Protest-Wähler

Die Sehnsucht nach Abschottung treibt Wähler zur AfD

Mit scharfen Parolen ist die AfD erfolgreich wie nie zuvor. Ihre Wähler sind vor allem jung, männlich, arbeitslos. Hält der Erfolg?

Die AfD ist vor allem eine Protestpartei. 64 Prozent der Wähler geben an, ihre Stimme aus Enttäuschung über die anderen Parteien den Rechtspopulisten gegeben zu haben.

Die AfD ist vor allem eine Protestpartei. 64 Prozent der Wähler geben an, ihre Stimme aus Enttäuschung über die anderen Parteien den Rechtspopulisten gegeben zu haben.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Berlin.  Frauke Petry hätte viel erzählen können vom Erfolg ihrer „Alternative für Deutschland“. Mit hohen Wahlergebnissen sind die Rechtspopulisten in drei Länderparlamente eingezogen – in Sachsen-Anhalt stimmte jeder Vierte für die AfD. Doch Parteichefin Petry konnte am Morgen nach der Wahl im ZDF nichts davon erzählen. Sie hatte den Termin vergessen. Petry ist das Gesicht der Partei, die nun in acht Landesparlamenten sitzt. Und die 2017 auch in den Bundestag will. Kann das der „Alternative“ gelingen?

Wen schickt die AfD ins Parlament?

Die bundesweit stärkste Fraktion stellt die AfD in Sachsen-Anhalt. Doch die wenigsten der 24 künftigen Abgeordneten sind politisch erfahren. Sie sind Handwerker, Gemüsebauer, Angestellte, einige haben studiert. Auf Nachfragen zum Programm widersprechen sie sich manchmal sogar. Und sie fielen bisher auch abseits der Politik auf: AfD-Landeschef André Poggenburg (40) drohte vor einigen Monaten Beugehaft, weil seine Firma, ein kleine Autokühlerfirma bei Naumburg, etliche Rechnungen nicht mehr beglich.

Ein besonderer Exot in einer Fraktion ist Robert Farle. Er stammt aus Gladbeck in NRW und war dort lange Jahre in der von der DDR finanzierten DKP. Nun gewann er, der nicht einmal auf der AfD-Liste stand, als Direktkandidat den Saalekreis mit 30,1 Prozent. Der Intellektuelle in der Fraktion wird Hans Thomas Tillschneider sein. Der Islamwissenschaftler, der bisher bei der Universität Bayreuth beschäftigt war, arbeitet auch für das neurechte „Institut für Staatspolitik“, auf dessen Veranstaltung sich der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke über den „afrikanischen Ausbreitungstyp“ ausließ.

In Rheinland-Pfalz ist die AfD mit 14 Abgeordneten und einem Soldaten an der Spitze in den Landtag eingezogen und gibt sich betont bürgerlich. Spitzenmann Uwe Junge, 58 Jahre alt, ist Bundeswehrsoldat, sein Stellvertreter Joachim Paul ist Lehrer. Der Dritte im Spitzentrio, Jan Bollinger, ist promovierter Wirtschaftswissenschaftler. Ein Blick hinter die unauffällige Fassade fördert bei Junge eine Mitgliedschaft in der islamfeindlichen Partei „Die Freiheit“ zutage, er selbst versichert, er sei „ideologiefrei“. Vizechef Paul ist Mitglied einer Burschenschaft, für die ein „Ariernachweis“ nötig ist.

In Baden-Württemberg bekommt die AfD 23 Sitze im Parlament, auch hier tritt die Partei deutlich moderater auf als im Osten. Jörg Meuthen, Spitzenkandidat bei der Landtagswahl und Co-Vorsitzender von Frauke Petry, gibt sich sachlich, konservativ und wirtschaftsliberal. Aber es gibt nicht nur gemäßigte AfD-Mitglieder im Ländle. Markus Frohnmaier, Mitglied im Landesvorstand, fiel mit radikalen Sätzen auf, die nach NPD klingen: „Wenn wir kommen, dann wird ausgemistet, dann wird wieder Politik für das Volk und nur für das Volk gemacht.“ Über die AfD-Landesliste in den Landtag geschafft hat es unter anderem Heinrich Fiechtner. Über ihn ist vor allem bekannt, dass er Adolf Hitlers „Mein Kampf“ mit dem Koran verglichen hat. Den Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) nennt er einen „miesen faschistoid-populistischen Scharfmacher“.

Wer wählt die AfD?

Die AfD ist vor allem eine Protestpartei. 64 Prozent der Wähler geben an, ihre Stimme aus Enttäuschung über die anderen Parteien den Rechtspopulisten gegeben zu haben. AfD-Chefin Petry sagte am Tag nach der Wahl: „Tatsache ist doch aber, dass auch Protest eine inhaltliche Aussage ist, denn es grenzt einen von anderen Parteien ab.“

Und so wanderten von allen anderen Parteien am Sonntag Wähler zur AfD, vor allem aber waren es welche von der CDU. Auf die Asylpolitik von deren Parteichefin und Kanzlerin Angela Merkel mobilisierte offenbar viele Menschen. Die alte Gleichung geht nicht mehr auf: niedrige Wahlbeteiligung stärkt die Populisten. In allen drei Bundesländern stieg die Wahlbeteiligung deutlich an. Davon profitiert die AfD. In Sachsen-Anhalt holt die Partei die meisten Stimmen aus der Gruppe der Nichtwähler. Auch in Baden-Württemberg kann die AfD 207.000 Ex-Nichtwähler mobilisieren. Und in Rheinland-Pfalz immerhin noch 77.000. Das ist allerdings kein AfD-Unikum: Auch Grüne, CDU und SPD konnten frühere Wahlverweigerer für sich überzeugen. Die Fluchtkrise hat die Menschen in Deutschland politisiert.

Anders als bei ihren Konkurrenten ist die AfD bei Männern deutlich beliebter als bei Frauen, ermittelte Infratest dimap. Im Auftrag der ARD hat das Institut am Wahltag in Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz jeweils etwa 25.000 Wähler, in Baden-Württemberg etwa 35.000 Wähler nach ihrer Stimmabgabe in Wahllokalen befragt. In Baden-Württemberg sind demnach 32 Prozent der AfD-Wähler arbeitslos, in Rheinland-Pfalz 26 Prozent, in Sachsen-Anhalt sogar 36 Prozent. Aber auch viele Arbeiter und auch einige Angestellte wählten die Rechtspopulisten. Kleiner ist der Anteil der Selbstständigen und Rentner unter ihren Wählern.

Überraschend ist, wie viele junge Menschen für die rechte Partei stimmen – vor allem junge Männer. In Sachsen-Anhalt wählte jeder vierte Unter-25-Jährige die AfD. In allen drei Bundesländern holt die AfD die meisten Stimmen bei den 25 bis 44 Jahre alten Wählern. „Wir sehen, dass junge Menschen nicht mehr der allgemeinen Annahme entsprechen, dass neue Generationen automatisch globaler und weltoffener heranwachsen“, sagt der Bielefelder Demokratieforscher Andreas Zick im Gespräch mit unserer Redaktion. „Es gibt unter jungen Wählern eine Sehnsucht nach nationalem Chauvinismus und Abschottung.“ Viele seien empfänglich für Populismus und fühlten sich als Globalisierungsverlierer. „Und viele sind es ja tatsächlich auch.“

Bleibt die AfD stark?

Parteienforscher wie Hajo Funke aus Berlin sagen: Sobald die Politik die Herausforderung der hohen Zahl an Geflüchteten meistert, sinke sie Zustimmung für die AfD. Doch die Zahl der Neuankommenden ist bereits deutlich gesunken, die Bundesregierung hat schärfere Asylgesetze erlassen – und dennoch feiert die AfD Erfolge. Neben der Fluchtkrise spielen laut Demokratieforscher Zick daher auch andere Faktoren eine Rolle: „Parteien von CDU bis Grüne und Linke brauchen ein positives Zukunftsbild, mit dem sich die Menschen etablieren können. Es reicht nicht zu sagen: Die Extremisten liegen falsch.“

Konzepte etwa für ein „Nationalgefühl“ müssten jedoch auf positiven Szenarien aufbauen – und auch Einwanderung und ihre Grenzen einschließen. „Die ganze Zeit von Krisen und Katastrophen zu reden, hilft nur den Populisten.“ Laut Medienberichten wollen sich einzelne AfD-Spitzenpolitiker künftig nach außen auf die Ablehnung des Islam fokussieren. So hatte etwa Partei-Vize Beatrix von Storch in einer internen Mail geschrieben, dass die Themen Euro und Asyl verbraucht seien, berichtete das Recherchenetzwerk „Correctiv“. Die deutsche Presse, so von Storch in ihrem Schreiben an die Parteikollegen, werde sich dagegen auf „unsere Ablehnung des politischen Islams stürzen“.

AfD-Chefin Petry entgegnete dazu: „Die AfD bietet Inhalte zu vielen Themen an, von der Familienpolitik über die Finanzpolitik bis hin zur Sozialpolitik. Wir werden uns nicht auf ein Thema fokussieren.“ Im Wahlkampf dominierte fast ausschließlich die Fluchtkrise. Davon profitierte die AfD.