Ukraine-Krieg

Darum will Polen die deutschen Patriot-Systeme nicht mehr

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Jan Dörner
Reportage aus der Ukraine: Aljonas Ehemann wurde von Russen getötet – sie überlebt

Reportage aus der Ukraine- Aljonas Ehemann wurde von Russen getötet – sie überlebt

Unser FUNKE-Reporter Jan Jessen war erneut in der Ukraine. Dort traf er Mitte November Aljona – sie wurde mit ihrem Ehemann verhaftet und misshandelt. Ihr Mann überlebte das nicht.

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Deutschland will Polen bei der Luftverteidigung helfen. Die Regierung in Warschau schlägt nun vor, die Waffen an die Ukraine zu geben.

Berlin. Die Bundesregierung unterstützt Polen mit Patriot-Raketenabwehrsystemen, um den Luftraum des Nato-Partners zu schützen. Die Regierung in Warschau zeigte sich zunächst dankbar für das Angebot. Nun sprach sich Polens Verteidigungsminister Mariusz Blaszczak jedoch dafür aus, die Systeme in der Ukraine zu stationieren. Eine Antwort der Bundesregierung steht noch aus. Die FDP-Verteidigungspolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann äußerte sich verwundert über den Vorstoß Polens.

Ukraine: Warum bietet Deutschland Polen diese Hilfe an?

In dem nahe an der Grenze zur Ukraine liegenden polnischen Dorf Przewodow war am 15. November eine Rakete eingeschlagen und hatte zwei Menschen getötet. Die Nato geht davon aus, dass es sich dabei um eine ukrainische Flugabwehrrakete handelte, die zur Verteidigung russischer Luftangriffe eingesetzt wurde und versehentlich in Polen landete. Russland hatte die Ukraine an dem Tag massiv bombardiert. Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) hatte daraufhin gesagt, die Nato müsse ihre Luftverteidigung verbessern.

Wie will Deutschland Polen bei der Luftverteidigung unterstützen?

Lambrecht kündigte nach einem Gespräch mit Blaszczak am Montag an, Deutschland werde Patriot-Flugabwehrsysteme nach Polen schicken und das Land bei der Absicherung des polnischen Luftraums mit unterstützen. Einzelheiten müssten noch geklärt werden. Blaszczak kommentierte dies mit „großer Zufriedenheit“ und kündigte an, das Patriot-System in der Nähe von Polens Grenze zur Ukraine zu stationieren.

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Hätten die Patriot-Systeme den Einschlag aus der Ukraine verhindern können?

Zu diesem konkreten Fall äußert sich das Bundesverteidigungsministerium nicht, dies sei „aufgrund der Vielzahl an beeinflussenden Faktoren und aus Gründen der Militärischen Geheimhaltung nicht möglich“. Das System wird zur Abwehr von Angriffen mit Flugzeugen, taktischen ballistischen Raketen kurzer Reichweite und Marschflugkörpern eingesetzt. Russland setzt für seine Angriffe auf die Ukraine allerdings auch kleinere Waffen wie Drohnen ein, die in geringerer Höhe fliegen.

Wie funktioniert das System?

Das Patriot-System gilt als modern und leistungsfähig. Ein Radar erkennt ein Flugobjekt, nach Angaben der Bundeswehr können bis zu 50 Ziele gleichzeitig kontrolliert und bis zu fünf Ziele in einer Reichweite von knapp 70 Kilometern gleichzeitig bekämpft werden. Ist ein Objekt als feindlich identifiziert, kann es mit einem Lenkflugkörper abgeschossen werden.

Warum will Polen die Systeme nun in der Ukraine stationieren?

Verteidigungsminister Blaszczak reagiert damit auf die erneuten massiven russischen Raketenangriffe auf die Ukraine. Die Patriot-Batterien sollten an der Westgrenze der Ukraine aufgestellt werden. „Dies würde es ermöglichen, die Ukraine vor weiteren Opfern und Stromausfällen zu bewahren und die Sicherheit an unserer Ostgrenze zu erhöhen“, schrieb Blaszczak auf Twitter. Er habe die Bitte zur Stationierung der Patriot-Systeme in der Ukraine an die Bundesregierung gerichtet.

Wird die Bundesregierung der Aufforderung nachkommen?

Bisher hat sich die Bundesregierung nicht dazu positioniert. Ihr ursprüngliches Angebot lautete, den Luftraum des Nato-Partners Polen mit einem dort stationierten System zu verteidigen. Die Regierung in Polen schlägt nun vor, die Patriot-Systeme in der Ukraine zu stationieren, um den ukrainischen Luftraum zu verteidigen. Bisher war die Bundesregierung zurückhaltend, bestimmte Nato-Waffen an die Ukraine zu liefern. Die Bedienung des Patriot-Systems gilt zudem als schwierig ohne die entsprechende Ausbildung.

„Klar macht das Sinn der Ukraine auch dieses System zu liefern, sofern sie es mit ihren Soldaten bedienen können“, sagte die FDP-Verteidigungspolitikerin Strack-Zimmermann unserer Redaktion. Sie glaube allerdings, dass das Angebot von Lambrecht an Polen anders gedacht gewesen sei. „Kurios wie man so aneinander vorbeireden kann“, fügte die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Bundestag hinzu.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj fordert seit langem Unterstützung des Westens gerade beim Thema Luftabwehr. Deutschland hat der Ukraine Flugabwehrpanzer vom Typ Gepard sowie bislang ein Exemplar des hochmodernen Systems Iris-T geliefert. Drei weitere sollen kommendes Jahr folgen. Die Bundeswehr bildet zudem ukrainische Soldaten in Deutschland an dem Iris-T-System aus.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.