Wie war der Jubel groß: Nach der Einweihung der Neuen Synagoge an der Oranienburger Straße schrieb damals die „National-Zeitung“, dieses Gebäude sei nicht nur „ein Stolz der jüdischen Gemeinde Berlins“, sondern auch eine „Zierde der Stadt, eine der beachtenswertesten Schöpfungen der modernen Architektur“. Dieses Haus, schwärmte auch der Schriftsteller Theodor Fontane, würde „an Pracht und Großartigkeit der Verhältnisse“ alles weit in den Schatten stellen, „was die christlichen Kirchen unserer Hauptstadt aufzuweisen haben“.

Das war 1866. Nur wenige Jahrzehnte später, in der Nacht zum 10. November 1938, brannten im ganzen Deutschen Reich die Synagogen, auch in Berlin. Früh um halb fünf weckte lautes Klirren und Poltern die Hauptstädter aus dem Schlaf. Manche, wie die Journalistin Helen Hessel, rieben sich die Augen: Was will die Müllabfuhr schon so früh? „In der Morgendämmerung standen zwei Männer in Uniform, rauchten und sprachen ruhig miteinander, ohne sich im geringsten um das zu kümmern, was nur wenige Schritte vor ihnen geschah“, notierte sie. „Sechs bis acht junge Burschen in Zivil schlugen Schaufensterscheiben mit Eisenstangen in kleine Stücke, eine Scheibe nach der anderen.“ Die Feuerwehr rückte zwar an, durfte aber die in Brand gesteckten Synagogen nicht löschen, nur die Nachbargebäude schützen. Viele, auch Frauen und Kinder, standen nicht nur apathisch daneben. Sie machten mit, in Zivil. Wer jetzt jubelte, tat es aus Hass.

Das Gotteshaus als Ruine: Die Synagoge an der Fasanenstraße brannte vollständig aus.
Das Gotteshaus als Ruine: Die Synagoge an der Fasanenstraße brannte vollständig aus. © ullstein bild - Pictures from History | Pictures from History

Die große Synagoge in der Fasanenstraße wurde auf direkten Befehl Joseph Goebbels’ von SA-Truppen angezündet, sie brannte vollständig nieder. Auch von dem Gotteshaus in der Prinzregentenstraße und von der orthodoxen Synagoge in der Kaiserstraße blieben nur qualmende Schutthaufen übrig. Es gingen nicht etwa nur ein paar Glasscheiben und Kristallleuchter zu Bruch, wie es der Begriff „Reichskristallnacht“ suggeriert. Es wurden Menschen aus ihren geplünderten Wohnungen gezerrt, im Nachthemd durch die Straßen gejagt, verschleppt, ermordet oder in den Suizid getrieben.

Angeblicher Anlass für den von langer Hand geplanten Terror war das Attentat des 17-jährigen Herschel Grünspan auf den deutschen Legationssekretär Ernst vom Rath am 7. November in Paris. Der junge Mann protestierte mit seiner Tat gegen die gewalttätige Abschiebung polnischer Juden aus Deutschland. Jetzt hatten die Nazis ihren Vorwand. Die Novemberpogrome markierten den Übergang von der „bloßen“ Diskriminierung zur Vernichtung, zum Holocaust. Staatliche Vernichtungsroutine und entfesselter „Volkszorn“ (so nannte es die Propaganda) taten sich zusammen.

Zivilcourage war selten, aber es gab sie. Den Prachtbau in der Oranienburger Straße, für den Fontane einst so schwärmte, rettete Wilhelm Krützfeld, der Vorsteher des zuständigen Polizei­reviers Berlin-Mitte. Er verwies stur auf den Denkmalschutz, verjagte die SA-Trupps und gab der Feuerwehr den Löschbefehl. Heute ist, neben einem Gebetsraum, das Centrum Judaicum darin untergebracht. Die im Jahr 1904 eröffnete Synagoge in der Rykestraße blieb in jener Nacht ebenfalls weitgehend verschont, wohl vor allem deshalb, weil sie zu dicht von Wohnhäusern umgeben war.

Doch im übrigen Stadtbild ist die Zerstörung so umfassend wie nachhaltig. Wo einst Menschen beteten, sieht man heute Parkplätze, Grünflächen, Kitas, ein paar Gedenktafeln. Das älteste jüdische Gotteshaus Berlins, die 1712–1714 erbaute Alte Synagoge unweit des Hackeschen Marktes, konnte zunächst ein „arischer“ Hausmeister retten, 1943 fiel sie jedoch Bombenangriffen zum Opfer. Ein paar Grundmauern sind heute freigelegt.

Das Ausmaß der Zerstörung kann nur ermessen, wer sich daran erinnert, wie prägend diese einst geachteten Gotteshäuser für die ganze Stadt waren. Etwa 160.000 Mitglieder zählten hier die jüdischen Gemeinden noch bis 1933. Für Juden waren die Gotteshäuser und Beträume seit der Machtübertragung an die Nationalsozialisten noch wichtiger geworden, als Orte des Zusammenhalts und der Selbstvergewisserung.

Heute zählen die jüdischen Gemeinden in Berlin knapp 10.000 Mitglieder, geschätzt ebenso viele meist säkular eingestellte Israelis leben in der Stadt. Es zog neues Leben in die Gemeinden ein. Seit Beginn der 90er-Jahre kamen viele Juden aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion nach Berlin, einige von ihnen beten in der Synagoge in der Ryke­straße. Mit 1200 Plätzen ist sie die größte Deutschlands. Von den Architekten Ruth Golan und Kay Zareh behutsam im neoromanischen Stil von 1904 instand gesetzt, wurde sie 2007 mit 1200 Plätzen feierlich wiedereröffnet.

Berlin, 10. November 1938: ein Schutzpolizist vor einem Geschäft mit eingeschlagener Schaufensterscheibe an der Oranienburger Straße.  es/akg-images
Berlin, 10. November 1938: ein Schutzpolizist vor einem Geschäft mit eingeschlagener Schaufensterscheibe an der Oranienburger Straße. es/akg-images© akg-images | akg-images

Eine Sensation wurde im vergangenen Frühjahr bekannt gegeben: Am Fraenkelufer in Kreuzberg soll in den nächsten Jahren erstmals eine Synagoge vollständig wieder aufgebaut werden. Alexander Beer, Baumeister der jüdischen Gemeinde, hatte das Gotteshaus von 1913 bis 1916 geschaffen, nur ein Seitengebäude steht heute noch und wird als Synagoge genutzt. Ersten Entwürfen zufolge will der Architekt Kilian Enders keine historische Rekonstruktion, sondern vereinfachte Formen ganz in Weiß, eine „bleibende Leerstelle“, denn „die Geschichte darf nicht überschrieben werden“.

Die Idee zum Wiederaufbau der ­Synagoge kam übrigens von SPD-Fraktionschef Raed Saleh. Gideon Joffe, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, sagte zur Vorstellung der Pläne, „dass ein Deutscher, ein Berliner palästinensischen Ursprungs, der jüdischen Gemeinde helfen würde, jüdisches Leben zu etablieren“, sei „eine fantastische Geschichte“. Es ist eine Berliner Geschichte. Das Gebäude soll ein Ort der Begegnung werden, für alle. Das Wort Synagoge ist griechisch und heißt: Zusammenkunft.

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