Umweltaktivisten

Extinction Rebellion sind zurück – Protestwoche in Berlin

| Lesedauer: 6 Minuten
Theresa Martus
Extinction Rebellion blockiert Hauptstädte

Extinction Rebellion blockiert Hauptstädte

In Berlin zogen Klimaschützer zum Großen Stern, eine zentrale Kreuzung im Westen der Stadt, an der fünf mehrspurige Straßen aufeinandertreffen.

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Aktivisten von Extinction Rebellion melden sich zurück – und wollen in Berlin protestieren. Was Gretas radikalen Geschwister fordern.

Berlin. Sie haben den Ruf der radikaleren älteren Geschwister von Fridays for Future: Extinction Rebellion, die Gruppe von Umweltaktivisten und -aktivistinnen, die sich die „Rebellion gegen das Aussterben“ auf die Fahnen geschrieben hat.

Im vergangenen Jahr machten sie Schlagzeilen mit spektakulären Aktionen wie der Besetzung des Großen Sterns in Berlin und einem Protest, bei dem sich 30 Menschen mit Ketten um den Hals am Zaun des Kanzleramts festmachten. Jetzt melden sie sich zurück.

Extinction Rebellion kündigt Proteste in Berlin an

Ab diesem Montag (5. Oktober) haben XR, wie sie sich abkürzen, eine Protestwoche in der Hauptstadt angekündigt. Im Fokus steht dabei unter anderem der Schutz von Wäldern. „Trauerzug der toten Bäume“ heißt eine Demonstration, die am Montagvormittag am Landwirtschaftsministerium startet und darauf aufmerksam machen soll, dass der Wald in Deutschland in einer prekären Situation ist.

„Das Verschwinden des Waldes ist einer der wichtigsten Gründe für das Voranschreiten der Klima- und Ökokatastrophe“, sagt Tino Pfaff, Sprecher der Gruppe. 80 Prozent der Wälder in Deutschland seien beschädigt.

Dass die Bundesregierung in den vergangenen beiden Jahren bereits mehr als eine Milliarde Euro Hilfen für den Wald bereitgestellt hat, sei „Symbolpolitik, wenn gleichzeitig alte Wälder wie der Danni abgeholzt werden“, sagt Pfaff. „Wir sind an einem Punkt, wo pflanzen nicht mehr hilft, wir müssen das, was noch da ist, erhalten.“

Der Dannenröder Wald in Hessen ist der neue Konfliktherd

Der „Danni“ ist der Dannenröder Wald in Mittelhessen, ein neuer Konfliktherd, an dem Umweltschützer und Staat aufeinanderprallen. 27 Hektar sollen dort gerodet werden, um Platz zu schaffen für ein Teilstück der A49, das eine Lücke im Autobahnnetz schließen soll. Aktivisten und Aktivistinnen, die den Wald schützen wollen, haben sich dort in Baumhäusern eingerichtet, um die Räumung zu verhindern.

Am Donnerstag begann die Rodung. Doch XR will mehr als nur den Stopp eines umstrittenen Straßenbauprojekts. Die zentrale Forderung der Gruppe: „Dass die Zerstörung der Natur aufhören muss“, sagt Pfaff. „Jegliche Maßnahmen und Gesetze, die dieses Ziel konterkarieren, müssen sofort gestoppt werden.“

XR: Deutschland soll klimaneutral werden

Und die Bundesrepublik soll klimaneutral werden, viel schneller als von der Regierung geplant, nämlich schon 2025 statt 2050. Die Aktivisten und Aktivistinnen sehen das nicht als radikal. Man fordere nur, was die Wissenschaft für notwendig erachte, um den Klimakollaps abzuwenden, erklärt Sprecher Pfaff. XR setzt sich zudem für die Einrichtung von Bürgerversammlungen ein – nicht als Ersatz für demokratische Institutionen, sondern als Ergänzung, wie Pfaff betont.

Die Versammlungen seien „ein Organ, das Maßnahmen erarbeitet und der Regierung als Vorschlag vorlegt“, erklärt er. „Politiker*innen, die stets im Vier-Jahres-Zyklus denken, treffen keine unpopulären Entscheidungen, wenn sie wiedergewählt werden wollen. Gegen diesen Mechanismus können die Versammlungen ein Korrektiv sein.“

Das hätten Bürgerversammlungen zum Beispiel in Frankreich gezeigt, wo aus einer solchen Runde – beauftragt von der Regierung – der Vorschlag für ein Gesetz entstanden ist, das „Verbrechen gegen die Natur“ unter Strafe stellen soll. Präsident Macron begrüßte den Vorschlag und kündigte an, die Umsetzung prüfen zu lassen.

Extinction Rebellion setzt auf zivilen Ungehorsam

Extinction Rebellion kommt ursprünglich aus Großbritannien, mittlerweile hat die Bewegung aber Vertretungen in zahlreichen Ländern. In Wien besetzen XR-Aktivisten in der vergangenen Woche mehrere Tage lang zentrale Plätze und Straßen in der Stadt, in Paris störte eine Aktivistin eine Laufsteg-Show des Modelabels Dior.

Dass die Gruppe auf zivilen Ungehorsam und Blockaden statt auf Demonstrationen setzt, hat ihr allerdings immer wieder harsche Kritik eingebracht. So verlor XR im Heimatland Großbritannien Anfang September die Unterstützung prominenter Spender wegen einer Aktion, bei der Aktivisten und Aktivistinnen zwei Druckereien blockierten und so die Auslieferung mehrerer Zeitungen verhinderten, weil diese versagt hätten in der Berichterstattung über die Erderhitzung und die Zerstörung der Natur.

Großbritannien: XR-Protest traf Zeitungen von Rupert Murdoch

Betroffen waren vor allem Blätter der News-Corp-Gruppe von Medienmogul Rupert Murdoch. Der britische Premier Boris Johnson warf XR vor, den Zugang der Öffentlichkeit zu Nachrichten zu begrenzen – „komplett inakzeptabel“ sei das. Medienberichten zufolge lässt die britische Regierung jetzt eine Einstufung der Bewegung als „kriminell“ prüfen.

Bei den deutschen Vertretern von XR ist man nicht so streng mit den britischen Kollegen: Die Zeitungen, deren Druckereien blockiert wurden, hätten alle einer kleinen Gruppe von Milliardären gehört, erklärt Pfaff – „Ist bei solchen Eigentumsverhältnissen noch Pressefreiheit garantiert?“ Er finde die Aktion „gut und wichtig“ und sei traurig, dass die Blockade als Beschränkung der Pressefreiheit interpretiert werde, obwohl sie doch genau das thematisiere.

Welche Ziele am Montag in Berlin blockiert werden sollen, ist noch nicht bekannt. Nur dass am Dienstag eine „Lobby-Einrichtung“ im Fokus der Aktivisten und Aktivistinnen stehen werde, heißt es von XR. Am Mittwoch dann starten Demonstrationszüge vor den Parteizentralen von CDU und SPD, die Demonstrationen sollen am Potsdamer Platz zusammentreffen.

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