Rechtsextremismus

Handelte Halle-Attentäter bei Angriff auf Synagoge allein?

Die Ermittler gehen bisher von einem Einzeltäter aus, eingebettet in eine rechtsextreme Online-Welt. Doch Details werfen Fragen auf.

Polizisten führen den mutmaßlichen Attentäter von Halle ab.

Polizisten führen den mutmaßlichen Attentäter von Halle ab.

Foto: Uli Deck / dpa

Berlin/Halle.  Stephan B. sagt es selbst. Er habe isoliert gelebt, keine Freunde, keine Beziehung gehabt. Die meiste Zeit saß er vor dem Computer, surfte auf sogenannten „Imageboards“, globale Pinnwände. So jedenfalls soll B. es in seinem Geständnis gegenüber den Ermittlern beschrieben haben. Die Aussagen decken sich mit den Angaben seiner Eltern kurz nach der Tat.

Auf einigen dieser Foren wird anonym gegen Minderheiten und Frauen gehetzt, auch gegen Juden. Foren, in denen der Holocaust geleugnet wird. Wo genau Stephan B. unterwegs war, ist noch nicht bekannt. Derzeit werten die Ermittler Handy und Computer des mutmaßlichen Attentäters von Halle aus.

Halle-Attentäter: Hass live ins Netz gestellt

B. soll diese Foren als Raum empfunden haben, in denen er seinen Hass offenbar „frei äußern“ konnte, ohne Sanktionen fürchten zu müssen. So hat sich B. in seinem Geständnis geäußert. Das teilten Sicherheitsbehörden nach Informationen unserer Redaktion in einer nicht-öffentlichen Sitzung des Innenausschusses mit.

Ein mutmaßlich von Stephan B. kurz vor der Tat veröffentlichtes Pamphlet sowie das live ins Internet übertragene Video geben Einblick in die antisemitischen und rassistischen Gedanken des Angreifers von Halle.

45 selbstgebastelte Sprengsätze stellte die Polizei laut Aussagen im Innenausschuss in dem Flucht-Auto von B. sicher, insgesamt vier Kilo Sprengstoff und Munition. Bisher haben die Ermittler keine Belege dafür, dass Stephan B. Mitwisser oder sogar Helfer hatte.

Und doch werfen aktuelle Ermittlungen Fragen auf. Zwei Männer aus Mönchengladbach sollen das perfide „Manifest“ des mutmaßlichen Attentäters von Halle im Internet verbreitet haben – unmittelbar nach der Tat. Die Wohnung der Beschuldigten sei am Mittwoch durchsucht worden, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Mönchengladbach, Jan Steils.

Was wussten die beiden Männer?

Es bestehe der Verdacht, dass sie „vom Attentäter herrührende“ Dokumente mit volksverhetzendem Inhalt „zeitnah zum Attentat von Halle“ verbreitet hätten. Auf die Frage, ob es sich dabei um das „Manifest“ des Attentäters handele, sagte Steils, das treffe zu. Gegen die 26 und 28 Jahre alten Männer werde wegen Volksverhetzung ermittelt.

Die „Süddeutsche Zeitung“ hatte zuvor online – nach gemeinsamen Recherchen mit WDR und NDR – von einer verdächtigten Person aus Mönchengladbach berichtet. Diese stehe im Verdacht, mit dem Attentäter in Verbindung gestanden und über die geplante Tat informiert gewesen zu sein.

Dazu äußerte sich die Mönchengladbacher Staatsanwaltschaft nicht. Steils betonte, es handele sich bei den Untersuchungen in Mönchengladbach um ein „separates Verfahren“. Klar ist aber auch: Beamte des NRW-Landeskriminalamtes stellten „zahlreiche elektronische Geräte und Speichermedien“ sicher.

Auffällige Passagen im „Pamphlet“

Und noch etwas fällt auf: In dem „Tatplan“, den Stephan B. ins Netz stellte, bevor er loszog und vor der Synagoge eine Frau und später einen jungen Mann in einem Döner-Imbiss erschoss, springen zwei Passagen ins Auge. Dort ist das englische Wort „if“ durchgestrichen und durch ein „when“ ersetzt. Eine Art Sprachkorrektur.

Wurde diese Korrektur von Stephan B. selbst eingefügt? Oder hat jemand anderes das „Manifest“ vorher gelesen und diese Anmerkungen gemacht. Erkenntnisse dazu haben die Sicherheitsbehörden nach Informationen unserer Redaktion noch nicht. Die Ermittler gehen dieser Spur jedoch nach.

(mit dpa)