu diesem Zeitpunkt in weiten Teilen in Trümmern. Dieses „endlose Grauen“ hätten Deutsche zu verantworten, mahnte Steinmeier: „Es waren Deutsche, die diesen verbrecherischen Krieg entfesselt und ganz Europa mit in den Abgrund gerissen haben. Es waren Deutsche, die das Menschheitsverbrechen der Shoah begangen haben. Und es waren Deutsche, die nicht willens und nicht fähig waren, selber das Joch des NS-Regimes abzuwerfen.“ Dann zitiert Steinmeier Jürgen Habermas‘ berühmten Satz: „Wir sind alle Kinder des 8. Mai.“

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Der Bundestag ist zur Gedenkstunde im Bundestag zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs voll besetzt.© Michael Kappeler/dpa | Michael Kappeler

Bundespräsident Steinmeier sichert Ukraine Unterstützung zu

Aus der Geschichte lernend habe Deutschland eine Verantwortung. Deshalb unterstütze man die Ukraine, so Steinmeier. Nach rund der Hälfte seiner knapp halbstündigen Rede spannte Steinmeier dann aber einen Bogen, der noch nachhallen dürfte. Denn von Putins Angriffskrieg kam er ohne Umschweife zu den USA. „Es ist nicht weniger als ein doppelter Epochenbruch – der Angriffskrieg Russlands, der Wertebruch Amerikas –, er markiert das Ende des langen 20. Jahrhunderts“, sagte der Bundespräsident im selben Satz. Leises Gemurmel im Parlament, das bis dahin andächtig lauschte.

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Steinmeier teilt gegen AfD aus – ohne sie zu benennen

Aber er teilte nicht nur nach außen aus. Auch den wieder aufkeimenden Antisemitismus in Deutschland ließ Steinmeier nicht unerwähnt. Zudem würden die „extremistischen Kräfte“ in Deutschland erstarken. Kein einziges Mal nennt Steinmeier die AfD, die gerade erst vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft, wobei diese Hochstufung zunächst wieder auf Eis gelegt wurde, beim Namen. Und doch ist allen im Bundestag klar, wer gemeint ist, wenn er von den „extremistischen Kräften“ spricht, die in Deutschland die Debatten vergiften, mit den Sorgen der Menschen spielen, ein Geschäft mit der Angst betreiben und Menschen gegeneinander aufhetzen würden. „Sie erwecken alte böse Geister zu neuem Leben“, sagte Steinmeier.

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Zum Ende seiner Rede wurde der Bundespräsident noch einmal kämpferisch. Durch die eigene Geschichte sei Deutschland besonders gerüstet. „Wenn andere Demokratie, Freiheit, Recht einschränken, verteidigen wir sie erst recht“, sagte er. „Wir müssen militärisch stärker werden, aber nicht um Krieg zu führen, sondern um Krieg zu verhindern.“

Statt schlafwandlerischem Wanken sei es wichtig, möglichst viele Menschen, die an der Demokratie zweifeln, zu überzeugen. „Gewinnen wir sie zurück für die Demokratie!“, forderte Steinmeier. Dabei mache ihm der Satz von Habermas „Wir alle sind Kinder des 8. Mai“ nicht nur Hoffnung, sondern schaffe „Hoffnungstrotz!“. Eine Hoffnung trotz allem. Und die sei wichtig, denn: „Von außen kann uns heute niemand die Freiheit schenken. Wir müssen selbst für sie einstehen.“