Der Linken-Politiker Bodo Ramelow hat es als schwerste Entscheidung seines Lebens bezeichnet, ob seiner krebskranken Mutter die medizinischen Geräte abgestellt werden. In einer anthroposophischen Klinik habe ein Arzt den Satz gesagt, „es ist so weit, ich muss Sie darauf aufmerksam machen, aus medizinischer Sicht können wir nichts mehr tun“, berichtete Ramelow im Podcast „Meine schwerste Entscheidung“. „Und ich muss mit Ihnen darüber reden, die Geräte abzuschalten.“ Diese Situation habe ihn „an die Grenzen auch des selbst Ertragbaren gebracht“, sagte er. „Ich stand da im Flur, habe mich dann erstmal hingesetzt und habe erstmal eine Viertelstunde gar nichts mehr gesagt.“

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Der schnelle Tod seiner Mutter – sie starb nach Weihnachten 1988 im Alter von 65 Jahren – habe ihm und seinen drei Geschwistern die Entscheidung letztlich erspart. Seine Mutter habe „entschieden zu gehen“, sagte der 69-Jährige, der zu einem der Vizepräsidenten des Bundestages gewählt worden ist. „Das heißt, die Geräte wurden nicht abgestellt. Sie ist gestorben.“ Er sei erleichtert gewesen, dass „der liebe Gott mir die Entscheidung abgenommen hat“. Er fügte hinzu: „Ich weiß intellektuell, dass ich mich für den Arzt entschieden hätte. Aber zwischen intellektuell wissen, also rational über eine Situation zu reden, und emotional sie aushalten zu müssen, liegen Welten.“

Ramelow warnt: In Ostdeutschland liegt die Zahl der Suizide über dem Durchschnitt
Ramelow sprach sich in diesem Zusammenhang dafür aus, die Regeln zur Sterbehilfe zu lockern. „Die Möglichkeit muss für den Einzelnen selbst bestimmbar sein“, so der frühere Ministerpräsident von Thüringen. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das 2020 die geltende Regelung zur Sterbehilfe gekippt hatte, gebe der Politik den Auftrag, „deutlichere Entscheidungen“ zu treffen.
Bisher veröffentlichte Podcasts:
- Habeck über bittere Ukraine-Erkenntnis: „Haben Fehler gemacht“
- Wagenknecht: „Gab Momente, wo ich dachte: Brich das ab“+
- Jens Spahn: Für meinen Mann war mein Amt eine Belastung
- Cem Özdemir: So werde ich durch türkische Nationalisten bedroht
- Die Wohnung der Bundestagspräsidentin ist kleiner als ihr Büro
- „Das Problem fängt mit Olaf an und hört mit Scholz auf“
- Daniel Günther: Markus Söder mangelt es an Selbstbewusstsein
- Ricarda Lang: „Junge Frauen sollen sein wie alte Männer“
- Lars Klingbeil: Auf seinem Heft stand mit Edding „Zivilversager“
- Lauterbach: „Krebsrisiko steigt schon mit dem ersten Glas Wein“
- Laschet kritisiert Merkels Corona-Kurs: „Das war nicht klug“
Ramelow gehe von der Überlegung aus: „Was sind die Bedingungen, um leben zu können und wann fangen die Bedingungen an, dass der noch Lebende zur Last wird und damit ein Druck entsteht, dass der sich das Leben nimmt?“ Er verwies darauf, dass Ostdeutschland „ein weit über dem Durchschnitt liegendes Gebiet mit Suiziden“ sei. Man könne nicht ausblenden, dass Menschen sich das Leben nähmen, weil sie darin keinen Sinn mehr sähen.
Sterben in Würde: Ramelow verlangt anderen Umgang mit dem Tod
Er beschäftige sich persönlich sehr ernsthaft mit dem Thema, sagte Ramelow. Die Vorstellung, sich „irgendwie in einem Siechtum mich zu bewegen oder meine Erinnerung zu verlieren“, sei für ihn bedrückend. Daher stelle sich die Frage, „ob ich nicht vorher dann lieber die Entscheidung treffen möchte, das nicht zu erleben“. Er habe „Freunde verloren, die am Ende keine Erinnerung mehr hatten, wer mit ihnen redet“. Ramelow sprach sich für eine „Kultur des Sterbens“ aus. Davon habe sich die Gesellschaft zu sehr entfernt. „Wir haben Sterben als Normalität verloren. Es wird als Anomalie gesehen. Aber Sterben ist am Ende unseres Lebens.“
Den Podcast „Meine schwerste Entscheidung“ können Sie hier hören und auf allen gängigen Streaming-Plattformen wie Spotify, Apple Podcast und Amazon Music. Neue Folgen erscheinen jeden zweiten Donnerstag.
Anzeige





