Razzien im rechtsextremen Milieu mitsamt umfangreicher Waffen- und Devotionalienfunde sind in Österreich zu einer gewissen Routine geworden. Auch über einen hohen Organisationsgrad wundert man sich hier kaum mehr. Und auch nicht, wenn dann Verbindungen zu politischen Parteien bekannt werden. Die Razzia vom vergangenen Freitag jedoch sticht heraus. Bisher war es vor allem um Gruppen gegangen, die sich auf einen gewissen Tag vorbereitet haben, Waffen horteten, im Hintergrund Aktionen setzten und Pläne schmiedeten. Doch nun steht eine Gruppe von Menschen im Mittelpunkt, die bereits zur Tat geschritten sind.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Vorgeworfen wird den mindestens 16 Verdächtigen, schwule Männer gezielt in Hinterhalte gelockt, sie verprügelt, gedemütigt und das ganze gefilmt zu haben. Die Rede ist von mindestens 17 Opfern. In zumindest einem Fall steh der Verdacht des versuchten Mordes im Raum. Ausgegangen wird von weiteren Angriffen der Gruppe. Die Ermittler rufen mögliche weitere Opfer auf, sich bei den Behörden zu melden.
Auch in Deutschland: Hasskriminalität gegen queere Menschen nimmt stark zu
Österreich: Laut Polizei sind die Täter sehr koordiniert und immer ähnlich vorgegangen
Bei den Tatverdächtigen handelt es sich um zwölf Männer und drei Frauen sowie eine weitere nicht näher benannte Person im Alter zwischen 14 und 26 Jahren. Ausgegangen wird von einem äußerst hohen Vernetzungsgrad. Hausdurchsuchungen im Umfeld der Gruppe gab es in allen Bundesländern Österreichs außer Vorarlberg und Kärnten. Gefunden wurden neben Beweismitteln zu den unmittelbaren Verdachtsmomenten auch NS-Devotionalien sowie Waffen. Angestoßen wurden die Ermittlungen von der Staatsanwaltschaft Graz. Nun soll entschieden werden, ob über die Verdächtigen die Untersuchungshaft verhängt wird.
Bei ihren Taten sollen die Täter sehr koordiniert und immer ähnlich vorgegangen sein. Laut Polizei erstellten sie Fake-Accounts auf Sozialen Netzwerken, bahnten Kontakt an und versuchten, ihre Opfer zu Treffen zu überreden. Dort tauchten dann jeweils zwischen vier und acht maskierte Täter auf. Ziel war es anscheinend, den Opfern gezielt Verletzungen zuzufügen sowie sie zu erniedrigen, so die Polizei. Die Videos von den Angriffen stellten die Täter schließlich in private Chatgruppen.
Exklusive Politik-Hintergründe – für Sie recherchiert
Wie ein Polizeisprecher sagte, seien die Täter bei diesen Angriffen zunehmend brutaler geworden. Zu den Motiven hieß es seitens der Ermittler, die Verdächtigen hätten „Pädophile“ terrorisieren wollen. Die Gruppe habe sich selbst als „Pedo Hunter“ bezeichnet. Das entspricht einem seit einigen Jahren in einschlägigen Netzwerken existierenden Trend. Bekannt ist auch, dass russische Neonazis seit vielen Jahren auf dieselbe Art und Weise vorgehen – bei Duldung und zum Teil Beihilfe lokaler Behörden. Im aktuellen Fall wird seitens der Ermittler jedenfalls großer Wert darauf gelegt, dass die Gruppe keinesfalls Pädophile, sondern schwule Männer im Visier gehabt habe.
Rechtsextreme Gruppen haben große Veränderungen erlebt
Was die Verbindungen der Täter angeht, so ist wenig bekannt. Klar ist, dass das rechtsextreme Lager in Österreich seit den Corona-Protesten große Veränderungen erlebt. Die Grenzen der rechtsextremen FPÖ (die stärkste Partei im Land), dem außerparlamentarischen Mainstream in Form der sogenannten Identitären Bewegung sowie neonazistischen Splittergruppen wie etwa der „Tanzbrigade Wien“ oder „Defend Austria“ sind verschwommen. Hinweise gibt es auf Verbindungen der Täter zu den beiden letzteren Gruppen.
Laut dem Hasskriminalitäts-Bericht 2023 gab es vor allem bei Verbrechen wegen der sexuellen Orientierung der Opfer in den vergangenen Jahren den massivsten Anstieg unter allen erfassten Hassverbrechen – plus 20 Prozent. Was es bisher nicht gab: Eine gezielte Organisation der Täter.









