Energieversorgung

Bundesamt warnt vor "katastrophalen" Folgen bei Blackout

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz warnt: Ein Blackout könnte katastrophale Folgen haben. Deutschland müsse sich besser vorbereiten.

Ein Hubschrauber fliegt im Jahr 2005 über umgeknickte Strommasten auf einem Feld bei Laer in der Nähe von Münster. (Archivbild)

Ein Hubschrauber fliegt im Jahr 2005 über umgeknickte Strommasten auf einem Feld bei Laer in der Nähe von Münster. (Archivbild)

Foto: dpa Picture-Alliance / Franz-Peter Tschauner / picture-alliance/ dpa/dpaweb

Berlin.  Von der einen Sekunde zur anderen geht nichts mehr – Licht, Kühlschrank, Internet, alles aus. Wenn der Strom nicht mehr fließt, steht der Alltag still. Hunderttausende haben in Deutschland allein in diesem Jahr die Folgen eines Blackouts zu spüren bekommen.

In Lübeck etwa, als im Mai für 190.000 Haushalte der Strom für vier Stunden ausfiel – ein Defekt im Umspannwerk war die Ursache. Oder in Hamburg, als im Juni eine schadhafte Isolierung an einem Kupferkabel den Flughafen für fast einen ganzen Tag lahmlegte und Tausende Passagiere stranden ließ.

In Berlin waren in diesem Jahr mehrmals Tausende Haus­halte von zeitweise gekappten Stromversorgungen betroffen. Und dann die vielen kleinen lokal begrenzten Stromausfälle durch Stürme, Wasserschäden oder menschliches Versagen.

Rein statistisch muss jeder Deutsche im Durchschnitt 12,8 Minuten pro Jahr ohne fließende Elektrizität ­auskommen. Das ist vergleichsweise wenig – Deutschland rühmt sich einer außerordentlich stabilen Energieversorgung.

Warnung vor gravierenden Versorgungsmängeln

Doch staatliche Experten wollen Vorkehrungen treffen, falls es eines Tages zum ganz großen Knall kommt: zu einem Blackout, der über Tage, Wochen und Monate anhalten kann, ausgelöst durch eine schwere Naturkatas­trophe, einen Cyberangriff oder einen physischen Angriff auf die Stromversorgung.

Wie diese Vorkehrungen aussehen und wo der Staat noch handeln muss, ist in einem internen Positionspapier des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) nachzulesen, das unserer Redaktion vorliegt. Es enthält eine Warnung: In Deutschland könnte es bei einem längeren und großräumigen Stromausfall zu gravierenden Versorgungsmängeln kommen. Die Auswirkungen wären „katastrophal“, heißt es in dem Papier. „Solche Ereignisse können zur Zerstörung von wichtigen Anlagen in der Stromversorgung führen“, ist weiter zu lesen. „Würde dies eintreten, müssten wir mit Stromausfällen über Tage, ­Wochen oder Monate rechnen.“

Die Autoren warnen vor einem „erheblichen Verteilungsproblem für wichtige, teils lebenswichtige Güter“. Insbesondere auf der Ebene der Länder und Kommunen gebe es Bedarf an Notfallplänen für die Verteilung von Kraftstoff, Lebensmitteln, Medikamenten.

Heftiger Stromausfall im Münsterland als Lehrstück

Laut dem BBK-Papier ist Deutschlands Stromversorgung „grundsätzlich sehr sicher“ und hat weltweit mit die kürzesten Ausfallzeiten. Das BBK lobt zudem die wachsende IT-Sicherheit und die steigende Zahl an Notstromaggregaten in Deutschland. Auch habe es in den vergangenen Jahren zahlreiche Übungen zu Strom- oder Energieausfällen gegeben. Dennoch könne es auch hier zu lang anhaltenden und großräumigen Stromausfällen kommen.

Wie sich so ein richtig großer Stromausfall anfühlt, wissen die Menschen im Münsterland. Im November 2005 knickten 82 Strommasten in der Region nach heftigen Schneefällen ein. 250.000 Menschen mussten zum Teil tagelang ohne Strom auskommen, viele schliefen in Turn- oder Stadthallen. Das öffentliche Leben war buchstäblich eingefroren. Der Gesamtschaden stieg auf einen dreistelligen Millionenbetrag. Ein regionaler Katastrophenfall mit positivem Nebeneffekt: Neun Monate später wurden im Münsterland auffallend viele Kinder geboren – die „Schnee-Babys“.

Die chaotischen Zustände damals gelten bis heute als Lehrstunde für deutsche Katastrophenschützer. Die kalten Tage im Münsterland veranschaulichen, wie verwundbar die hoch technisierte Gesellschaft ist, wenn sie ohne elektrische Energie auskommen muss.

Nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche wären betroffen

Welche Folgen hätte ein Blackout dann für die Privathaushalte? Die Antwort des Behörden-Papiers: „Aufzüge, Heizungen und Licht würden zu Hause sofort ausfallen. Auch der Kühlschrank in der Wohnung oder die Kühlung in Supermärkten wären sofort betroffen.“ Weiter heißt es: „Die meisten Tankstellen könnten keinen Treibstoff mehr herausgeben. Innerhalb von Stunden könnten Telefone und Internet nicht mehr genutzt werden. An Bargeld würde man nicht mehr herankommen.“

Auch die medizinische Versorgung würde demnach nur für kurze Zeit aufrechterhalten werden können. „Nach 24 Stunden käme es zu weitgehenden Einschränkungen in Krankenhäusern und der Wasserversorgung. Arzneimittel und Medizinprodukte könnten nicht mehr oder nicht mehr in ausreichendem Maße nachgeliefert werden. Impfstoffe und Blutprodukte würden verderben.“

Das Amt ist überzeugt, dass nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche betroffen wären. Man müsse sich darüber im Klaren sein, dass eine flächendeckende Versorgung über ­mobile Notstromaggregate sicherlich nicht möglich sei, warnt das Amt. Die Bevölkerung müsse vorsorgen. Als Notfallhilfen schlägt es Taschenlampen und Kurbelradios vor, dazu Vor­räte an Lebensmitteln, Wasser und Hygieneartikeln. Auch müssten Schulen und Kindergärten sensibilisiert werden.

Bei schwerwiegenden Stromausfällen sei auch die Kommunikation zwischen Staat und sogenannten Kritischen Infrastrukturen nicht sichergestellt. Kritische Infrastrukturen sind etwa die Versorgung mit Energie, Ernährung und Wasser sowie die Bereiche Verkehr, Telekommunikation, Finanzwesen und Medien. Da die Notfallplanung bisher „heterogen“ sei, schlägt das Bundesamt eine gesetzliche Anforderung an die Notstromversorgung in Kritischen Infrastrukturen vor.

Hunderttausende Ukrainer saßen im Dunkeln

Zugleich sieht die Behörde potenzielle Angriffsflächen durch die Digitalisierung: „Unsere Abhängigkeit von der digitalen Technik steigt dramatisch, und digitale Technik bietet Fläche für Cyberangriffe.“ Man mache sich durch die Digitalisierung „auch verwundbar“, heißt es beim Bevölkerungsschutz-Amt. Benötigt würden eine gute IT-Sicherheit und „Rückfallebenen“ zur Aufrechterhaltung von Systemen für den Fall eines Technikausfalls – „und zwar bei Staat, Wirtschaft und Bevölkerung“.

Dass Cyberattacken zur realen Bedrohung geworden sind, ist den Sicherheitsbehörden seit Jahren bewusst. Ihre Warnungen wurden zuletzt lauter. Ein Ereignis in der Ukraine vor drei Jahren wirkte als Weckruf: Am 23. Dezember 2015 saßen Hunderttausende Ukrainer auf einmal im Dunkeln – und das stundenlang.

Ein ­Hackerangriff auf einen regionalen Stromversorger hatte das System kollabieren lassen. Per E-Mail hatten die unbekannten Angreifer eine Schadsoft­ware eingeschleust – mit gravierenden Folgen für die gesamte Infrastruktur. Zeitgleich wurde damals ein Angriff auf deutsche Einrichtungen festgestellt. Für die Attacke machten die deutschen Sicherheitsbehörden Täter aus Russland verantwortlich.

Die deutsche Energiewirtschaft sieht sich heute gut gewappnet. Die Branche investiert massiv in die IT-Sicherheit, und die deutschen Sicherheitsstandards gehen weit über die Mindestanforderungen der EU-Cybersicherheitsrichtlinie hinaus. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) verspricht, alles gegen den möglichen Blackout durch einen Cyberangriff zu unternehmen. „Die Gefahr möglicher Sicherheitsbedrohungen wird sehr ernst genommen“, erklärt BDEW-Hauptgeschäftsführer Stefan Kapferer auf Anfrage. Und versichert, dass die Vorkehrungen für die IT-Sicherheit in der Energiewirtschaft „höchste Priorität“ hätten.

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