USA

Mike Pence: Warum er sich für den besseren Trump hält

| Lesedauer: 6 Minuten
Dirk Hautkapp
Trump will bei Präsidentschaftswahl 2024 erneut antreten

Trump will bei Präsidentschaftswahl 2024 erneut antreten

Zwei Jahre nach seiner Abwahl hat der frühere US-Präsident Donald Trump eine neue Präsidentschaftskandidatur zur Rückeroberung des Weißen Hauses angekündigt. In seiner mehr als einstündigen Rede im Ballsaal von Mar-a-Lago zeichnete der 76-jährige Rechtspopulist ein düsteres Bild von der Lage der USA.

Video: Wirtschaft und Finanzen, Politik
Beschreibung anzeigen

Ex-Vizepräsident Mike Pence will voraussichtlich 2024 seinem früheren Boss, Donald Trump, Paroli bieten. Wie seine Chancen stehen.

Washington. „So wahr mir Gott helfe”: Es gibt wenige Bücher, bei denen der Titel wie ein auf Maß geschneiderter Messdiener-Anzug zur Hauptperson passt.

Mike Pence, ehedem Vize-Präsident der Vereinigten Staaten am Rocksaum von Donald Trump, also loyal bis zur Selbstaufgabe und in die weiß mellierten Haarspitzen, gehört mit zum Strenggläubigsten, was die Vorgänger-Regierung von Joe Biden zu bieten hatte.

Jetzt macht der 63-Jährige spürbare Verrenkungen, sich selbst für das höchste Staatsamt zu bewerben. Das für solche Zwecke übliche Buch (Siehe oben) ist zeitgleich mit Trumps Kandidatur-Ankündigung für 2024 erschienen und mit 550 Seiten reichlich lang geworden. Pence` forsches Petitum überrascht dennoch: Amerika habe „bessere Kandidaten” zu bieten als Donald Trump, sagt er und meint unter anderem auch sich selbst. Wie bitte?

Pence: Übersetzer und Vermittler ins Lager der religiösen Rechten

Als Trump den ehemaligen Radio-Talkshow-Gastgeber, republikanischen Kongressabgeordneten und Ex-Gouverneur des erzkonservativen Bundesstaates Indiana 2016 an seine Seite berief, war das Stirnrunzeln in Washington groß.

Was will ein mehrfach verheirateter Geschäftsmann, der mehrfach der sexuellen Übergriffigkeit beschuldigt wurde, mit einem Mann aus der prüden Pampa des Mittleren Westens, der Räume meidet, in denen Frauen sind, aber nicht seine eigene? Und der im Wanderprediger-Ton gegen Abtreibungen und die gleichgeschlechtliche Ehe kämpft und danach befragt mit stoischer Miene sagt: „Ich bin ein Christ, ein Konservativer und ein Republikaner, und das in dieser Reihenfolge.”

Pence, das sollte sich bald herausstellen, war in Trumps Jahren im Weißen Haus Übersetzer/Vertrauter/Vermittler ins Lager der religiösen Rechten Amerikas hinein; einer wichtigen Wähler-Bastion.

In dieser Rolle hatte er, der fest daran glaubt, dass der liebe Gott persönlich ihn an die Seite Trumps gestellt hat, so manches Feuerchen für den Chef auszutreten.

Man denke etwa an den Tonband-Mitschnitt, in dem Trump damit prahlt, man könne Frauen einfach mal so zwischen die Beine greifen.

Schon damals, kurz vor der Wahl 2016, entwickelte Pence eine Gabe, die ihn die ganzen vier Trump-Jahre über kennzeichnen sollte: Er hielt ihm 24/7 die Stange, verteidigte ihn gegen jeden und jede Kritik. Und zwar auch dann, wenn es nichts zu verteidigen gab. „Lackey-in-Chief”, nannten in Spötter. Was so viel wie Chef-Speichellecker bedeutet.

Mike Pence blieb als Nr. 2 unpolitisch, versagte sich die eigene Meinung, legte nie Ambitionen an den Tag, sich einen eigenen Kompetenz- und Freiraum zu schaffen.

Sein Lohn: Trump bugsierte drei erzkonservative Richter an den Supreme Court, der im vergangenen Sommer das fast 50 Jahre alte Grundsatzurteil zum bundesweiten Recht auf Abtreibung füsilierte. Für Pence, der findet, dass die Welt gerettet ist, „wenn wir die Babys retten”, einer der schönsten Tage seines Lebens.

Der Gegenentwurf kam in den Tagen vor und nach dem 6. Januar 2021 über den dreifachen Familienvater. Als von Trump inspirierte Horden das Kapitol in Washington stürmten, um die Zertifizierung des Wahlsieges von Joe Biden zu verhindern, lernte Pence seinen Boss von einer anderen Seite kennen: von der des Erpressers.

„Hängt Mike Pence”, hatten einige aus dem Trump-Mob gegrölt

Trump behauptete öffentlich, Pence könne als Vizepräsident Wahlergebnisse aus einzelnen Bundesstaaten einfach ablehnen und so die Beglaubigung des Biden-Wahlsieges hintertreiben. Was komplett gelogen war.

Dennoch schürte Trump am Tag der Schande via Twitter den Volkszorn gegen seinen Stellvertreter: „Mike Pence hat nicht den Mut gehabt, das zu tun, was getan werden sollte.”

Weil sich der meist den betulich-frömmelnden Zeremonienmeister gebende Politiker weigerte, im Sinne Trumps die Verfassung zu verbiegen, musste er am Mittag des 6. Januar von seinen Bodyguards in letzter Minute in Sicherheit gebracht werden. „Hängt Mike Pence”, hatten einige aus dem Trump-Mob gegrölt und einen mobilen Galgen zum Kongress geschafft.

Als das blutige Intermezzo in der Herzkammer der US-Demokratie im Gange war, blieb Trump auch dann noch tatenlos, als er von den Gefahren informiert wurde, in denen sein Vize steckte. Etwas im Sinne von „Geschieht ihm wohl recht”, sagte Trump ausweislich mehrerer Ohrenzeugen.

Spätestens die Rücksichtslosigkeit besiegelte den Bruch zwischen den beiden Männern. Adlatus Pence emanzipiert sich seither von seinem ehemaligen Herrn und Meister, ohne Trump (auch nicht in seinem Buch) auch nur tröpfchenweise mit Gülle zu überschütten.

In regelmäßigen Abständen lässt er Interesse an einer eigenen Präsidentschaftskandidatur erkennen, wissend darum, dass ihm am evangelikal grundierten rechten Rand der republikanischen Partei niemand das Wasser reichen kann. Aber reicht das wirklich für die Kandidatur?

Seit Trump, immer noch Liebling der republikanischen Wählerschaft, das Signal aufgenommen hat, macht er sich über seinen treuen Eckehard von einst lustig und verweist auf dessen Umfragenwerte, die noch weit hinten denen von Florida-Gouverneur Ron DeSantis liegen.

Trump weiß, dass Pence bei beinharten Fans noch immer auf der „Verräter”-Liste steht, weil er seinerzeit für Trump im Kongress nicht die (illegale) Drecksarbeit machen wollte.

Mike Pence rächt sich mit unterkühlter Zurechtweisung. „Ich habe das Gefühl, dass das amerikanische Volk einen neuen Führungsstil will, der von Respekt und Zivilität geprägt ist.” Bei seinen Besuchen im Herzen des Landes habe er festgestellt, dass die Amerikaner an sich gut miteinander auskämen. „Es ist die Politik, die für die Spaltung sorgt.” Zwischen den Zeilen soll das heißen: allen voran Donald Trump.

Dieser Artikel ist zuerst bei morgenpost.de erschienen.