Es geht um Werte, um sozialen Zusammenhalt und natürlich auch um den Sport – und dafür opfert Ulrike Martus ihre Freizeit. Denn wenn sie gegen eins von ihrem Job bei der Bundesagentur für Arbeit nach Hause kommt, startet sie in den ehrenamtlichen Teil des Tages, und der findet in der Turnhalle statt: Montags um 16 Uhr, mittwochs um 15 Uhr und freitags schon um halb zwei. Zu Hause ist sie erst wieder um halb sieben. Und dann sind da noch die Trainingsvorbereitungen, die macht sie irgendwann dazwischen. „Irgendwann“, sagt sie, „könnte mein Mann auch mal sagen: Ähh, sag a mal?“

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Ulrike Martus ist Turntrainerin beim TSV Asperg. Das Städtchen Asperg in der Nähe von Stuttgart ist einer dieser zahlreichen Orte in Deutschland, wo der Sportverein der Kitt für das gesellschaftliche Zusammenleben ist. 2000 Mitglieder, elf Abteilungen bei 13.000 Einwohnern. Das heißt: Mehr als jeder Sechste gehört dazu.

Trainerin: Wir kritisieren viel, aber am Ende freuen wir uns alle

So wie Martus steckt auch Entwicklungsingenieurin Lisa Cross ihre Freizeit seit 25 Jahren in den Verein. Nach der Arbeit und am Wochenende bewegen die Frauen in verschiedenen Gruppen Mädchen im Alter von fünf bis 19 Jahren.

„Man kann vom Turnen sehr viel ins Privatleben mitnehmen“, sagt Cross. „Turnerinnen sind zum Beispiel sehr kritikfähig. Wir Trainerinnen machen eigentlich nichts anderes als kritisieren: Streck die Beine! Streck die Füße! Mach dies anders, mach das besser! Aber wenn die Mädels es dann schaffen, freuen wir uns gemeinsam mit ihnen umso mehr.“

Selbst ein Teil dieser sichtbaren Erfolge zu sein, gibt Cross die Motivation für ihr Ehrenamt: „Das ist das Schöne daran: Mitzuwirken und den Kindern helfen, zu wachsen.“ Für die Trainerinnen ist es entscheidend, dass sich dieses Wachstum nicht nur auf den Sport bezieht.

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Teamarbeit: Ulrike Martus (r.) und Lisa Cross (l.) ist der Erfolg der Turnerinnen ebenso wichtig wie die persönliche Entwicklung. © Alex Kraus | Alex Kraus

So erklärt Martus: „Es ist mir wichtig, gewisse Werte weiterzugeben und zu sagen: Das Leben ist nicht nur Kampf und Druck gegen Andere, sondern das beinhaltet mehr. Sozialer Zusammenhalt, soziales Engagement.“

Disziplin vom Turnen hilft in der Schule

Natürlich sei beim Turnen Disziplin gefordert. Das helfe den jungen Sportlerinnen in ihrer Alltagsentwicklung und bei den schulischen Leistungen. „Das fördert das Selbstbewusstsein“, sagt Cross.

Beim TSV Asperg legen sie großen Wert darauf, dass alle Vereinsmitglieder sich sicher fühlen. Ende Dezember wurden schwere Vorwürfe von Turnerinnen aus dem Umfeld des Stuttgarter Leistungsstützpunktes öffentlich, in denen es unter anderem um mentalen Druck und emotionale Abhängigkeit geht. Die Sportart Turnen ist von ihrem Wesen gewiss anfällig dafür, doch die Trainerinnen in Asperg reagierten zügig.

„Wir haben in der Woche drauf sofort einen Elternabend gemacht und ganz offen kommuniziert, wie wir arbeiten“, erklärt Martus. „Die Eltern haben von uns das Angebot, bei jeder Einheit in der Halle zu sitzen und zuzuschauen, was wir mit den Kindern machen.“ Außerdem habe der Verein Stellen eingerichtet, an die sich die Kinder wenden können, wenn etwas nicht in Ordnung sei.

Beim TSV Asperg sind sie schon ehrgeizig und streben nach Erfolgen, aber die Trainerinnen sind sich ebenso ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst. Deshalb würden sie sich jedoch über mehr Unterstützung aus der Politik freuen.

Sportverein: Trainerin wünscht sich Erhöhung der Übungsleiterpauschale

Und da ist die Wunschliste lang: Zu wenig Hallenzeiten für den Verein, zu wenig Unterstützung von der Gemeinde. Der Frust bei Vereinsvertretern sei jedenfalls groß. In Asperg, immerhin, soll bald eine neue Halle gebaut werden, die auch die Turnerinnen nutzen können.

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Und dann geht es auch um Geld: Die Politik solle jetzt dafür sorgen, dass das Ehrenamt attraktiver sei, etwa durch eine Erhöhung der Übungsleiterpauschale. Derzeit dürfen über nebenberufliche Tätigkeiten wie die einer Übungsleiterin im Sport bis zu 3000 Euro im Jahr steuerfrei hinzuverdient werden.

Ehrenamt für viele auch Aufstockung zum Gehalt

Das bedeutet in der Regel eine Aufwandsentschädigung von 250 Euro im Monat. Trainerinnen wie Ulrike Martus stehen bis zu zehn Stunden pro Woche in der Sporthalle, hinzu kommen die Tätigkeiten drumherum wie Trainingsplanung, organisatorische Tätigkeiten und Elternkommunikation. Von einem Stundenlohn könne da keine Rede sein.

Dabei sei für die Neugewinnung von Trainern eine angemessene finanzielle Unterstützung wichtig, vor allem, wenn das Ehrenamt parallel zu einem Studium ausgeübt werde. Die Pauschale decke keinesfalls „die Zeit, die wir reinstecken, ab“, sagt Martus, setzt aber gleich hinterher, sie sei nicht wegen des Geldes Trainerin, sondern aus Liebe zum Sport.

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Trainerin: „Es gibt andere Möglichkeiten als Gewalt“

Obendrein sei der Sport wichtig für die Entwicklung: „Wir müssen den Kindern zeigen: Es gibt durchaus noch Möglichkeiten, eure Freizeit zu gestalten außerhalb von einer virtuellen Welt, außerhalb von Gewalt. Es gibt andere Möglichkeiten, Aggressionen abzubauen.“ Da könne Sport präventiv sehr gut wirken, sagt sie. „In der Sportförderung müsste noch viel mehr passieren.“

Vor allem in ihrer Hauptarbeitsstelle bei der Bundesagentur für Arbeit erlebt die Turntrainerin, „was da unter Kindern und Jugendlichen an Gewalt unterwegs ist. Es gibt einen Riesenbedarf, die Kinder in die andere Richtung zu lenken.“

Den Kindern Sinn geben, Stärke, Selbstbewusstsein. Etwas, was sie weiter bringt: Das sehen die beiden Trainerinnen als ihre Aufgabe, dafür opfern sie ihre Freizeit. Jetzt werde es Zeit, dass die Politik den Wert ihrer ehrenamtlichen Arbeit auch anerkenne.