Er wird im Herbst 84. Da sitzen andere mit der Wolldecke im Park und füttern die Enten. Bernie Sanders könnte das nicht. Der älteste Duracell-Hase im politischen Geschäft der Vereinigten Staaten, ein parteiloser Sozialist, der als Senator meist mit den Demokraten gemeinsame Sache macht und schon mehrfach US-Präsident werden wollte, erlebt gerade seinen gefühlt zehnten Frühling. Was auch jenseits des Atlantiks Hoffnungen auslöst. Die er am Ende aber kaum erfüllen kann.
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Weil das demokratische Partei-Establishment auch fast fünf Monate nach dem Wahlsieg Donald Trumps weiter nach einem politischen Nordstern sucht, der den Weg in eine bessere Zukunft ausleuchtet, ragt Bernie Sanders zwangsläufig heraus, wenn er sich dieser Tage wie ein alternder Rockstar durchs Land bewegt und seine Version der „Aerosmith“-Umverteilungs-Hymne „Eat the Rich“ intoniert.
Seine „Kampf gegen die Oligarchie“-Tournee, die sich vor allem gegen Trumps Zauberlehrling Elon Musk und die anderen Milliardäre im neuen Kabinett Trumps richtet, muss man sich dabei wie eine Tankstelle vorstellen, an der sich derzeit viele für 90 Minuten neuen geistig-emotionalen Kraftstoff abholen, um in Maga-Zeiten nicht ganz Hoffnung und Verstand zu verlieren.

Bernie Sanders kämpft gegen Trump: „Jetzt wissen alle, was Oligarchie ist“
In Denver, der linken Hochburg im Bundesstaat Colorado, lauschten neulich sensationelle 35.000 Menschen einer Rede, die Sanders so oder ähnlich seit gut 40 Jahren hält: Den Armen wird genommen, um die Reichen noch reicher zu machen. Das geht so nicht, Leute.
Der gebürtige Brooklyn-New Yorker verzichtet dabei, authentisch bis in die kornblumenblauen Oberhemden, auf Tricks und folgt seinem alten Drehbuch: Mögen die anderen auch schweigen – ich ziehe zu Felde, zur Not als Ein-Mann-Kriegs-David gegen den Maga-Goliath aus Mar-a-Lago. Sanders macht sich dabei selbst Mut: „Als ich vor einigen Jahren das Wort ‚Oligarchie‘ benutzt habe, wussten viele Menschen nicht, wovon ich sprach“, rief der Vollblut-Politiker in die Menge: „Nun wissen es alle.“
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Bei der Wahl des Kompagnons greift der schlohweißhaarige Mann auf eine bewährte Kraft zurück, um den generationenübergreifenden Anspruch seiner Politik zu unterstreichen: Alexandria Ocasio-Cortez, die 35-jährige Kongress-Abgeordnete aus New York, die seine Enkelin sein könnte und vom progressiven Flügel der Partei als „presidential material“ für 2028 angesehen wird, war schon vor fünf Jahren an seiner Seite.

Noch gut in Erinnerung ist ein fulminanter gemeinsamer Auftritt im damaligen Präsidentschaftswahlkampf in der Stadthalle der Universitätsstadt Ames in Iowa im Februar 2020. Die damals angesagte Rock-Kapelle „Portugal. The Man“ aus Wasilla/Alaska heizte ein. Der linke Filme-Macher Michael Moore („Bowling for Columbine“) lobte Sanders‘ Versprechen von einer „Revolution“ mit allgemeiner Krankenversicherung und höheren Steuern für die Reichen. Dann kam „AOC“ auf die Bühne und stilisierte den damals 78-Jährigen mit kreischender Stimme zu Amerikas „last best hope“. Der mit Studenten überfüllte Saal rastete beinahe aus.
Sanders mag für den progressiven, sozialdemokratisch orientierten Flügel Amerikas der letzte lebende Säulenheilige sein. Ein Modell für die Zukunft (er wäre bei der nächsten Wahl 2028 stolze 87 Jahre alt) ist er nicht. Erst recht nicht in einer Partei, deren ideologische Spannweite so enorm ist, dass sich unter ihrem Zeltdach sozialistische Umverteiler wie Sanders, aber auch liberale Milliardäre wie J.B. Pritzker, der Gouverneur von Illinois, wiederfinden.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Offenkundig ist aber, dass es keiner der gemäßigteren Kandidaten, die das Potenzial haben, 2028 gegen Trumps Erben anzutreten, bislang geschafft hat, eine ähnlich große und treue Anhängerschaft wie Sanders aufzubauen; geschweige denn diese ganz besondere Euphorie auszulösen, die Volkstribun Sanders mit seinen fuchtelnden Fingern am Rednerpult erzeugt.
Viele Demokraten denken: Sanders polarisiert zu sehr
Leute wie Josh Shapiro, der Gouverneur von Pennsylvania, Pete Buttigieg, Ex-Transportminister in der Regierung Biden, oder Gavin Newsom, der Gouverneur von Kalifornien, fremdeln mit dem Habitus des Alten. Sie glauben, Sanders polarisiere am Ende zu sehr und würde bei einer Wahl noch schlechter abschneiden als weiland Kamala Harris.
Die Frage ist ohnehin, wie nachhaltig der Polit-Wanderzirkus ist, mit dem Sanders und „AOC“ ihre Anti-Milliardärs- und Pro-Demokratie-Botschaft verbreiten. Gelingt es ihnen, eine echte Graswurzel-Bewegung zu etablieren? „Vorübergehende Begeisterung in eine ausdauernde Kampagne zu überführen“, sagen demokratische Analysten in Washington, „ist unter den heutigen Bedingungen schwer.“
News aus den USA
Während Alt-Strategen wie der frühere Clinton-Berater James Carville ihrer Partei raten, sich einstweilen „tot zu stellen“ und auf die selbstzerstörerischen Impulse Trumps zu warten, hält Sanders rhetorischen Widerstand für die erste Bürgerpflicht, um der Trump-Regierung Kontra zu geben.
Dabei spielt der 5. April eine Schlüsselrolle. An jenem Samstag haben diverse Bürger- und Menschenrechtsgruppen wie „MoveOn“ und die „Working Families Party“ unter dem Motto „Hände weg“ zum nationalen Aktionstag aufgerufen. Erklärtes Ziel der Initiatoren ist es, so viel Druck aufzubauen, dass Präsident Trump sich bald gezwungen sehen könnte, das brutale Spar-Regime der „Doge“-Truppe um Elon Musk aufzugeben, dem zehntausende Staatsdiener bereit zum Opfer gefallen sind. Bernie Sanders wird dann wieder dort stehen, wo er sich am wohlsten fühlt: am Rednerpult.









