Terror-Miliz

Taliban in Afghanistan: Ursprung, Ziele und Anführer

| Lesedauer: 11 Minuten
Kurz nach dem Fall der afghanischen Hauptstadt Kabul meldeten sich die Taliban bereits aus dem Präsidentpalast.

Kurz nach dem Fall der afghanischen Hauptstadt Kabul meldeten sich die Taliban bereits aus dem Präsidentpalast.

Foto: HO / AL JAZEERA / AFP PHOTO

Die Taliban herrschen wieder in Afghanistan. Alles über die Ursprünge und Ziele der Terror-Miliz lesen Sie in unserer großen Übersicht.

Berlin. Knapp 20 Jahre nach ihrer Vertreibung haben die Taliban die Herrschaft in Afghanistan wieder an sich gerissen. Welche Ziele hat die Islamisten-Miliz, wie ist sie entstanden und wer unterstützt sie? Die wichtigsten Fragen im Überblick:

Wer sind die Taliban und was wollen sie?

Die Taliban sind eine islamistische Miliz, die sich vor allem aus der Gruppe der Paschtunen rekrutiert, die in Afghanistan etwa 42 Prozent der Bevölkerung ausmachen. 1994 traten die Taliban (zu deutsch: Schüler) erstmals im südafghanischen Kandahar in Erscheinung, ihre Vorläufer waren die sogenannten Mudschaheddin. Die selbsternannten "Gotteskrieger" kämpften in den 1980er-Jahren gegen die Sowjetarmee, die 1979 in Afghanistan einmarschiert war. 1989 zog die Sowjetarmee ab, es folgte ein Bürgerkrieg, in dem sich 1996 die Taliban durchsetzten.

Das erklärte Ziel der Taliban – damals wie heute – ist die Errichtung eines "Islamischen Emirats Afghanistan". Staat und Gesellschaft sollen sich streng an der Scharia ausrichten, einer Sammlung von religiösen Gesetzen, die angeblich auf dem Koran beruhen. Während der Taliban-Herrschaft bis Herbst 2001 waren Musik, Sport, Bilder und Fernseher in Afghanistan verboten, die meisten Schulen und Universitäten geschlossen.

Welche Verbrechen werden den Taliban vorgeworfen?

Am meisten unter der Taliban-Herrschaft zu leiden hatten Frauen und Mädchen. Frauen durften sich nur komplett verschleiert in einer Burka und in männlicher Begleitung aus dem Haus bewegen. Von dem öffentlichen Leben waren sie komplett ausgeschlossen. Mädchen durften nur zur Grundschule gehen und keine höhere Bildung anstreben. Immer wieder gab es Berichte über öffentliche Steinigungen angeblicher Ehebrecherinnen. Nach UN-Angaben betrieben die Taliban zudem Menschenhandel mit versklavten Frauen, die auch nach Pakistan verschleppt wurden.

Die UN werfen den Taliban auch schwere Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor. Demnach verübten sie zwischen 1996 und 2001 mindestens 15 Massaker, die sich vor allem gegen die Volksgruppe der Hazara richteten. An den Massakern sollen auch Kämpfer der Terrorgruppe Al Kaida beteiligt gewesen sein. Die Gräueltaten seien "höchst systematisch gewesen und alle auf das Verteidigungsministerium oder (Talibanchef) Mullah Omar persönlich zurückzuführen", hieß es in einem UN-Bericht von 2011.

Nach ihrer Vertreibung von der Macht hörten die Verbrechen der Taliban nicht auf. Nach US-Angaben töteten und verletzten sie bei Terroranschlägen allein im Jahr 2019 fast 14.000 Menschen in Afghanistan. Mit geschätzten 45.000 bis 85.000 Kämpfern gilt die Miliz im Westen als größte Terrorgruppe der Welt. Dem Global Terrorism Index zufolge war Afghanistan auch 2020 das am schwersten von Terrorismus getroffene Land der Welt.

Welche Länder unterstützen die Taliban?

Pakistan gilt bis heute als wichtigster Unterstützer der Taliban im Ausland. Pakistans Geheimdienst ISI und die Armee betrachteten die Taliban seit ihrer Entstehung "als unverzichtbares Werzeug ihrer Afghanistan-Politik", heißt es in einer Analyse der Stiftung Wissenschaft und Politik. Die US-Regierung wirft außerdem Russland und dem Iran vor, die Islamisten mit Waffen und Geld zu unterstützen.

Offiziell stuft auch Russland die Taliban als Terrorgruppe ein, dennoch reagiert Moskau wohlwollend auf den Machtwechsel. "Die Situation in Kabul ist jetzt unter den Taliban besser als unter Aschraf Ghani", erklärte Russlands Afghanistan-Botschafter Dmitri Schirnow unter Verweis auf den geflohenen afghanischen Präsidenten. Die Taliban hätten ihm zugesichert, "ein zivilisiertes Aghanistan aufzubauen, das frei ist von Terrorismus und Drogen", so Schirnow weiter. Afghanistan ist der weltweit größte Produzent von Opium, einer Haupteinnahmequelle der Taliban.

Auch China versucht eine Annäherung an die Taliban. "China ist bereit, freundliche und kooperative Beziehungen mit Afghanistan" zu unterhalten, erklärte eine Sprecherin des Außenministeriums in Beijing am Montag. China dürfte ein Interesse an den reichen Bodenschätzen Afghanistans haben, darunter Seltene Erden und Uran. Zugleich fürchtet die chinesische Regierung einen Konflikt mit den Taliban wegen der Unterdrückung der muslimischen Uiguren in der Provinz Xinjiang. Dort teilen sich beide Länder eine 76 Kilometer lange Grenze.

Die Taliban versprechen Gegnern eine Amnestie – was bedeutet das?

Es gibt erste Anzeichen dafür, dass die Talbian - zumindest bisher - weniger radikal auftreten als früher. So hat die Taliban-Führung eine Amnestie für Regierungsmitarbeiter und Sicherheitskräfte angekündigt. Sie sollen weiter ihrer Arbeit nachgehen und haben als ehemalige Angehörige der abgesetzten Regierung angeblich keine Strafen oder Vergeltung zu befürchten. Das kann pragmatische Gründe haben, denn ohne die Beamten bräche der Staatsapparat zusammen.

Wie konnte die Taliban Afghanistan so schnell zurückerobern?

Der blitzartige Erfolg der Taliban kam für viele westliche Regierungen überraschend, weil die Stärke der afghanischen Armee völlig überschätzt wurde. Mit mehr als 300.000 Soldaten und einer milliardenschweren, moderneren Ausrüstung schien die Armee gut gerüstet gegen die Islamisten - doch nur theoretisch. In Wirklichkeit war das Militär bereits seit Jahren durch Korruption, schlechte Führung, mangelnde Ausbildung und sinkende Moral geschwächt. US-Inspekteure hatten immer wieder gewarnt, dass die afghanische Armee so keine Zukunft habe.

Zudem endete mit dem Abzug der US-Truppen auch die Luftunterstützung im Kampf gegen die Taliban. Diese war häufig entscheidend für Siege der afghanischen Armee, da die Taliban selbst bisher keine eigene Luftwaffe hatten.

Einer der wichtigsten Gründe war auch die schwache und in großen Teilen der Armee unbeliebte afghanische Regierung. Nach jahrelanger Misswirtschaft und Korruption waren die Soldaten wohl nicht mehr Willens, diese Regierung zu verteidigen.

Die Taliban waren zwar in der Unterzahl, jedoch hoch motiviert. Angesichts dieses Gegners desertierten viele Soldaten und ganze Einheiten oder sie ergaben sich. So konnten die Taliban Stadt für Stadt ohne großen einnehmen. Auch die Haupstadt Kabul fiel ohne großen Widerstand.

Woher kommen die Waffen für die Taliban?

Afghanistan befindet sich im Prinzip seit dem Krieg mit der Sowjetunion 1979 in bewaffneten Konflikten mit Großmächten oder im Bürgerkrieg. Das Land ist schon allein daher prall gefüllt mit "Altlasten" an Waffen. Zudem haben die Taliban mit finanzieller Unterstützung aus dem Ausland, wohl insbesondere Pakistan, in den vergangenen Jahren noch einmal zusätzlich aufgerüstet.

Nach dem siegreichen Eroberungsfeldzug steht ihnen jetzt auch ein großer Teil der Ausrüstung des afghanischen Militärs zur Verfügung. Die US-Truppen hätten bei ihrem Abzug zwar ihr "hochentwickeltes" Equipment mitgenommen, sagt die Expertin für bewaffnete Konflikte, Justine Fleischner, von der britischen Organisation Conflict Armament Research. Aber insbesondere Fahrzeuge, Schusswaffen und Munition, die für die afghanischen Streitkräfte bestimmt waren, fielen nun massenweise in die Hände der Islamisten.

Auch verfügen Sie nun über Flugzeuge und Helikopter. Zwar fehlt noch das fachkundige Personal aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis Piloten zur Verfügung stehen.

Wer führt die Taliban an?

Die Taliban sind kein streng hierarchisch gegliederter Block. Über einen großen Teil der Führung ist wenig bekannt, weil er bislang aus dem Untergrund agierte. Gezielte US-Angriffe auf wichtige Anführer wurden so erschwert.

Aktuell führt die Taliban wohl der frühere Richter Haibatullah Achundsada aus Kandahar. Der 60 Jahre alte "Anführer der Gläubigen" gilt als Hardliner. Einer seiner Stellvertreter ist Mullah Mohammad Yakub, der älteste Sohn des Taliban-Gründers Mullah Omar. Er soll die militärischen Aktionen leiten.

Ein weiteres Mitglied der Taliban-Führung ist Mullah Abdul Ghani Baradar. Er hatte zuletzt als Leiter des politischen Büros mit den Amerikanern und der afghanischen Führung verhandelt. Beobachter sehen Mullah Abdul Ghani Baradar schon als den neuen Präsidenten des Landes. Der britische „Guardian“ bezeichnete Baradar als politisches Oberhaupt der Taliban. Er versprach: "Wir werden mit all unseren Fähigkeiten und Ressourcen daran arbeiten, Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten und ein besseres Leben zu gewährleisten."

Was haben Frauen unter den Taliban zu befürchten?

Die Taliban versuchen nach ihrer Machtübernahme, besonders den Frauen die Angst zu nehmen: "Das islamische Emirat will nicht, dass Frauen zu Opfern werden", versicherte das Mitglied der Kulturkommission der Taliban, Enamullah Samangani, im Fernsehen. Sie sollten in Übereinstimmung mit dem islamischen Recht sogar in der Regierung mitarbeiten. Ein anderer Taliban-Führer sagte, dass unter den Taliban auch Mädchen weiter lernen dürfen. "Mädchen und Frauen werden in die Schulen gehen, als Lehrer und als Studenten", versprach er.

Doch die Skepsis ist berechtigterweise groß. Ob die Taliban-Anhänger, die Racheaktionen wollen, aufgehalten werden, ist fraglich. Im Juli berichtete die Unabhängige Menschenrechtskommission Afghanistans, dass in den bereits von den Taliban kontrollierten Gebieten Frauen nur in Begleitung eines männlichen Vormunds zum Arzt gehen durften. Fernsehen wurde verboten, Lehrer und Schüler wurden angewiesen, Turbane zu tragen und sich Bärte wachsen zu lassen. Religionsgelehrte, Beamte, Journalisten, Menschenrechtler und Frauen wurden nach dem Kommissionsbericht Opfer gezielter Tötungen.

Was haben Homosexuelle Menschen unter den Taliban zu befürchten?

Homosexualität war auch in Abwesenheit der Taliban ein absolutes Tabuthema in Afghanistan und fand nur im Verborgenen statt. Eine klare rechtliche Gesetzgebung gab es nicht. Allgemein wird in der Bevölkerung Homosexualität jedoch als un-islamisch und Verbrechen angesehen. Ein öffentliches Outing dürfte großen Aufruhr inklusive Todesdrohungen verursachen, sagte der Experte für afghanisches und islamisches Recht Niaz Shah von der englischen Universität Hull bereits 2016 der BBC. "Das islamische Recht erlaubt nur eine Form der sexuellen Beziehung und das ist die, zwischen einem erwachsenen Mann und einer Frau, wenn diese verheiratet sind."

Die Unterdrückung und die aktive Verfolgung der LGBTQI-Gemeinde in Afhganistan dürfte unter der Herrschaft der Taliban noch einmal zunehmen, sollte die Scharia konsequent durchgesetzt werden. Wie diese ausgelegt wird, zeigt das Beispiel Brunei. In dem konservativ-islamisch regierten Sultanat auf der südostasiatischen Insel Borneo, droht Homosexuellen nach dem Recht der Scharia die Todesstrafe durch Steinigung.

(küp/gb/jas/dpa)