Afghanistan

Afghanistan: So gefährlich ist der Taliban-Staat für Frauen

| Lesedauer: 8 Minuten
Jan Jessen, Miriam Hollstein, und Christian Unger
"Die Menschen sind in Todesangst": Sorge um afghanische Helfer

"Die Menschen sind in Todesangst": Sorge um afghanische Helfer

Seit der Machtergreifung der Taliban leben in Afghanistan tausende Helfer der Bundeswehr und der westlichen Partner in Todesangst. Der Koordinator eines Patenschaftsnetzwerks für afghanische Ortskräfte, Marcus Grotian, erhebt schwere Vorwürfe wegen des überstürzten Abzugs der US-geführten Truppen und der chaotischen Zustände in der Hauptstadt Kabul.

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In Äußerungen beteuern die neuen Machthaber, sie würden die Rechte der Frauen respektieren – doch viele zweifeln daran. Und fürchten sich.

Kabul/Berlin. Karima (Name geändert) sitzt wie so viele Menschen in diesen Tagen in Kabul zu Hause, verängstigt, voller Furcht vor dem, was die Zukunft bringen wird. Die 22-Jährige ist Sozialarbeiterin und Journalistin, sie hilft Straßenkindern und alleinerziehenden Frauen.

Für die neuen Herrscher Afghanistans ist sie ein Ziel. „Es sind so schlimme Tage“, sagt sie am Telefon. Ihre Stimme bricht, sie weint, braucht einige Sekunden, bis sie weitersprechen kann. „Die Taliban haben gesagt, sie suchen Menschen wie mich.“ Selbstbewusste Frauen, die für Gleichberechtigung eingetreten sind.

Afghanistan: Die Frauen haben Angst

Ihre Wohnung hat sie seit Sonntag nicht mehr verlassen. „Die Taliban verbieten es, dass Frauen auf die Straße gehen. Alle sitzen jetzt zu Hause.“ Ihre Familie hat ihr gesagt, dass die Taliban spätestens in einem Monat damit beginnen wollen, Frauen und Mädchen ab zwölf Jahren, die noch keinen Mann haben, unter Zwang zu verheiraten. Frauen werden auch nicht mehr arbeiten dürfen, heißt es.

Für die Alleinerziehenden, die ihre Familien ernähren müssen, würden damit alle Einkommensquellen wegbrechen. Für Menschen wie Fawzia. Sie hat vier Kinder, lebt allein, ihr Mann habe sich aus dem Staub gemacht, die Eltern seien im Iran.

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Fawzia arbeitet in einem Friseursalon, aber auch sie traut sich nicht zur Arbeit, ihr fehlt Mut und Kraft nach diesen Tagen, in denen die Taliban ohne große Gegenwehr der afghanischen Armee die Hauptstadt Kabul eingenommen haben. Eine Stadt, in der sich Fawzia noch vor wenigen Wochen „frei“ gefühlt habe. Sie konnte sich mit ihren Freundinnen treffen, in einem Café, sie gingen Eis essen. Sie hatte Spaß in den Parks der Stadt mit ihrer Tochter, 15 Jahre, die selbst schon ein kleines Kind hat.

„Das ist keine friedliche Ruhe. Das ist eine Stille der Angst“

Jetzt aber weiß Fawzia nicht mehr, wie sie überleben soll. Ihre Rechnung ist einfach wie schockierend: Ohne Mann an ihrer Seite könne sie in einer Taliban-Herrschaft nicht raus, könne nicht zur Arbeit im Friseursalon. Ohne Geld kein Essen. „Ich weiß noch nicht, wie ich meine Miete zahlen soll.“

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Für Fawzia ist mit dem Einmarsch der Taliban ihr altes Leben zusammengebrochen. Sie sagt: „Ich habe keine Seele mehr, nur mein Körper ist noch da.“ Auf den Straßen von Kabul sei es ruhig geworden. „Aber das ist keine friedliche Ruhe. Das ist eine Stille der Angst.“

So sieht es auch die junge Sozialarbeiterin Karima. „Wir werden wieder verschwinden. Es gibt keine Hoffnung“, sagt sie. Wieder muss sie weinen. Natürlich möchte sie das Land verlassen, aber sie weiß nicht, wie. Selbst wenn sie eine Möglichkeit hätte, einen Flug in die Freiheit zu bekommen, sind die Straßen von Kabul derzeit voller Taliban. Es ist kein Durchkommen für Menschen wie Karima.

Die Hälfte der 40 Millionen Afghanen sind Frauen

Fast 40 Millionen Menschen leben laut UN-Schätzung aktuell in Afghanistan, rund die Hälfte davon ist weiblich. Für die Frauen ist der Siegeszug der Taliban besonders bedrohlich, denn in der Ideologie der selbst ernannten Gotteskrieger haben sie aufgrund ihres Geschlechts kaum Rechte.

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Offiziell geben sich die derzeitigen Wortführer zwar gemäßigt. Bei der ersten Pressekonferenz der Taliban am Dienstag in Kabul beteuerte der Sprecher Zabihullah Mujahid, Frauen hätten alle Rechte. Dann fügte er hinzu: „Im Rahmen der Scharia.“ Die Scharia ist ein aus dem Koran und anderen Schriften abgeleitetes streng religiöses Regelwerk. Welche Vorschriften Frauen damit auferlegt werden, ist oft eine Frage der Auslegung.

Die neuen Töne dürften die wenigsten Frauen beruhigen. Die Älteren erinnern sich, wie die Taliban ihnen das Leben zur Hölle machten, als sie von 1996 bis 2001 das Land beherrschten. Mädchen durften keine Schule mehr besuchen. Frauen durften nicht arbeiten, konnten in der Öffentlichkeit nur mit männlicher Begleitung und Burka unterwegs ein. Bei Ehebruch drohte die Hinrichtung.

Taliban in Afghanistan: Keine Anerkennung des neuen Regimes

Derzeit kursieren in Afghanistan viele Meldungen, die die Ängste der Frauen weiter schüren. In der Provinz Herat gab es nach Informationen der Hilfsorganisation Terre des Femmes in Moscheen den Aufruf, dass sich unverheiratete Frauen zwischen 15 und 45 Jahren für Eheschließungen mit Taliban-Kämpfern „bereithalten“ sollen.

Zudem kursieren Gerüchte über „Todeslisten“, auf denen jene stehen sollen, die es in gesellschaftliche Schlüsselpositionen geschafft haben. Frauen wie Zarifa Ghafari, die seit 2018 die erste Bürgermeisterin Afghanistans ist. 2020 wurde sie vom US-Außenministerium als „mutige Frau“ ausgezeichnet; den Preis überreichte damals Melania Trump. Nun rechnet die 29-Jährige täglich mit dem Ende: „Sie werden kommen und mich töten“, sagte sie der britischen Zeitung „i“.

Hilfsorganisationen fordern Aufnahme von Frauen in Deutschland und anderen Staaten

Hilfsorganisationen wie Terre des Femmes fordern deshalb, akut bedrohte Frauen gezielt zu identifizieren und darin zu unterstützen, schnellstmöglich außer Landes zu gelangen. „Zudem fordern die Frauen vor Ort, mit denen wir in regelmäßigem Austausch stehen, die internationale Gemeinschaft nachdrücklich dazu auf, ein voraussichtlich bald ausgerufenes Islamisches Emirat Afghanistan unter Führung der Taliban nicht anzuerkennen“, sagt Birgitta Hahn, Referatsleiterin für Internationale Zusammenarbeit bei Terre des Femmes.

Die Zusagen der Taliban sieht Hahn skeptisch: „Die Taliban wollen sich unserer Einschätzung nach die letztlich gültigen Regeln für Frauen vorbehalten, bis sie alle Machtpositionen final eingenommen haben und die internationale Gemeinschaft sich komplett zurückgezogen haben wird.“ Erst danach werde klar werden, welchen Platz sie Frauen in der Gesellschaft zuweisen: „Bislang waren die Taliban immer für eine ultrakonservative, sehr strenge Auslegung der islamischen Scharia bekannt.“

Taliban geben versprechen an Frauen ab – doch viele zweifeln

Auch Sare vertraut den Worten der Taliban nicht: „Aber wir leben hier zwischen Angst und Hoffnung“. Sare ist 32 Jahre alt. Sie lebt bei ihren Eltern, hat Wirtschaftswissenschaften studiert an der Universität in Kabul. Nun arbeite sie in der Sportbehörde, organisiere Wettbewerbe von Frauen im Fußball, Karate oder Basketball, erzählt sie im Telefonat mit unserer Redaktion. Eine Verwandte, die in Deutschland lebt, übersetzt.

In den vergangenen Tagen war sie nicht bei der Arbeit, aber bald will sie wieder in ihr Büro gehen. Die Taliban hätten es Frauen erlaubt, weiter zu arbeiten. Sare sei sich sicher, dass neue Kleiderordnungen für die Frauen im Sport gelten werden. Aber die Islamisten hätten versichert, dass Frauen auch Sport machen dürfen und auch zur Schule gehen können.

Und: Immerhin habe es mehrere öffentliche Statements der Taliban-Führung gegeben, die Sare den Glauben geben, dass sogar westliche Hilfsorganisationen bald wieder ins Land kommen können.

Vor allem macht Sare Angst, dass es noch keine neue Regierung gibt. Keinen Präsidenten. Es ist die Ungewissheit, die ihr Kraft raubt. „Wir wollen endlich Ruhe, Frieden und Freude in unserem Land. Wir wollen keine Gewalt mehr.“ Sare hat vor allem eine Botschaft nach Deutschland, und in die Welt: „Afghanistan ist ein armes Land, bitte vergesst uns nicht.“

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