Wer AfD-Größen im Wahlkampf begleitet, stößt irgendwann auf einen jungen Mann mit Cappy auf dem Kopf, Handy und Kamera in der Hand. Auf seiner Mütze steht meist „Weichreite“, so nennt sich der rechte Streamer auf Youtube und anderen sozialen Plattformen. „Weichreite TV“ hat mehrere Tausend, teilweise fast 170.000 Fans, die seine Live-Übertragungen von AfD-Events im Internet folgen.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Im vergangenen Sommer trifft der Streamer, der offenbar „Basti“ heißt, einen seiner Lieblinge entlang einer Marktplatz-Veranstaltung: den Rechtsextremisten Björn Höcke. Es ist erst einige Stunden her, da tötete ein Islamist mehrere Menschen auf dem Stadtfest in Solingen. Höcke, mitten im Wahlkampf in Thüringen, darf seine völkischen Parolen loswerden. Kritische Nachfragen bleiben aus, Höcke lächelt. Später verbreitet „Basti“ das Video auf seinen Kanälen. Auf Youtube erreicht der Ausschnitt bis heute mehr als 400.000 Aufrufe. Im Messengerdienst Telegram teilen Szene-Kanäle wie „True Life“ und andere das Video ebenfalls.

Der Fall zeigt: Die AfD nutzt ihre Fan-Gemeinde mit ihren eigenen Medien, überträgt live in den sozialen Medien, teilt und verbreitet die Inhalte schnell und massenhaft. Ein Teil der neurechten Bewegung feiert Höckes Ansage nach dem Solingen-Attentat. Für die meisten Menschen in Deutschland spielt Höcke in diesen Tagen jedoch keine Rolle, das Interview bleibt in der Nische der Extremen.
Vor allem seit der Europawahl im vergangenen Mai baut sich in Deutschland ein Bild auf, das die AfD als die große Social-Media-Partei zeichnet. Als Koloss auf TikTok und Co., der SPD, CDU, Grüne und alle anderen in den Schatten stellt. Millionen Klicks erreichen Videos einzelner AfD-Politiker auf den Plattformen, die vor allem von jungen Wählerinnen und Wählern genutzt werden. Und dann kommen auch noch die Wahlergebnisse: Egal, ob Europa oder Thüringen, die AfD punktet vor allem bei Menschen bis 25 Jahre – der TikTok-Generation.
TikTok, so warnen manche, scheint an die Radikalen verloren. Und damit auch die Stimmen der Jungen für die Demokratie.
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Doch dieser Mythos bröckelt. Darauf weisen Analysten hin, die den jüngsten Bundestagswahlkampf beobachtet haben. Die AfD ist auf TikTok und Co. schlechter als ihr Ruf. Und dennoch hat sie dort weiterhin eine Machtbasis – gefördert durch eifrige Helfer. Menschen wie „Basti“ von „Weichreite TV“.
„Dieser Wahlkampf zum Bundestag hat deutlich gemacht, dass Plattformen wie TikTok nicht an die AfD verloren sind“, sagt Martin Degeling vom Institute for Strategic Dialogue (ISD). Und Marcus Bösch vom Department Information und Medienkommunikation an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg bilanziert: „Die AfD ist nicht mehr der unangefochtene Gigant in den sozialen Medien.“
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Sogar Olaf Scholz erreicht höhere Quote als AfD-Politikerin Alice Weidel
Stattdessen werden andere zu mächtigen Akteuren in den sozialen Medien. Auf Instagram, dem Netzwerk zum Erstellen und Teilen von Fotos und Videos, hat das Profil der Linkspartei von Anfang Januar bis Mitte Februar die Interaktionen mehr als verdoppelt, analysiert der Kommunikationsberater Andreas Rickmann. Die AfD landet auf Platz 4, hinter Grünen und CDU.
Auf TikTok habe die AfD zwar „immer noch die meisten Follows, aber die Konkurrenz holt auf“, halten die Autoren einer aktuellen Wahlkampf-Analyse der Amadeu Antonio Stiftung und des Else-Frenkel-Brunswik-Instituts fest. Die AfD landet auf der Plattform nicht mehr überall auf dem Spitzenplatz, etwa bei den „Likes“ (also der Zustimmung per Klick) ist die Linken-Politikerin Heidi Reichinnek auf Platz 1. Und sogar Noch-Bundeskanzler Olaf Scholz erreicht eine höhere Quote als AfD-Kanzlerkandidatin Alice Weidel.
Ein Arbeitspapier der Otto-Brenner-Stiftung untersucht die Wahlkämpfe im Spätsommer in Thüringen, Sachsen und Brandenburg und zieht das Fazit: „Die digitale Performanz der AfD wird in der Öffentlichkeit häufig überschätzt und hängt stark von medialer Resonanz ab.“
Studie enthüllt: Dieser Politiker war im Wahlkampf bei TikTok am erfolgreichsten
TikTok ist eine App, mit der Nutzerinnen und Nutzer kurze Videos schauen – und vor allem selbst erstellen können. Mehr als 20 Millionen Menschen sind auf der Plattform aktiv, allein in Deutschland. Das ist ein enormes Reservoir an Wählerschaft, auf das die Parteien hier zugreifen können. Vor allem junge Menschen nutzen TikTok – und informieren sich selten in den TV-Nachrichten oder Tageszeitungen über aktuelle Politik, sondern vor allem in diesen sozialen Netzwerken.
Eine bisher nicht veröffentlichte Untersuchung des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) in Jena hat im Wahlkampf gut 5000 TikTok-Profile in den Blick genommen, darunter Direktkandidaten aller großen Parteien, aber auch die Accounts von Politikern aus Landesverbänden. Eine Liste der Videos, die am meisten angeschaut wurden, zeigt Christian Lindner von der FDP ganz oben – mit mehr als 38 Millionen „Views“. Dahinter folgen Videos von Scholz und Reichinnek. Erst dann kommt die AfD-Fraktion, ihr stärkstes Video schauten knapp sechs Millionen Nutzer.
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„Die Dominanz der AfD scheint vorbei. Sowohl bei Likes, bei Kommentaren und der Anzahl der Follower ließen sich kaum noch große Unterschiede zu den anderen großen Parteien finden. Vor allem die Linke war auf einem ähnlichen Niveau wie die AfD“, sagt Christian Donner, Senior Data Scientist am IDZ.
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Linken-Kandidatin Reichinnek wurde im Wahlkampf zur medialen Gegenspielerin von Alice Weidel und Co. Doch Social-Media-Kanzler Scholz? Davon war im Wahlkampf wenig zu lesen und zu hören. Stattdessen kämpfte der Kanzler mit seinen Kommunikationsdefiziten. Für die AfD läuft das anders. Ihre Erfolge auf TikTok, Instagram und Co. schlagen hohe Wellen. Als der damalige EU-Spitzenkandidat Maximilian Krah „Dating-Tipps“ für „echte rechte Männer“ gab, berichteten viele Medien groß. Krah wurde zum Symbol einer extrem rechten Dominanz in den sozialen Netzwerken.
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Zugleich, so sagen es Fachleute, entstand ein verzerrtes Bild eines vermeintlichen AfD-Monopols – ein Image, das für andere Parteien schwer zu durchbrechen war. „Der Erfolg von Krah basierte zu großen Teilen auf medialen Hypes der klassischen redaktionellen Medien“, sagt Politikberater und Medienanalyst Martin Fuchs.
AfD auf TikTok schwächen: Das gelingt anderen Parteien immer besser
Beim Brechen dieses Bildes halfen die Nutzerinnen und Nutzer selbst. „Reclaim TikTok“, so hieß eine Video-Kampagne, mit der sich Aktivistinnen aus dem Umfeld der Klimaorganisation „Fridays For Future“ die Plattform „zurückholen“ wollen von den Rechten.
Auch die anderen Parteien halten immer besser dagegen. Wer tiefer einsteigt in die Analyse, sieht aber: Erfolg und Misserfolg hängen von der Plattform ab – und teilweise von einzelnen Parteiverbänden und Politikern.
Die Untersuchung der Otto-Brenner-Stiftung analysierte die digitalen Landtagswahlkämpfe der AfD in Thüringen, Sachsen und Brandenburg anhand maschineller und qualitativer Methoden. „Viele AfD-Accounts sprechen eher ältere Generationen an, als dass sie Inhalte produzieren, die für eine junge Zielgruppe relevant wären“, bilanzieren die Autoren. „Repräsentativer sind Accounts, die durch ihren Amateurismus auffallen und wohl auf diese Weise auch Identifikationsmomente schaffen.“

AfD-Auftritte bei TikTok und Co. wirken „wenig koordiniert“
Die AfD feiert also nicht durch ihre professionelle Social-Media-Kampagne Erfolge – sondern durch ihre amateurhaften Posts? Bei SPD, Union und Co. haben die Wahlkampfstrategen in den letzten Monaten „gezielt aufgebaut und gefüttert“, sagt Christian Donner vom IDZ. Die CDU habe mittlerweile deutlich bessere Zahlen auf den offiziellen TikTok-Profilen. Bei der AfD wirke die Social-Media-Strategie dagegen „wenig koordiniert“, AfD-Politiker würden Inhalte der Partei nicht in der Frequenz weiterleiten, wie es andere Parteien machen, das zeige die IDZ-Analyse.
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In den Parteizentralen von SPD, CDU und Grünen brüten die Wahlkampfstrategen an Konzepten, um der Macht der AfD entgegenzutreten. Offenbar mit ersten sichtbaren Erfolgen. Zugleich wird eines immer deutlicher: Das vermeintlich Amateurhafte der AfD ist auch ihre Stärke. Vor allem, weil die rechte Partei es so schaffe, die Nutzerinnen und Nutzer stärker einzubinden. „Die Interaktion zwischen Partei und Anhängerschaft ist viel enger“, sagt Johannes Steup von der Universität der Bundeswehr in München.
Dabei spielen sogenannte „Fan-Accounts“ in den sozialen Medien eine zentrale Rolle, also Profile von echten oder vermeintlichen Anhängern der AfD. Sie kommentieren, teilen und bewerten Videos der Partei. Die Analyse der Amadeu Antonio Stiftung fanden heraus, dass die Parteien zwischen 74 (BSW) und 873 (SPD) solcher inoffiziellen Accounts registrierten. Für die AfD waren es im selben Zeitraum 12.790.

Social Media: AfD kann sich auf Tausende digitale Wahlhelfer verlassen
Auch die Universität Potsdam untersuchte die Wahlkämpfe in den ostdeutschen Bundesländern im Spätsommer und kam zu dem Ergebnis: Mehr als 85 Prozent ihrer Sichtbarkeit bei Erstwählerinnen und Erstwählern erreichte die AfD über diese inoffiziellen Kanäle.
Ebenso die Analyse von ISD bestärkt die Macht der Fan-Profile. Das Institut baute für eine Untersuchung mehr als ein Dutzend künstliche Accounts von Nutzerinnen und Nutzern auf, jeweils mit verschiedener politischer Einstellung, von links bis rechts. Neun von 13 dieser Probe-Persona bekamen von der Plattform TikTok als erstes Inhalte der AfD eingespielt – allerdings nicht von offiziellen Partei-Profilen, sondern ausschließlich von Fan-Accounts. Die AfD kann sich auf ihr politisches Vorfeld verlassen, auf Tausende digitale Wahlhelfer.
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„Denkmal der Schande“: Experte erkennt bei der AfD „strategische Skandalisierung“
„Wir befinden uns nicht mehr im massenmedialen Zeitalter, sondern in der Plattform-Ära. Und darauf hat die AfD am schnellsten reagiert und sich ein Netzwerk an Anhängern in verschiedenen sozialen Medien aufgebaut“, sagt Marcus Bösch von der HAW in Hamburg. „So mobilisiert die Partei in die Breite.“
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Dabei gehe es nicht in erster Linie um politische Inhalte, sondern vor allem um Emotionen. „Sie sind das stärkste Werkzeug auf der Plattform TikTok“, sagt Bösch. Der Mainzer Medienforscher Simon Kruschinski stellt bei der AfD eine „strategische Skandalisierung“ fest. Wenn Parteipolitiker etwa davon reden, Menschen an der deutschen Grenze mit Gewalt zurückzudrängen oder das Gedenken an die Ermordung der Juden durch die Nationalsozialisten als „Denkmal der Schande“ bezeichnen. Es sind nach Einschätzung von Fachleuten Äußerungen, mit denen gezielt Aufmerksamkeit generiert werden soll – eine wichtige politische Währung der Plattform-Ära. Vielleicht die wichtigste.









