Auschwitz-Befreiung

Viele Holocaust-Überlebende sterben – Was wird aus Gedenken?

Noch gibt es mehr als 200.000 Zeitzeugen, die vom Horror des Holocaust erzählen können. Was passiert, wenn sie nicht mehr da sind?

Auschwitz-Überlebende: "Ich will meine Seele nicht mit Hass beschmutzen"

Eva Fahidi ist das einzige Mitglied ihrer Familie, das den Holocaust überlebt hat. Sechs Wochen war sie im Vernichtungslager eingesperrt. Was sie in dieser Zeit erfahren musste und wie sie heute über die Deutschen denkt, erzählt sie im Interview.

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Jerusalem/Auschwitz/Berlin. Giselle Cychowicz sah ihren Vater das letzte Mal 1944 in Auschwitz. Er winkte ihr durch den Stacheldraht zu und sagte: „Morgen gehe ich ins Gas.“ Das Mädchen schickten die Nazis nicht in die Gaskammern, sondern in ein Arbeitslager, wo sie Ersatzteile für Flugzeuge fertigen musste. „Wir waren Kinder, und wir schufteten jeden Tag zwölf Stunden.“

Jeden Tag habe sie eine Stunde zu Fuß vom Lager zur Fabrik laufen müssen. „Wir gingen ohne Socken durch den Schnee. Es war so kalt. Mir wird seitdem nie wieder richtig warm“, sagt Cycowicz. Sie ist 92 Jahre alt, hat 21 Enkel und bald 26 Urenkel.

Vor wenigen Tagen traf sie in Jerusalem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und dessen Ehefrau Elke Büdenbender. Das Präsidentenpaar wird heute, am 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau, zu einer großen Gedenkfeier in Polen erwartet.

Am Donnerstag hatte Steinmeier in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem eine viel beachtete Rede gehalten. Den von Deutschen begangenen Massenmord an den Juden bezeichnete er als größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte und betonte, dass das heutige Deutschland gegen Antisemitismus kämpfe.

Steinmeier in Yad Vashem: Das Böse zeigt sich heute in neuem Gewand
Steinmeier in Yad Vashem- Das Böse zeigt sich heute in neuem Gewand

Holocaust: Noch gibt es mehr als 200.000 Zeitzeugen – aber jeden Tag sterben 30

Noch leben nach Angaben israelischer Experten weltweit mehr als 200.000 Menschen, die den Holocaust überlebt haben und von dem Grauen der Nazi-Verfolgung berichten können. Viele von ihnen sind seit Jahrzehnten unermüdlich an Schulen und auf öffentlichen Veranstaltungen unterwegs, um ihre Geschichte zu erzählen und zu warnen, was Antisemitismus, Hass und Rassenwahn auslösen können.

Aber was passiert, wenn es die Zeitzeugen nicht mehr gibt? Viele von ihnen sind hochbetagt, älter als 90 Jahre. Israels Zentrales Statistikbüro geht davon aus, dass es 2035 in Israel selbst nur noch rund 22.000 Überlebende geben wird. „Jeden Tag sterben durchschnittlich 30 Holocaust-Überlebende“, sagte ein Sprecher des Dachverbands der Holocaust-Überlebenden. Was bedeutet das für die Erinnerungskultur? Wird der Holocaust in Vergessenheit geraten?

Holocaust-Gedenken: Historische Beweise und Akten werden wieder wichtiger

Haim Gertner, Direktor des Yad-Vashem-Archivs, sitzt an einer langen Tafel im Deutschen St. Charles Hospiz der Schwestern des Heiligen Borromäus in Jerusalem. Der angesehene Fachmann kann stundenlang mit leuchtenden Augen über Beweisschnipsel und Akten reden, die ihm dabei helfen, noch nach Jahrzehnten das Schicksal namenloser jüdischer Holocaust-Toter vor dem Vergessen zu bewahren.

Im Gespräch mit unserer Redaktion sagt er, mit dem Sterben der Generation der Holocaust-Überlebenden würden historische Dokumente und Beweise wieder mächtiger. Die Digitalisierung sei natürlich eine große Hilfe, um Videos mit Zeitzeugen weit zu verbreiten. Aber alles, was im Internet stehe, könnte auch manipuliert sein. Deshalb seien echte, historische Beweisstücke so wichtig.

Gertner kam vor knapp zehn Jahren auf eine bemerkenswerte Idee. Er startete eine Kampagne und rief alle Haushalte in Israel auf, Schubladen und Dachböden nach Familienalben und Dokumenten zu durchstöbern, um diese Yad Vashem zur Verfügung zu stellen. Wer sich meldete, dem schickte Gertner binnen 24 Stunden ein Expertenteam ins Haus.

Von sechs Millionen Toten existieren nur gut 300.000 Fotos

„Viele wissen, wenn sie Beweise nicht Yad Vashem übergeben, werden sie für immer verloren gehen.“ Und sehr viele Israelis machten mit. Gertner hatte Israels Premier Benjamin Netanjahu versprochen, mindestens zehntausend Fundstücke über den Holocaust zu sammeln. „Innerhalb von neun Jahren bekamen wir von 13.000 Spendern rund 300.00 Asservate. Es ist unglaublich.“

Besaß die Gedenkstätte vor der Kampagne nur 200.000 Fotos der rund sechs Millionen ermordeten Juden, sind es mittlerweile weit mehr als 300.000 Bilder. Oder die Tagebücher. Die Aufzeichnungen von Anne Frank sind weltberühmt. Aber aus der Nazi-Zeit und Juden-Verfolgung waren den israelischen Historikern nach jahrzehntelanger Forschung nur 400 Tagebücher bekannt – in Nachlass und Besitz israelischer Familien befanden sich aber weitere 400 persönliche Notizen, die den Experten übergeben wurden.

Die Informationsflut ist so gewaltig, dass Gertner – auch dank vieler deutscher Spendermillionen – Yad Vashem um ein großes, teils unterirdisches Dokumentations- und Forschungszentrum erweitern kann.

Viele Holocaust-Überlebende schwiegen über Jahrzehnte

Für Holocaust-Überlebende ist das große Gedenkjahr, in dem weltweit an die Befreiung von Auschwitz vor 75 Jahren erinnert wird, mit zwiespältigen Gefühlen verbunden. Viele wie Giselle Cychowicz schwiegen jahrzehntelang, was sie Furchtbares in Auschwitz erlebten. Sie schämten sich, waren schwer traumatisiert. So wie Hermann Höllenreiner.

Er flog am Montag gemeinsam mit Steinmeier und zwei weiteren Holocaust-Überlebenden im Flugzeug des Bundespräsidenten nach Auschwitz. Im März 1943 war Höllenreiner im Alter von neun Jahren zusammen mit seiner Familie von München ins „Zigeunerlager“ in Auschwitz deportiert worden. Am 16. März tätowierten die Nazis ihm die Häftlingsnummer Z – 3526 auf den Unterarm.

Bei Kriegsende 1945 konnte „Mano“, so sein Spitzname, von einem Todesmarsch fliehen. Vollkommen entkräftet wurde er von französischen Kriegsgefangenen mit nach Frankreich genommen, wo er sich als französischer Jude ausgeben sollte, um seine deutsche Herkunft zu verbergen. Er kam in eine Pflegefamilie in Paris, landete aber wegen Verhaltensauffälligkeiten aufgrund seiner Traumatisierungen kurzzeitig in der Kinderpsychiatrie. Höllenreiner sprach so gut wie kein Wort. Ende 1946 kehrte er nach Deutschland zu seiner Familie (die Eltern und eine Schwester hatten überlebt) zurück.

Als sie frei waren, standen die Mädchen einfach stumm da

Giselle Cychwicz erlebte den Tag der Befreiung am 27. Januar 1945 in einem nahen Arbeitslager von Auschwitz. Sie denkt mit gemischten Gefühlen daran zurück. Sie habe keine Emotionen zeigen können:„Warum freue ich mich nicht, warum lächele ich nicht, warum singe ich nicht Halleluja? Ich war an der Seele krank. Ich schaute in die Gesichter von 300 anderen Mädchen. Alle standen so stumm da.“ Keines der Mädchen wusste, wohin es nach Auschwitz gehen und wie ein Neuanfang aussehen sollte.

Erst nach 44 Jahren begann Giselle, ihre Geschichte zu erzählen. Das war, als ihre Enkelkinder anfingen, Fragen zu stellen. Mit zunehmenden Alter werden viele Holocaust-Überlebende wieder stärker von den Dämonen der Vergangenheit geplagt. Die meisten haben als Kinder überlebt und sind heute zwischen 75 und 91 Jahre alt. Sie können dann Hilfe bei dem Selbsthilfe-Verein Amcha bekommen.

Amcha betreute 2019 mehr als 8.000 Holocaust-Überlebende mit Hilfe von Psychotherapien, sozialen Aktivitäten und Hausbesuchen. „Gerade im Alter werden die traumatisierenden Erinnerungen zur Belastung, wenn das soziale Netz schwächer wird, die Einsamkeit zunimmt, Partner und Freunde sterben. Die Folgen können schwere Depressionen, soziale Isolation und Angstzustände sein,“ erklärt Lukas Welz, Vorsitzender von AMCHA Deutschland e.V.. Das zeigt sich auch am zunehmenden Unterstützungsbedarf. So stieg die Zahl von 114.290 Therapiestunden im Jahr 2009 innerhalb von zehn Jahren auf 245.489 Stunden. „Amcha“ heißt auf Hebräisch übrigens „Dein Volk“ oder auch „Einer von uns“. Es war in der Zeit nach der Befreiung von Auschwitz und dem Ende des Nazi-Terrors ein Codewort, mit dem überlebende Juden sich untereinander zu erkennen gaben.

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