Leitartikel

Jeder Demokrat ist gefordert

Heute jährt sich die Pogromnacht. Der Antisemitismus muss weiter bekämpft werden, meint Jochim Stoltenberg.

Jochim Stoltenberg

Jochim Stoltenberg

Foto: Frank Lehmann

Nach all dem, was wir über das Brandschatzen, Zerstören, Demütigen und Morden heute vor 80 Jahren unumstößlich wissen, ist es unfassbar, dass der Antisemitismus seine schreckliche Fratze in unserem Land wieder blicken lässt. Einen Rest von Unverbesserlichen wird es immer geben. Aber das Alarmierende ist, dass antijüdische Ressentiments in den vergangenen Jahren neu belebt worden sind. Eine Schande für das Land des Holocausts.

Alles ehrliche Bemühen um historische Aufarbeitung, alles Mühen um Versöhnung mit den Überlebenden des nationalsozialistischen Wahnsinns hat nur bedingt erreicht, was eigentlich selbstverständlich hätte sein sollen: Antisemitismus der primitiven wie der intellektuell verbrämten Variante darf sich in Deutschland nie wieder breitmachen. Der Alltag sieht bekanntlich leider anders aus. Kaum dass jüdisches Leben in den vergangenen Jahrzehnten sichtbar auch nach Berlin zurückgekehrt ist, wird es schon wieder bedroht. „No-go-Areas“ für Kippaträger, jüdische Restaurants werden bedroht. Mitbürger jüdischen Glaubens berichten immer häufiger von Einschüchterungen, was einst nur anonym geäußert wurde, wird jetzt offen beleidigend ausgesprochen und geschrieben.

All das 80 Jahre nach der Pogromnacht. Gedenken allein an das Schreckliche, das an jenem 9. November 1938 geschah, ist längst zu wenig geworden. Jeder Demokrat muss widersprechen, wenn in seinem engsten oder weiteren Umfeld antisemitisches Denken verbreitet wird. Nur dann kann bewahrt oder vielleicht auch nur noch gerettet werden, was an jüdischem Leben wieder heimisch geworden ist, was unser Land wie einst wieder bereichert und was unser Ansehen in der Welt wieder bestärkt hat.

Zweifellos ist der wieder anschwellende Antisemitismus durch die Zuwanderung von Menschen aus dem nahöstlichen arabischen wie aus dem türkischen Raum mit ausgelöst. Der Nahost-Konflikt, also die Unversöhnlichkeit zwischen den dortigen Konfliktparteien, wird ja längst auch auf deutschem Boden ausgetragen.

Doch dahinter dürfen wir Deutschen uns nicht verstecken. Denn es ist ja allenfalls die halbe Wahrheit. Längst sind die Rechtsextremisten, die ja zugleich fast immer auch Antisemiten sind, aus der Deckung hervorgekrochen und treten immer dreister auf. Geradezu dreist und schwer fassbar, dass ausgerechnet sie für den heutigen Tag eine Demonstration angemeldet haben. Sie ist, gottlob, untersagt worden. Angesichts des höchst großzügigen deutschen Demonstrationsrechts leider keine Selbstverständlichkeit; schon gar nicht in Berlin, wie allzu viele Aufzüge in der Vergangenheit gezeigt haben. Wäre all das nicht schon beängstigend genug, versteigt sich der Vorsitzende einer im Bundestag vertretenen Partei zu einer Wertung des Nationalsozialismus, die auch dem Hohn spricht, was heute vor 80 Jahr geschehen ist. Wenn der so gern halbwegs gutbürgerlich auftretende Alexander Gauland wider besseres Wissen behauptet, der Nationalsozialismus sei „ein Fliegenschiss“ in der deutschen Geschichte, dann verniedlicht er zugleich das, was den deutschen Juden angetan worden ist. Er bestärkt damit – willentlich oder billigend in Kauf nehmend –, dass der Antisemitismus neue Nahrung findet.

Es ist überfällig, dass die moralisch ethischen Grundwerte unserer freiheitlich pluralistischen Gesellschaft wieder stärker in unser aller Bewusstsein gerückt werden. Und wo und wann immer nötig, mit der gebotenen Klarheit gegen alle Anfeindungen verteidigt werden. Dazu braucht es keinen Mut, sondern allein das Wissen um das, was vor 80 Jahren geschehen ist.

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