Holocaust-Gedenken

Steinmeier in Israel: „Ich verneige mich in tiefer Trauer“

In Jerusalem wird der Befreiung des KZ Auschwitz gedacht. Und Bundespräsident Steinmeier wurde dabei eine ganz besondere Ehre zuteil.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Foto: RONEN ZVULUN / AFP

Jerusalem.  Frank-Walter Steinmeier hat die Sätze lange geübt. In dem Moment, wo die Weltöffentlichkeit in der Gedenkstätte Yad Vashem auf den Bundespräsidenten schaut, will er sich nicht verhaspeln. „Gepriesen sei der Herr, dass er mich heute hier sein lässt. Welche Gnade, welches Geschenk, dass ich heute hier in Yad Vashem zu Ihnen sprechen darf.“

Steinmeier sagt das wohl gemerkt in Hebräisch, nicht auf Deutsch. Aus Respekt vor den Opfern und zahlreich anwesenden Holocaust-Opfern spricht er nicht die Sprache der Täter. Das Hebräische kommt ihm flüssig über die Lippen. Beifall brandet in dem riesigen Zelt auf, in dem fast 50 Staats- und Regierungschefs und Hunderte Ehrengäste sitzen. Der Einstieg in seine bedeutendste, schwierigste Rede seiner bisherigen Amtszeit ist geglückt.

Noch nie durfte ein deutsches Staatsoberhaupt in Yad Vashem sprechen

Sie wird nur zwölf Minuten dauern – aber historisch sein. Nie zuvor seit Kriegsende gestatteten die Israelis einem deutschen Staatsoberhaupt, beim Gedenken in Yad Vashem zu sprechen. Zum 75. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung hat Israels Präsident Reuven Rivlin, mit dem Steinmeier befreundet ist, diese Geste durchgesetzt.

Die Gedenkstätte für die sechs Millionen ermordeten Juden schmiegt sich in den Westhang des Jerusalemer Herzlberges. Am Donnerstag ist die ganze Stadt ein Hochsicherheitstrakt. Zehntausend Polizisten und Soldaten sind im Einsatz. Yad Vashem hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Opfern ein Gesicht zu geben, ihr Schicksal vor dem Vergessen zu bewahren. Wer einmal die Gedenkstätte besucht hat, der wird die Eindrücke für immer behalten.

Steinmeier kommt schnell auf den Punkt. „Die Mörder, die Wachleute, die Helfershelfer, die Mitläufer: Sie waren Deutsche. Der industrielle Massenmord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden, das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte – es wurde von meinen Landsleuten begangen.“ (Lesen Sie hier die ganze Rede von Steinmeier in Yad Vashem im Wortlaut)

Wladimir Putin kommt zu spät – und empört Polen

Es sind glasklare Worte der Verantwortung in einer Zeit, in der in vielen Ländern versucht wird, die Historie im nationalen Interesse umzudeuten, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Polens Präsident Andrzej Duda ist dem Festakt ferngeblieben, aus Protest, weil für ihn keine Rede vorgesehen war.

Zunächst müssen Steinmeier und die versammelten Eliten Geduld aufbringen. Wladimir Putin kommt mit fast einer Stunde Verspätung von einem Parallel-Gedenken in Yad Vashem an. Der russische Präsident eröffnet zuvor im Jerusalemer Sacher-Park ein von einem Oligarchen gestiftetes Denkmal für die Opfer der Leningrader Blockade durch die Nazis. Das heutige St. Petersburg ist Putins Heimatstadt.

Der russische Präsident nutzt derzeit jede sich bietende Chance, die Geschichtsschreibung in seinem Sinn auszulegen. Der Hitler-Stalin-Pakt allein sei nicht maßgeblich für den Beginn des Zweiten Weltkrieges und den Holocaust gewesen, auch Polen trage eine Mitschuld, habe mit Hitler gekungelt und viele Juden auf dem Gewissen, behauptete Putin zur Empörung Warschaus.

Die Frage der Schuld: Für Putin ist Russland Opfer und Befreier

In Yad Vashem sagt Putin, 40 Prozent der sechs Millionen Juden seien sowjetische Bürger gewesen. In den KZ hätten nicht nur Nazis gedient, sondern auch Angehörige anderer Nationen. In der Ukraine, in Litauen, in Lettland seien Juden systematisch vernichtet worden – in diesen Ländern, die Russland fürchten, wird Putins Subtext einer Kollaboration verstanden worden sein. 1945 habe das sowjetische Volk den Nazis ein Ende gesetzt und Europa befreit.

„Heute wird das Thema leider politisiert. Wir wollen alle gemeinsam die Wahrheit schützen“, sagt Putin. Im Fernduell antwortet Duda mit einer Zeitungsanzeige.

Die Welt dürfe nicht vergessen, dass der entscheidende Schritt zum Zweiten Weltkrieg der geheime Pakt zwischen Hitler und Stalin vom 23. August 1939 gewesen sei: „Ohne Krieg hätte es die Tragödie des Holocaust nicht gegeben.“ Die Wahrheit über den Holocaust „darf nicht verzerrt oder für irgendeinen Zweck instrumentalisiert werden“, schreibt Duda.

Steinmeier: „Wir schützen jüdisches Leben!“

Die Deutschen kennen ähnliche Debatten um Schuld und Revisionismus, wie Putin sie führt. Allerdings liegen sie länger zurück. 1986 tobte der große Historikerstreit, ob der Holocaust tatsächlich einzigartig gewesen sei oder nicht doch mit Massenmorden wie unter Stalin verglichen werden könne. Steinmeier weicht an diesem Punkt mit dem Bekenntnis, der Holocaust sei das größte Verbrechen der Menschheit, keinen Millimeter zurück.

Bereits 2017 warnte er Putin bei einem Besuch in Talinn nach der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland, „Geschichte als Waffe“ einzusetzen. In Yad Vashem knüpft er daran an: „75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz stehe ich als deutscher Präsident vor Ihnen allen, beladen mit großer historischer Schuld.“ Steinmeier lädt sich damit Verantwortung quasi auf die eigenen Schultern.

Es ist eine eindrucksvolle Geste. Dabei belässt er es nicht. Im Beisein der vielen Präsidenten, Könige (und Prinz Charles, der seine Mutter, die britische Queen, vertritt, die nicht mehr reist) und Holocaust-Überlebenden gibt der Bundespräsident ein Versprechen ab, dass so ein monströses Verbrechen nie wieder von Deutschen ausgehen dürfe: „Wir trotzen dem Gift des Nationalismus! Wir schützen jüdisches Leben!“.

Wie stark ist die Brandmauer gegen Antisemitismus?

Aber wie sicher ist das? Wie hoch und wie stark ist die Brandmauer gegen Antisemitismus, Hass und Verfolgung von Juden heute noch? Was bedeutet es, wenn es absehbar keine Zeitzeugen mehr gibt? Gerade erst schlug der Zentralrat der Juden Alarm, warnte vor einer „Explosion von Antisemitismus“ in Deutschland, Europa und der Welt.

Studien belegen, dass das Wissen über den Holocaust abnimmt. Es gehört zum deutschen Alltag, dass jüdische Friedhöfe geschändet, Juden auf offener Straße geschlagen werden. Rapper nutzen Social Media und Popkultur, um antisemitische Klischees in junge Köpfe zu pflanzen. Ein Rechtsextremist erschoss mutmaßlich einen CDU-Kommunalpolitiker, der für eine offene Gesellschaft eintrat.

Steinmeier unterschlägt diese neuen Gefahren nicht. Es seien zwar nicht dieselben Täter wie damals, die wieder im Namen der Nazi-Ideologie Angst und Schrecken verbreiteten. „Aber es ist dasselbe Böse.“ So lässt Steinmeier auf der Weltbühne unverhohlen Zweifel erkennen, ob das „Nie wieder!“ gilt, ob die „bösen Geister in neuem Gewand“, die völkisches, autoritäres Denken als Antwort für die Zukunft verkauften, in Schach gehalten werden können.

Er zielt damit auch auf AfD-Politiker, denen er am Mittwoch beim Auschwitz-Gedenken im Bundestag gemeinsam mit Rivlin gegenüberstehen wird. Alexander Gauland nannte den Nationalismus einen „Vogelschiss“, Björn Höcke bezeichnete das Denkmal für die ermordeten Juden im Herzen Berlins als ein Mahnmal der Schande.

Steinmeier in Auschwitz – jeder Frieden bleibt zerbrechlich

So sagt Steinmeier in Yad Vashem: „Ich wünschte, sagen zu können: Wir Deutsche haben für immer aus der Geschichte gelernt. Aber das kann ich nicht sagen, wenn Hass und Hetze sich ausbreiten. Das kann ich nicht sagen, wenn jüdische Kinder auf dem Schulhof bespuckt werden. Das kann ich nicht sagen, wenn unter dem Deckmantel angeblicher Kritik an israelischer Politik kruder Antisemitismus hervorbricht. Das kann ich nicht sagen, wenn nur eine schwere Holztür verhindert, dass ein Rechtsterrorist an Jom Kippur in einer Synagoge in Halle ein Blutbad anrichtet.“

Am Montag, dem eigentlichen Jahrestag, als die Rote Armee am 27. Januar 1945 das Todeslager von Auschwitz-Birkenau befreite, besucht Steinmeier gemeinsam mit seiner Frau Elke Büdenbender den Ort des Grauens. Drei Holocaust-Überlebende werden mit ihm im Flugzeug von Berlin nach Polen fliegen. Steinmeier war noch nie dort. Auch Angela Merkel schloss nach 14 Jahren Kanzlerschaft diese Lücke erst Anfang Dezember.

Das Präsidentenpaar fährt mit Respekt, sogar Ehrfurcht nach Auschwitz. Eine Rede ist dort nicht vorgesehen. Die hat Steinmeier nun in Yad Vashem gehalten. Als Steinmeier von der Bühne kommt, umarmen ihn Rivlin und Emmanuel Macron, US-Vizepräsident Mike Pence und Putin reichen ihm die Hand.

Es waren nur zwölf Minuten. Steinmeier hat sie eindrucks-, aber auch sorgenvoll gefüllt. Deutschland wolle die Lehren aus Auschwitz verteidigen. Doch jeder Frieden bleibe zerbrechlich: „Und als Menschen bleiben wir verführbar.“

Holocaust – mehr zum Thema:

Der Name Auschwitz steht als das Synonym für den Holocaust, den deutschen Massenmord an den europäischen Juden mit rund sechs Millionen Toten.

Am 18. Februar 1942 rettete Helmut Kleinicke dem Juden Josef Königsberg das Leben. Hier erzählt der Holocaust-Überlebende die mutige Geschichte des stillen Helden.

josef königsberg- „ich verdanke einem deutschen mein leben!“Lesen Sie hier: Die Rede des Bundespräsidenten in Yad Vashem im Wortlaut.

(les/tb/dpa)

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