Friedrich Merz hat am Dienstagvormittag eine historische Niederlage eingefahren. Der CDU-Chef benötigte in geheimer Abstimmung eine Mehrheit aller Bundestagsabgeordneten, also 316 Stimmen. Damit wäre er am Ziel gewesen: der Kanzlerschaft.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Dem neuen Bundestag gehören 328 Politiker von Union und SPD an. Eine Mehrheit für Merz galt im Vorfeld als sicher. Doch dann der Paukenschlag: Nur 310 Abgeordnete stimmten für Merz als Kanzler. Merz ist damit im ersten Wahlgang durchgefallen – das gab es noch nie. Wie geht es nun weiter?

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Friedrich Merz: Dritter Wahlgang mit weiteren Kandidaten möglich

Auch wenn Merz‘ Niederlage ohne Vorbild ist, ist im Grundgesetz für den Fall vorgesorgt. „Wird der Vorgeschlagene nicht gewählt, so kann der Bundestag binnen vierzehn Tagen nach dem Wahlgang mit mehr als der Hälfte seiner Mitglieder einen Bundeskanzler wählen“, heißt es in Artikel 63.

Merz hat also theoretisch zwei Wochen Zeit, genügend Stimmen hinter sich zu versammeln, um die absolute Mehrheit im zweiten Wahlgang doch noch zu erreichen. Innerhalb dieser zwei Wochen, kann der Bundestag unbegrenzt oft abstimmen. Bereits am Dienstagnachmittag will Merz einen neuen Versuch unternehmen. Die Abstimmung läuft derzeit.

Historische Pleite: Das Merz-Debakel in Bildern

Geschafft: Friedrich Merz (rechts) lässt sich nach der Wahl von künftigen Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) drücken.
Geschafft: Friedrich Merz (rechts) lässt sich nach der Wahl von künftigen Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) drücken.© AFP | Tobias Schwarz
Der Bundeskanzler nimmt Glückwünsche von SPD-Parteichefin Saskia Esken entgegen.
Der Bundeskanzler nimmt Glückwünsche von SPD-Parteichefin Saskia Esken entgegen.© AFP | ODD ANDERSEN
Auch die beiden AfD-Vorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla kommen zum Gratulieren.
Auch die beiden AfD-Vorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla kommen zum Gratulieren.© AFP | Tobias Schwarz
Ex-Kanzler Olaf Scholz (SPD) gratuliert seinem Nachfolger.
Ex-Kanzler Olaf Scholz (SPD) gratuliert seinem Nachfolger.© AFP | Ralf Hirschberger
Friedrich Merz fiel im ersten Durchgang durch, erreichte nicht de nötigen 316 Stimmen.
Friedrich Merz fiel im ersten Durchgang durch, erreichte nicht de nötigen 316 Stimmen.© AFP | Tobias Schwarz
Bundestag - Kanzlerwahl
CDU-Fraktionschef Jens Spahn hätte sich den heutigen Tag sicher auch anders vorgestellt.© Hannes P. Albert/dpa | Hannes P Albert
Charlotte Merz (Zweie von rechts) mit ihren Töchtern Carola Clüsener und Constanze Merz (ganz links)
Charlotte Merz (Zweie von rechts) mit ihren Töchtern Carola Clüsener und Constanze Merz (ganz links)© AFP | Ralf Hirschberger
Da war die Stimmung noch gut: Friedrich Merz (CDU) im Gespräch mit dem designierten Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD).
Da war die Stimmung noch gut: Friedrich Merz (CDU) im Gespräch mit dem designierten Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD).© AFP | Tobias Schwarz
Bundestag - Kanzlerwahl
Auch Merz‘ voraussichtliche Vorvorgängerin Angela Merkel (CDU) war im Plenarsaal anwesend.© Kay Nietfeld/dpa | Kay Nietfeld
Bundestag - Kanzlerwahl
Auch andere Prominenz wie etwa Astronaut Alexander Gerst waren im Bundestag auf den Tribünen dabei.© Kay Nietfeld/dpa | Kay Nietfeld
Bundestag - Kanzlerwahl
Hier ahnt Olaf Scholz (SPD) wohl noch nicht, das seine Kanzlerschaft unerwartet in die Verlängerung geht.© Sebastian Gollnow/dpa | Sebastian Gollnow
New German Government Is Sworn In
Der Schockmoment: Bundestagspräsidentin Julia Klöckner verliest das Ergebnis. Merz hat nur 310 Ja-Stimmen erhalten und damit seschs weniger als benötigt.© Getty Images | Maja Hitij
Bundestag - Kanzlerwahl
Bei Merz und den Unions-Spitzen ist das Entsetzen nach Merz‘ Scheitern im ersten Wahlgang groß.© Michael Kappeler/dpa | Michael Kappeler
Bei der AfD ist die Freude dagegen groß. Parteichefin Alice Weidel forderte schon kurz nach Merz‘ Niederlage Neuwahlen.
Bei der AfD ist die Freude dagegen groß. Parteichefin Alice Weidel forderte schon kurz nach Merz‘ Niederlage Neuwahlen.© AFP | Ralf Hirschberger
Bundestag - Kanzlerwahl
Nach der Schlappe zog sich Merz mit seinen Vertrauten wie etwa Unions-Fraktionschef Jens Spahn (CDU) in sein Büro zurück.© Michael Kappeler/dpa | Michael Kappeler
Bundestag - Kanzlerwahl
Nun gibt es Krisengespräche zwischen den Koalitionspartnern: Hier kehrt Lars Klingbeil von einem Gespräch in Merz‘ Büro zurück.© Kay Nietfeld/dpa | Kay Nietfeld
Bundestag - Kanzlerwahl
Der designierte Außenminister Johann Wadephul (CDU) hat bereits mit Noch-Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) gesprochen, die nun auch länger als erwartet im Amt bleibt.© Michael Kappeler/dpa | Michael Kappeler
Regierungswechsel - Ernennung des Bundeskanzlers
Nach seiner Wahl soll Merz in Schloss Bellevue von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum Kanzler ernannt werden.© Bernd von Jutrczenka/dpa | Bernd von Jutrczenka

Merz weiter ohne Mehrheit? Auch ein dritter Wahlgang ist denkbar

Bekommt Merz auch im zweiten Anlauf nicht die nötigen Stimmen und läuft gar die zweiwöchige Frist ohne erfolgreiche Abstimmung aus, hat der CDU-Chef theoretisch immer noch Chancen auf das Kanzleramt. Nach den vierzehn Tagen findet laut Grundgesetz „unverzüglich ein neuer Wahlgang statt, in dem gewählt ist, wer die meisten Stimmen erhält.“ In diesem dritten Wahlgang reicht also eine relative Mehrheit.

Sollte Merz allerdings im zweiten Anlauf keine absolute Mehrheit bekommen, könnte es durchaus sein, dass sich der CDU-Chef zurückzieht. SPD, CDU und CSU müssten dann beraten, ob sie trotzdem die Regierung stellen wollen und einen neuen Kanzlerkandidaten ins Rennen schicken.

Wenn der Gewählte nach dem beschriebenen Verfahren die Kanzlermehrheit erhält, muss der Bundespräsident ihn innerhalb von sieben Tagen nach der Wahl ernennen. Bei einer Wahl nur mit einfacher Mehrheit kann der Bundespräsident alternativ auch binnen sieben Tagen den Bundestag auflösen und eine Neuwahl ansetzen.

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Gefahr für CDU-Chef: AfD könnte für Merz stimmen

Im zweiten Wahlgang lauert neben einer erneuten Nichtwahl noch eine weitere Gefahr auf Merz: Es ist theoretisch denkbar, dass einzelne oder sogar alle AfD-Abgeordnete für ihn stimmen und das auch öffentlich kundtun. Käme Merz ohne demokratische Mehrheit nur mit Stimmen der Rechtsaußen-Partei ins Amt und würde er die Wahl annehmen, wäre er als Kanzler und CDU-Chef irreparabel beschädigt. Die Brandmauer der Union zur AfD wäre gefallen. Merz selbst hatte im Wahlkampf sein „Schicksal als Parteivorsitzender“ daran geknüpft, dass es zu keiner Zusammenarbeit mit der Alternative für Deutschland kommt.

Bis ein neuer Bundeskanzler gewählt wurde, regiert Olaf Scholz (SPD) weiter mit seinem rot-grünen Kabinett, das seit der Konstituierung des neuen Bundestages nur noch geschäftsführend im Amt ist. Es gibt also keine Zeit ohne Regierung. Obwohl Scholz bereits mit einem Großen Zapfenstreich von der Bundeswehr feierlich aus dem Amt verabschiedet worden war.