Der nordkoreanische Führer Kim Jong Un machte es noch geheimnisvoll: Die Armee und das Volk Nordkoreas würden die „gerechte Sache der russischen Armee“ weiter unterstützen im Geist der strategischen Partnerschaft, erklärte Kim vor kurzem so pathetisch wie vage. Jetzt ist klar, was er meinte: Kim schickt dem russischen Präsidenten Wladimir Putin weitere Soldaten für den Ukraine-Krieg. Und seine Truppen, die schon in Russland sind, kehren zurück an die Front. Der Westen ist alarmiert.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Bis zu 3000 Soldaten zusätzlich wurden seit Anfang Februar per Schiff und Flugzeug nach Russland gebracht. Die genaue Zahl werde gerade ermittelt, berichtet der Nationale Geheimdienst Südkoreas, der wichtigste Nachrichtendienst des Landes. In einem ersten Schub waren im vergangenen Herbst etwa 12.000 Soldaten in Russland angekommen. Die Truppen erlitten im Kampf gegen ukrainische Einheiten anfangs hohe Verluste, etwa 4000 Soldaten sind nach ukrainischen Angaben verwundet oder gefallen. Im Januar zogen sich die Einheiten von der Front in der russischen Region Kursk zurück – aber nur für eine Neugruppierung.

Kim hat, anders als zunächst vermutet, einige seiner besten Soldaten geschickt: Darunter Kämpfer einer Spezialeinheit, die unter westlichen Militärs als „Storm Corps“ bekannt ist. Ihre Soldaten gelten als besonders diszipliniert, loyal und belastungsfähig, sie sind für die Infiltration und Sabotage in Südkorea ausgebildet. „Nach einer einmonatigen Pause wurden die nordkoreanischen Truppen ab der ersten Februarwoche wieder in die Frontregion um Kursk zurückverlegt“, stellt der südkoreanische Geheimdienst nun klar.
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Experte: „Wir dürfen nordkoreanische Soldaten nicht unterschützen“
Dass Kims Soldaten ihren Einsatz aufgegeben hätten, wie zeitweise spekuliert wurde, war also ein Irrtum: „Wir dürfen die nordkoreanischen Soldaten nicht unterschätzen“, sagt der Sicherheitsexperte Andras Racz von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin unserer Redaktion. „Sie haben viele Soldaten verloren, aber sie sind entschlossen, sie sind gute Kämpfer und sie lernen schnell“. Dass Russland zügig auf weitere Kontingente setzt, hat Racz deshalb nicht überrascht.
Nur wenige dieser Soldaten konnte die ukrainische Armee bei Gefechten gefangen nehmen, weil sich Kims Männer in der Regel durch Handgranaten selbst töten, bevor sie in die Hände des Gegners gelangen können. Zwei Nordkoreaner haben sich in einem ukrainischen Kriegsgefangenlager erstmals öffentlich geäußert – und geben Einblick in Kims Lügen- und Zwangssystem.

„Mir wurde gesagt, dass ich als Student zur Ausbildung dorthin gehen würde“, schildert einer der Soldaten seine Reise nach Russland in dem Interview, das die südkoreanische Zeitung Chosun Ilbo führen konnte. „Ich hatte keine Ahnung, dass ich an Kampfhandlungen teilnehmen würde“. Erst in der Region Kursk sei seine Gruppe über den Kriegseinsatz informiert worden. Der Mann berichtete, er sei zusammen mit etwa 2500 anderen Soldaten im Oktober mit dem Zug, mit dem Flugzeug und dem Bus nach Russland gebracht worden. Sie trainierten erst in Wladiwostok, Mitte Dezember kamen sie in der Region Kursk an.
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Perfide Lüge: Nordkoreaner dachten, sie kämpften gegen Südkoreaner
In jedem Bataillon hätten ein oder zwei Sicherheitsbeamte des Ministeriums für Staatssicherheit die Soldaten überwacht, sowohl mit Blick auf ihre Pflichten als auch auf ihre Ideologie. „Vor dem Kampf sagte einer von ihnen, dass alle Drohnenpiloten des ukrainischen Militärs südkoreanische Soldaten seien.“ Dass also Nordkoreaner gegen Südkoreaner kämpften, hätten auch alle geglaubt. Einige seiner Kameraden hätten sich beim Einsatz in die Luft gesprengt, um einer Gefangennahme zu entgehen: „Sie hinterließen nichts als kopflose oder halb zerfetzte Körper.“
Der andere Soldat, ein Scharfschütze, sagte, der Kontakt zwischen nordkoreanischen und russischen Truppen sei minimal gewesen – und sei mit Hilfe von Übersetzungs-Apps vom Smartphone abgewickelt worden. Die Kommunikation habe hauptsächlich auf Kommandoebene stattgefunden.
Die Vorbereitung wird im Interview so geschildert: „Es war unsere erste echte Kampferfahrung. Von Beginn des Trainings an ging es nicht nur um körperliche Ausdauer. Es war ideologisch.“ Bergmärsche, Ausdauerübungen, Schießübungen, all das sei von purer Willenskraft angetrieben worden. „Aufgeben galt als schändlich, also trainierten wir, als hinge unser Leben davon ab.“
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Anfangs waren die Soldaten nicht auf moderne Kriegsführung vorbereitet. Sie stürmten nach Berichten ukrainischer Kommandeure die ukrainischen Stellungen frontal in Gruppen zu Fuß mit 20 bis 60 Mann „wie im Zweiten Weltkrieg“ und erlitten schwere Verluste. Vor allem wussten sie nicht, wie sie sich bei Angriffen ukrainischer Killerdrohnen verhalten sollten. „Wir haben eine Grundausbildung erhalten, aber es gab keine spezielle Strategie für den Drohnenkrieg“, sagte einer der beiden Kriegsgefangenen. „Wir haben nie gelernt, wie man sie effektiv abschießt.“ Doch die Truppen lernten nach Berichten des ukrainischen Militärs schnell.
Kim hilft Putin in seinem Angriffskrieg auch mit umfangreichen Waffenlieferungen, darunter bislang sechs Millionen Artillerie-Granaten, inzwischen aber auch Mehrfach-Raketenwerfer und Haubitzen, die die russische Feuerkraft deutlich verstärken. „Durch die Unterstützung kann Nordkorea wertvolle Erkenntnisse bezüglich der praktischen Wirksamkeit seiner Waffensysteme sammeln“, erklärt der Asienexperte Eric Ballbach vom Deutschen Institut für Internationale Politik und Sicherheit.

Außerdem verschaffe sich die Armee direkte Kampferfahrung – die fehlt Kims Soldaten seit dem Waffenstillstand auf der koreanischen Halbinsel 1953. Seine Hilfe lässt sich der Diktator gut bezahlen. Für jeden entsandten Soldaten überweist ihm Putin nach Angaben des südkoreanischen Geheimdienstes monatlich 2000 Dollar. Putin schickt auch Nahrungsmittel, Öl und moderne Waffentechnologie.

Für den Westen ist die immer intensivere Zusammenarbeit zwischen Russland und Nordkorea eine schlechte Nachricht. Die Nato ist beunruhigt: „Der Indo-Pazifik ist nun mit dem europäischen Kriegsschauplatz verbunden – auf eine Weise, die niemand für möglich gehalten hat“, sagt ein führender Militär im Nato-Hauptquartier in Brüssel. „Das hat gewaltige Konsequenzen.“ Nato-Generalsekretär Mark Rutte macht vor allem Sorgen, dass Russland im Gegenzug Nordkorea bei seinen Raketen- und Nuklearprogrammen unterstütze. Aus Sicht der Nato besteht das Risiko, dass Pjöngjang die Raketen gegen regionale Partner wie Südkorea und Japan richtet, aber auch gegen Europa oder die USA.







