Taliban

Afghanistan: Warum der westlichen Welt neuer Terror droht

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Christian Kerl
Afghanistan: Bundesregierung spricht von "bitteren Entwicklungen"

Afghanistan- Bundesregierung spricht von bitteren Entwicklungen

Angesichts des Einmarsches der Taliban in Kabul hat Regierungssprecher Steffen Seibert von "bitteren Entwicklungen" in Afghanistan gesprochen. Deutschland versuche jetzt, seine Bürger und "so viele der Ortskräfte" wie möglich in Sicherheit zu bringen.

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Wird Afghanistan wieder zur Basis für islamistische Terroristen? Die Verbindungen der Taliban zu Al-Kaida sind enger als behauptet.

Berlin. Noch versucht US-Präsident Joe Biden die Niederlage in Afghanistan schönzureden. Das ursprüngliche Ziel des Militäreinsatzes am Hindukusch sei ja längst erreicht: Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurden neue Attacken auf die USA verhindert.

Künftig könnten die USA islamistische Terrorgruppen wie Al-Qaida auch ohne eine permanente Militärpräsenz effektiv bekämpfen, sagt Biden. Ein gewagtes Versprechen. Tatsächlich dürfte die Bedrohung durch islamistischen Terror in absehbarer Zeit wachsen.

Sicherheitsexperte rechnet mit wachsender Terrorgefahr

Dschihadisten weltweit bejubeln bereits den Sieg der Taliban. „Muslime und Mudschaheddin in Pakistan, Kaschmir, Jemen, Syrien, Gaza, Somalia und Mali feiern die Befreiung Afghanistans und die Einführung der Scharia“, erklärten etwa die Propagandaabteilung von Al-Qaida. Für Al-Qaida und andere Gruppen ist es mehr als nur ein Triumph. „Die Terrorgefahr nimmt zu“, sagt Christian Mölling, Sicherheitsexperte und Forschungsdirektor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), unserer Redaktion.

„Afghanistan könnte zu einer sicheren Operationsbasis für Terroristen werden oder zumindest zu einem Rückzugsgebiet. Wenn sich in Afghanistan sogar ein Terrorregime etablieren sollte, dann würde es ein bis zwei Jahre dauern, bis wir mit signifikanten Terroranschlägen in Europa rechnen müssten müssen“, so Mölling.

Sehr wahrscheinlich, meint Mölling, würde der Westen dann aber schon früher intervenieren – mit gezielten Militärschlägen, unter Einsatz von Drohnen oder Spezialkräften. Beunruhigende Fakten gibt es genug: Die Kooperation zwischen den Taliban und Al-Qaida ist intensiver als offiziell eingeräumt.

Die Verbindung bleibe „eng, basierend auf ideologischer Ausrichtung, Beziehungen, geschmiedet durch gemeinsame Kämpfe und Ehen“, heißt es in einem UN-Report von Fe­bruar 2021. Die Gesamtzahl der Al-Qaida-Kämpfer in Afghanistan gibt der Report mit bis zu 500 an.

Al-Qaida könnte unter den Taliban wieder erstarken

Die Al-Qaida-Führer schwören den Taliban Treue, helfen ihnen mit Expertise bei der weltweiten Geldbeschaffung und bilden ausgewählte Kämpfer im Bombenbau aus. Dafür schützen die Taliban die Terrorgruppe, verbieten ihr aber, unabhängige Operationen in Afghanistan zu unternehmen.

Das US-Finanzministerium beschreibt in einem Memorandum seiner Abteilung zur Bekämpfung von Terrorfinanzierung vom 4. Januar 2021 ebenfalls enge Beziehungen zwischen den Taliban und Al-Qaida. Der alarmierende Befund: Al-Qaida habe seit 2020 an Stärke in Afghanistan gewonnen. Das Grenzgebiet zu Pakistan diene dieser und anderen Gruppen als „sicherer Hafen“.

Dabei war im Abkommen zwischen den Taliban und der US-Regierung im Februar 2020 vereinbart worden, dass Al-Qaida und andere Terrorgruppen, „die die Sicherheit der USA und ihrer Verbündeten gefährden“, keinen Unterschlupf mehr in Afghanistan bekommen. Hintergrund: Die Taliban-Führer: Das mächtige Quartett der Gotteskrieger

Trotz der Widersprüche hält die US-Regierung an der Einschätzung fest, man habe die Lage im Griff. Die USA hätten heute weitaus bessere Fähigkeiten als 2001, um gegen Terroristen vorzugehen: Von einem Spionagenetzwerk, starker Abhörtechnik bis zu Angriffen mit Drohnen und Marschflugkörpern. So wie jetzt schon in Somalia oder im Jemen. Doch herrscht die Einschätzung vor, die Taliban wollten alles vermeiden, was eine erneute Militärintervention der USA provozieren könnte.

Ein Taliban-Sprecher versichert: „Wir wollen kein Pro­blem mit der internationalen Gemeinschaft haben“. Terrorexperte Peter Neumann sagt: „Die Taliban haben ihre Lektion gelernt und werden ihr Territorium nicht wieder so schnell internationalen Dschihadisten zur Verfügung stellen.“ Lesen Sie hier: Afghanistan: So gefährlich ist der Taliban-Staat für Frauen

Terror: US-General warnt vor Angriffen auf westliche Metropolen

Noch ist unklar, wie lange darauf Verlass ist, wohin sich die Taliban entwickeln. Auch bei den Taliban gibt es einen Flügel, der den Dschihad international weiterführen will. Und einer der stellvertretenden Taliban-Führer, Siradschuddin Hakkani, ist Oberhaupt eines nach ihm benannten Netzwerkes, das von den USA selbst als Terrorgruppe eingestuft wird und für schwere Anschläge in Kabul verantwortlich sein soll.

Hakkani soll erwogen haben, eine neue Kämpfergruppe mit Al-Qaida aufzubauen. Im Nacken sitzt den Taliban auch der afghanische Ableger des „Islamischen Staates“ (IS) mit Hunderten Kämpfern.

Der Chef des Generalstabs der US-Streitkräfte, Mark Milley, hat daher schon im Juni gewarnt, dass nach dem Abzug des Westens Al-Qaida und andere Gruppen in Afghanistan schnell wieder erstarken könnten – und innerhalb von zwei Jahren fähig seien, Angriffe gegen westliche Metropolen auszuführen. Es gebe dafür ein „mittleres“ Risiko. Nach dem Blitzsieg der Taliban korrigierte Milley diese Woche seine Einschätzung: Die Terrorbedrohung werde schneller kommen.

Mehr zum Thema: Unser Reporter: So war die Flucht aus dem Chaos von Kabul